Swantje Roersch | Afrika
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Kapstadt – das südlichste Europa der Welt

Bei all den erkenntnisreichen Ergüssen, die mir während meiner Reise aus den Fingern fließen, komme ich nicht umhin auch mal einen kleinen etwas klassischeren Reisebericht einzuschieben. Ich habe Südafrika abgeschlossen und möchte dieses Land nicht einfach unbeschrieben zurück lassen.
Vorweg muss ich schon mal gestehen, dass ich nicht wirklich von Südafrika schreiben kann. Ich kann von Kapstadt, dem kleinen eigenen Europa am südlichen Zipfel des Landes, und von der Garden Route – doch zu dieser vielleicht an anderer Stelle mehr. Das Folgende kann allen, die bereits in Cape Town waren, ein lächelndes Zurückerinnern bescheren und allen, die noch dort hin wollen einen netten ersten Vorgeschmack geben.

Kapstadt ist eine vibrierende funkelnde Metropole mit so vielen Gesichtern, wie es Dinge zu erleben gibt. Ich möchte die Reisetipps kurz halten und nur kurz und knackig anreißen, was euch dort erwartet. Wie gerade schon angedeutet: Glaubt nicht, dass ihr dort „Afrika“ zu spüren bekommt. Natürlich könnt ihr bunte Armbänder, hölzerne Giraffenfiguren oder farbenfrohe Gewänder kaufen, aber ihr werdet hier nicht auf einem Elefanten reiten, mit den Löwen schlafen oder euch durch den Dschungel schlagen. Es gibt hier genauso Konzerte, Hipsterviertel, Szene Cafés und allen anderen Klimm-Bimm, den es in jeder anderen Stadt von Welt auch gibt. Auch Kapstadt hat dunkle Ecken und fröhliche Ecken und teure Ecken und hektische Ecken. Auch Kapstadt hat Berufsverkehr, bei dem gar nichts mehr geht, und Mietpreise, denen man beim steigen quasi zusehen kann – wie das ist einer Metropole eben so ist.
Was diese Stadt aber so besonders macht, ist die Kombination von Rundum-Meer und den Bergen in der Mitte. Die südafrikanische Sonne brennt im Sommer (unserem Winter) kräftig einen weg, während der South-Eastern-Wind (Cape-Doctor) einem vom Meer die ersehnte Abkühlung bringt.

Die Kapstädter, örtlich „Capetonians“ genannt, sind überspitzt gesagt eine Mischung aus schwarz, weiß, Südafrikaner, Holländern und Deutschen. Gesprochen wird Englisch, Xhosa oder Afrikaans – und da gibt es dann noch ein paar sprachliche Eigenheiten, wie zum Beispiel, Fragen mit einem „hey?“ zu beenden oder zur Verblüffung ein „Joh!“ oder „Jissis!“ auszustoßen.
Wir befinden uns hier außerdem in einem Land, in dem Kontraste zwischen arm und reich oder weiß und schwarz größer gar nicht sein könnten. Südafrikas Geschichte der Apartheid spiegelt sich natürlich auch hier wieder und so kann man am einen Ende der Stadt die teuersten Luxusvillen bewundern, am anderen Ende Townships mit Wellblechhütten vorfinden, die sich in einem scheinbar gewollten Chaos über große Fläche erstrecken.

