Swantje Roersch | Von Klippschliefern, Naturidylle und unsichtbaren Gefahren
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Von Klippschliefern, Naturidylle und unsichtbaren Gefahren

Ich sitze in Hermanus an eine Felswand gelehnt und lausche dem tosenden Brechen der Wellen, die an den herausragenden Felskanten zerbersten. Eine kleine Brise weht – nicht zu vergleichen mit dem unbändigen Wind, der die letzten Tage diese kleine Stadt bestimmt hat. Eine kleine Brise, in der ein Möwe sich genüsslich treiben lässt, leicht wie eine Feder. Ein Falter fliegt in schwingenden Bewegungen direkt an mir vorbei, ein Klippschliefer schaut neugierig um die Ecke, um sich zu versichern, dass ich technisch ausgestatter Eindringling keine Gefahr für die Familie darstelle. Er nähert sich neugierig, bleibt aber in sicherer Entfernung und macht sich schließlich wieder von dannen. Die Zeit scheint still zu stehen. Ich fühle mich wie ein Besucher in einer Welt, die wir so oft nur noch durch die HD Oberfläche unseres Fernsehers in einer Mare Dokumentation betrachten oder im Vorbeigehen über einen kleinen Wanderweg mit einem Blick streifen und dann schnell wieder aus den Augen verlieren. Es ist so viel atemberaubender, den von Menschenhand gemachten Pfad auf ein paar Meter zu verlassen und sich der Umgebung, den Gerüchen, Tieren und Geräuschen einmal voll und ganz hinzugeben, eins zu werden. Plötzlich schärfen sich die Sinne, kleine Tiere, Dinge und Bewegungen werden relevanter. Hinter jede Ecke könnte ein unerwartetes Ereignis warten, ein kleines Wunder geschehen, ein unglaubliches Wesen wohnen.

Ich spüre einen ganz feinen Sprühnebel in der Luft, der von den zerschellenden Wellen herüber weht. Es ist friedlich hier. Die einzigen, die ein wenig Unruhe verbreiten, sind eine Gruppe von Möwen, die sich gegenseitig von den Sonnenplätzen auf den Steinen vertreiben und ein paar Klippschliefer, welche aufgeregt über einen Felsen jagen.

Bei meinen kleinen Ausflügen auf eigene Faust spüre ich neben der Natur auch ganz besonders die Wirkung des Alleinseins. An einem Ort wirklich allein zu sein, oder viel mehr sich allein zu fühlen, löst so viele Gedanken aus. Man verspürt keine Scham, für nichts. Warum auch, wenn der einzige, der über einen urteilen könnte, der singende Vogel auf dem Zweig oder der Klippschliefer auf dem nächsten Stein ist?

Auch gibt es keinen Neid, keine Rachsucht oder die Angst, jemand könnte einen bestehlen oder es auf einen abgesehen haben. Natürlich weiß ich nicht sicher, dass niemand da ist. Schließlich kann ich trotzdem überfallen werden oder ausgeraubt oder vergewaltigt. Diese Dinge kann man nie ausschließen. So gesehen bedeutet »allein« zwar erst mal Frieden aber keinesfalls, dass man sich außer Gefahr befindet. Doch was bedeutet Gefahr? Ist sie überhaupt da? Ist sie real? Und wenn ja, wie gehe ich ihr aus dem Weg? Ein interessantes Erlebnis hatte ich auf einer kleinen Wanderung auf eigene Faust im Fernkloof Nature Reserve von Hermanus. Dieses gilt so weit als sicher, mein Gastgeber in Hermanus wies mich allerdings darauf hin, dass in diesem Gebiet durchaus Schlangen zu finden seien (er betonte dies auf Grund einer Schlangenphobie mehrere Male). Ich dachte gar nicht mehr daran und tappelte fröhlich durch die schmalen, teils steilen Pfade. Mein Weg machte gerade eine Kurve, als neben meinem rechten Fuß eine kleine Schlange aus dem Dickicht schoss und in mitten des Weges liegenblieb. In heimischen Wäldern hätte mir das sicher nichts ausgemacht, aber hier wurde mir doch unwohl bei dem Gedanken, ihr zu nahe zu kommen. Ich wartete einige wenige Minuten, doch sie wollte den Weg nicht freigeben und ich war nicht tapfer genug, sie dazu zu zwingen. Da ich nicht auf eine andere Route ausweichen konnte, kehrte ich um. Im Nachhinein, muss ich jedoch feststellen, war das grober Quatsch. Weiter zu gehen oder zurückzugehen war ungefähr gleich gefährlich. Es hätte genauso gut zwei Meter nach meiner Kehrtwende die nächste Schlange aus dem Dickicht schießen können. Gefahr kann überall sein, so lange sie unsichtbar ist. Aber habe ich nun mehr Angst vor der Schlange, wenn sie direkt vor mir liegt, oder mehr, wenn ich sie gar nicht erst entdecke? Habe ich mehr Angst, vor dem grimmig dreinblickenden Mann, den ich vor mir stehen sehe oder mehr, wenn ich keinen sehe und mir bloß vorstelle, es könnte jeden Moment ein Vergewaltiger hinter der nächsten Ecke hervorspringen? Nun ja, sagen wir mal so: Der Mann, den ich sehe, ist real und immerhin ein kalkulierbares Risiko. Kann sein, dass er mich angreift, oder bedroht – kann auch sein, dass er einen schlechten Tag hat und nur deshalb grimmig schaut. So oder so kann ich selbst die Entscheidung treffen, wie ich diesem Mann begegne oder wie ich mit ihm umgehe. Und mit den Gefahren, die ich nicht sehe, ist es wahrscheinlich gar nicht so anders.

Was aber, wenn es eine Gefahr ist, von der ich noch gar nichts weiß? Die Gefahr, die man nicht kennt, ist die schönste von allen, weil man keine Angst vor ihr hat. Es geht wohl um Kenntnis oder Unkenntnis – um Wissen. Man sollte also einiges an Ortskenntnis und Grundwissen mitbringen, um sich irgendwo »sicher« bewegen zu können. Und doch muss ich sagen, möchte ich nicht alle Negativ-Beispiele und Horror-Geschichten hören. Es ist vielleicht ein bisschen zu vergleichen mit dem Googlen von Krankheiten: Je mehr man sich durchliest oder anhört, desto sterbenskränker ist man am Ende des Tages.

Es ist also eine Mischung aus Wissen, Abwägen der Wahrscheinlichkeiten, kalkuliertem Risiko und gesundem Menschenverstand, die anzuwenden ist. Fast alles andere fällt unter die Kategorie Pech – und das kann man überall auf der Welt haben.

Der kleine Klippschliefer hat ein aggressives Gesicht aufgesetzt, nähert mir sich immer wieder und lässt auch nicht locker. An dieser Stelle beende ich meine Schreiberei – ich bin schließlich bei ihm zu Besuch und möchte keine Gefahr für ihn darstellen in dieser kleinen heilen friedlichen Welt.
Ich verlasse diesen ruhigen wundervollen Ort, leergeschrieben für den ersten Moment. Und so schnell kann es gehen, dass man mit einer ruhigen idyllischen Szenerie beginnt und bei Angst, Gefahr und Vergewaltigern endet. Aber das passiert eben manchmal, wenn man sich seinen Gedanken hingibt..

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