Schauen wir doch noch einmal was Kapstadt denn nun so zu bieten hat. Ich gehe dabei jetzt mal nach Bezirken vor – diese sind überspitzt formuliert folgende:
Obz aka Observatory ist Studentenbezirk und wird von den meisten besser betuchten eher als „dodgy“ beschrieben, hat aber mit seinen Second-Hand-Läden, Restaurants und Cafés auf der Lower Main Road jede Menge Charme. Es grenzt an den Devilspeak, einen besonders anstrengend (!) zu besteigenden Ausläufer des Tafelberges.
In Woodstock geht das kreative Leben ab: Biscuit Mill Market, Design Studios, Ausstellungen, Start-Ups.
Es folgen etwas weiter nördlich Milnerton, Sunset Beach, Table View, Blouberg – endloser wunderschöner Strand, der an Nordsee und Dänemark erinnert, mit bestem Blick auf Kapstadt City und den Tafelberg (als absoluter Kite-Surfing Strand bekannt).
Zurück in Kapstadt: das Stadtzentrum. Im Schutze des Tafelberges wandert man durch Long-Street (bei Tag Touri-Meile, bei Nacht Party-Meile), Loop-Street, Bree Street und Green Market (Geheimtipp „First Thursday“ mit freiem Eintritt in Galerien, kostenlosem Wein und jeder Menge feierfreudiger Menschen). Außerdem zu finden: Tambourskloof, Bo-Kaap, Civic Center, Bahnhof und Minibus-Anlaufstelle.
Nächstes Highlight – V&A Waterfront und der Hafenbereich: Schicki-Micki-Shoppen, Sehen und Gesehen-Werden, seine Yacht ausführen, zu Silvester Feuerwerk gucken oder einfach teuer essen gehen. Von hier aus kann man auch ein Boot Richtung Robben Island nehmen (frühere Gefängnisinsel, auf der Nelson Mandela lange Zeit verbrachte).
Weiter an der Küste entlang folgen Greenpoint, Seepoint, Clifton und schließlich Camps Bay, welche in dieser Reihenfolge auch steigende Grundstückspreise, Einkommen und Egos vorweisen. Lange Promenaden mit Grünanlagen, Alibi-Joggern oder Sonnuntergangs-Spaziergängern. Auch hier zu Hause sind Leuchtturm, Greenpark und das WM-Stadion. Clifton lädt zu einem Tag an Beach 1-4 und eiskaltem Wasser ein, Camps Bay trumpft auf mit feinen Restaurants, einem abendlichen Glas Wein mit den Schönen und Reichen oder dem Sonntag-Abend im Café Caprice (egal was man hier unternimmt, man wird auf jeden Fall Geld los).
Weiter geht’s mit Hout Bay, einem kleinen Fischer-Hafen, mit feinem weißen Sandstrand, jeder Menge Seehunden und einem atemberaubenden Wochenendmarkt in der Markthalle. Eine ganz eigene Welt bildet die Peninsula: Touri-Programm pur. Ein sehr schöner Nationalpark, mit dem süd-westlichsten Punkt Afrikas, Pinguine zum Anfassen und kleinen süßen Orten wir Simons Town oder Fish Hoek. Vorbei an Kalkbay folgt dann Muizenberg, die Surferhochburg mit den kleinen bunten Umkleidehäuschen. Von hier aus könnte man dann am Township Khayelitsha vorbei Richtung Strand fahren, einer kleinen Stadt in der False Bay (hier hat das Wasser dann auch endlich Badetemperatur). Alternativ dazu ein Tripp nach Stellenbosch – Weinhochburg, sehr schnieke und nett mit dem angrenzenden ebenso zauberhaften Franchoek. Will man es noch weiter treiben, macht man sich von hier auf die Route 44 und erreicht irgendwann Bettys Bay und schließlich Hermanus die Wal-Stadt, in der (hauptsächlich zwischen Juni und Oktober) jede Menge Wale zu sehen sind.

Das wars dann auch schon mit der kurzen, leicht verspäteten Zusammenfassung von Kapstadt und Umgebung. Ein kleiner Text wird dieser pulsierenden Metropole sicher nicht ganz gerecht und auch muss ich detailliertere Tipps und Erläuterungen aussparen – ich stehe euch aber jederzeit für Fragen bereit.
Ich habe die einzelnen Facetten und vor allem aber die Menschen, die ich in dort kennen lernen durfte, sehr geschätzt und behalte sie in warmer guter Erinnerung in der südlichsten Ecke meines Reiseherzens.

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Von Steinen und warum man sie nicht suchen sollte

Wenn wir mal ehrlich sind, beschäftigt man sich auf einer Reise ständig mit Suchen. Sei es nach Steinen, Orten, Menschen, Erlebnissen, Fotomotiven, Weisheit oder sich selbst – man strebt nach Veränderung, nach dem Neuen. Bis jetzt hat sich für mich allerdings herausgestellt, dass das Finden und Entdecken an und für sich viel reizvoller ist.
Nehmen wir einen urlaubsüblichen Strand mit jeder Menge Sand und einigen Steinen, an denen sich der durchschnittliche Urlauber jedes Mal stört, wenn er auf ihnen ausrutscht, sich den Fuß stößt oder sie unter seinem Handtuch hervorholen muss, um bequem zu liegen. Diese Steine sind die Begierde so manch eines verwegenen Sammlers, der vielleicht zersprungene Muscheln satt hat und ein Souvenir sucht, dass von Dauer ist. Nun begebe ich mich in seine Situation und sage mir, ich will den perfekten Stein finden. Abgesehen davon, dass dies eine vage Definition ist und ich vielleicht noch gar nicht richtig weiß, was perfekt in diesem Falle bedeutet, kommen vielleicht jede Menge dieser Steine in Frage. Wie fange ich also an zu suchen? Ich gehe zu einem der angeschwemmten Steinhaufen, bei denen mir die Wahrscheinlichkeit größer erscheint, einen geeigneten Stein zu finden. Das ergibt ja nur Sinn – dachte ich. Doch auch nach mehreren Minuten will sich kein wirkliches Prachtstück finden. Schließlich nehme ich einen x-beliebigen und mache mich auf den Weg nach Hause. Kurz vor dem Holzsteg zurück zum Parkplatz sehe ich ein besonders schönes Exemplar aus dem Sand ragen – nur eine kleine Spitze, doch in so schillernder Farbe, dass ich sie nicht übersehen kann. Es ist kein Stein sondern ein phantastisch geformtes schillerndes von seinem Bewohner verlassenes Schneckenhaus.
Es geht mir natürlich nicht um Steine, denn diese Geschichte hat mir bloß den Denkanstoß für die weitreichende Bedeutung des Ganzen gegeben. Es geht mir um die Suche selbst. Wir suchen Locations, von denen wir Fotos gesehen haben, Orte, an denen sich viele Touristen aufhalten, Restaurants, in denen viele Gäste speisen. Wir suchen die Wale, in Gegenden, in denen viele gesichtet wurden, die große Liebe in Clubs, Kreisen oder in Netzwerken, in denen wir eine große Auswahl haben und unser Glück in all den Dingen, die wir begehren und vor uns sehen.
Es macht Sinn, auf diese Art und Weise zu suchen… Das Ganze liegt nur nahe: das Essen in gut besuchten Restaurants ist gut, mehr Steine bedeuten mehr Auswahl und da wo alle Touris ein Foto machen, hat das auch meistens einen atemberaubenden Grund.

Ich glaube allerdings, dass wir vielleicht mit der Suche selbst falsch liegen. Wir schauen mit dem Fernglas weit nach vorne, verpassen den Boden unter unseren Füßen und die Welt um uns herum. Wir suchen die Brille, die auf unserem Kopf ist, das Handy, dass wir gerade in der Hand haben und unseren Verstand, mit dem wir darüber nachdenken, wo er selbst wohl sein mag. Und schließlich verlieren wir aus den Augen, was wirklich zählt, nämlich was, wer, wo und mit wem wir jetzt und in diesem Moment gerade sind. Zu suchen, schürt in uns Erwartungen und Ungeduld und endet vielleicht auf kurz oder lang in Frust, Verzweiflung oder einer weiteren Suche. Zu suchen verändert uns, nimmt unsere Gedanken ein, raubt uns Energie und macht uns unzufrieden.

Es ist sicherlich leichter gesagt als getan, aber ich denke, wir sind besser dran, wenn wir versuchen, nicht zu suchen. Wenn wir zufrieden sind mit uns selbst und mit dem, was wir gerade haben. Das Ding, an das wir keine Erwartungen stellen, weil wir es noch nicht wissen, sehen, planen oder eben suchen, kann jene auch nicht enttäuschen.

Das beste Essen kann man in einem weit abgelegenen kleinen Restaurant haben – eben weil es nicht jeder kennt und mag, weil es eine irgendwie magische Atmosphäre hat und man mit den Menschen dort landet, die einem am Herzen liegen. Die schönsten Momente hatte ich an Orten, an die ich nie geplant hatte zu gehen, die mir vielleicht zufällig unter die Füße geraten sind oder nur weil ich einen ungewollten Umweg eingeschlagen habe. Wale habe ich nicht auf der unternommenen Whale Watching Tour gesehen, sondern ganz zufällig, als ich nichts ahnend einen Tripp mit einem Segelboot unternommen habe. Und einen Freund und Gefährten findet man manchmal in dem unscheinbarsten Fremden, in einem Menschen, den man nicht erwartet hat, in einem Menschen, der nie geplant war.

Man kann es je nach Neigung Zufall, Schicksal oder Glück nennen, aber ich glaube eben jene Phänomene können uns weit mehr Zufriedenheit bescheren als all die Dinge, nach denen wir bewusst und vielleicht vergeblich streben. Natürlich haben wir einen freien Willen und treffen unsere eigenen Entscheidungen und auch möchte ich damit nicht sagen, dass wir keine Träume haben sollen. Träume, Ziele und Sehnsüchte sind Antrieb und Grund für unsere persönliche Veränderung und Weiterentwicklung.

Doch wie alles sollte man sie in Maßen genießen. Wir sollten den Plan auch mal verwerfen dürfen oder ihn gar nicht erst schmieden. Wir sollten die Dinge so akzeptieren und genießen, wie sie kommen, und schließlich statt einem Stein ein schillerndes Schneckenhaus mit nach Hause nehmen.

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Allein unter Menschen – von Freundschaft, dem Allein-Sein und der Beziehung mit uns selbst

Vor einigen Wochen stand ich, nur mit meinem Rucksack ausgestattet, auf dem Busbahnhof und mir wurde bewusst: »Meine Reise beginnt jetzt!« – obwohl ich mich mittlerweile frage, was mich diese Feststellung treffen ließ. Ich könnte diese Worte eben so gut jeden Morgen sagen. Wir befinden uns auf einer ständigen Reise, haben ständig neue Anfänge und sind ständig dabei, dem nächsten »großen Etwas« entgegenzufiebern – sei es die nächste Verabredung, ein besonderer Tag, ein Lebensabschnitt oder das Leben selbst. Wo fängt also so ein »Etwas« an und wo endet es? Warum habe ich gerade jetzt das Gefühl, dass etwas Großes beginnt?

Wahrscheinlich scheint es mir so groß und besonders, weil ich schon ewig über die große Reise gesprochen habe, aber sie bis jetzt nicht umgesetzt habe und sie vor allem ganz alleine bestreite – dachte ich jedenfalls. Ich dachte, dass ich meine Heimat verlasse und komplett auf mich allein gestellt bin, alleine mit Problemen umgehen muss und von allen gewohnten Dingen und Menschen getrennt sein würde.
Fakt ist: Es gab bis jetzt keinen Punkt, an dem ich mich wirklich allein gefühlt habe. Abfahrt von zu Hause, ein Freundes-Besuch in Frankfurt, ein Freundes-Besuch in Pretoria und schließlich die große sagenumwobene »Allein-Phase« in Kapstadt. Pustekuchen. Von Zeit zu Zeit habe ich die Abgeschiedenheit gezielt gesucht und mir Zeit mit mir selbst eingeräumt, aber ansonsten gab es selbst ab diesem Zeitpunkt kein wirkliches Allein-Sein. Bereits am Flughafen schloss ich mich mit einer Niederländerin zusammen und teilte mir die Fahrt in die Stadt mit ihr. Und kaum betrat ich mein Hostel, lernte ich eigentlich alle zehn Minuten jemanden Neues aus allen Teilen der Welt kennen. Mit einigen dieser Menschen habe ich ganze Tage verbracht, Nächte durchgefeiert und Berge bestiegen. Und auch außerhalb der Backpacker-Welt ist es irrsinnig einfach, neue Menschen kennenzulernen – sei es über Couchsurfing, Whatsapp-Gruppen, Facebook oder einfach ganz klassisch auf der Straße. Die Welt steht dem Reisenden offen und er muss eigentlich nur noch die Initiative ergreifen, mit einer Frage, einer Feststellung oder einem interessanten Fakt ein Gespräch beginnen und Schwupsdiwups gesellt sich ein neuer Mensch in den Kreis der Reise-Freunde.
Natürlich frage ich mich, wie tief gehend diese Bekanntschaften so sind. Wie würden die Leute sich in Notsituationen verhalten? Wie hoch wäre die Hilfsbereitschaft? Bis zu welchem Punkt ist man ein Fremder, ab wann ein Bekannter und ab wann ein Freund? Was macht diese einzelnen Arten von Personen aus? Einige der eingefleischten Hostel-Bewohner sprachen sogar von einer Art Familie und dem Aufgenommen-Werden in diese. Ist es überhaupt möglich, eine Ansammlung von Fremden auf der Durchreise seine Familie zu nennen? Wir benutzen all diese großen Worte tagtäglich und akzeptieren sie in unserem Alltag irgendwann als selbstverständlich. Sie alle sind teil unserer Welt, in welcher Dimension auch immer. Wenn man bedenkt, dass jeder Mensch diese Begriffe für sich anders definiert, ist es eine subjektive Kategorisierung, jemanden seinen Freund zu nennen, zu seiner Familie zu machen oder sogar zu lieben. Doch es geht natürlich nicht nur um die Begrifflichkeiten. Vielmehr sind es Erfahrungen und Gefühle, die diese Personen für uns zu dem machen, was sie sind. Wir definieren unsere Beziehungen zu ihnen dadurch, wie lange wir sie kennen oder wie viel Zeit wir mit ihnen teilen, durch Sympathie, Treue, Vertrautheit und natürlich auch ein bisschen nach Herz- und Bauchgefühl.
Wenn man aber mal über all die Beziehungen nachdenkt, die man für gewöhnlich oder im Alltag hegt, kommt man vielleicht irgendwann an einen Punkt, an dem man sie hinterfragt. Was ist denn zum Beispiel eigentlich Familie? Wer ist Familie? Wäre man mit einigen seiner Familienmitglieder befreundet, auch wenn man nicht mit ihnen verwandt wäre – oder sind sie eben einfach da, weil sie da sind? Macht es einen Freund eher aus, dass man ihn lange kennt oder dass man ihn oft sieht? Muss man gemeinsam gelitten haben, um eine starke Bindung zueinander zu haben? Wie viele Menschen können wir in unserem Leben aufnehmen, wie viele Beziehungen können wir gleichzeitig pflegen? Was zerstört diese Beziehungen und was tut man, um sie aufrecht zu erhalten? Wir müssen nicht alles und jeden hinterfragen. Aber sich dieser Dinge einmal bewusst zu werden und bestimmte Eigenschaften wieder wertzuschätzen, Erinnerungen hochzuholen oder sich ins Gedächtnis zu rufen, was man mit diesem oder jenen Menschen durchgemacht hat, kann sehr erhellend sein.
Auf der anderen Seite lerne ich aber auch, dass wir, bevor wir über unsere Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden, fremden Menschen nachdenken, bei uns selbst anfangen müssen. Egal, ob wir uns in unserem Alltag mit langjährigen Seelenverwandten umgeben, als Reisender gefühlt jede Stunde jemanden neues kennenlernen oder einfach nur irgendwo auf der Welt in einer riesigen Masse von Menschen befinden: wenn wir uns von ihnen verabschieden, nach Hause gehen, uns schlafen legen oder einfach nur die Augen schließen, ganz gleich, wo wir gerade sitzen, stehen oder gehen – dann sind wir mit uns allein. Und letzten Endes ist dies eine ganz entscheidende Frage: Mögen wir den Menschen, dem wir dann gegenüberstehen? Wären wir mit uns selbst befreundet, wenn wir uns auf der Straße treffen würden?

Wie gut pflegen wir die Beziehung mit uns selbst?

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Von Klippschliefern, Naturidylle und unsichtbaren Gefahren

Ich sitze in Hermanus an eine Felswand gelehnt und lausche dem tosenden Brechen der Wellen, die an den herausragenden Felskanten zerbersten. Eine kleine Brise weht – nicht zu vergleichen mit dem unbändigen Wind, der die letzten Tage diese kleine Stadt bestimmt hat. Eine kleine Brise, in der ein Möwe sich genüsslich treiben lässt, leicht wie eine Feder. Ein Falter fliegt in schwingenden Bewegungen direkt an mir vorbei, ein Klippschliefer schaut neugierig um die Ecke, um sich zu versichern, dass ich technisch ausgestatter Eindringling keine Gefahr für die Familie darstelle. Er nähert sich neugierig, bleibt aber in sicherer Entfernung und macht sich schließlich wieder von dannen. Die Zeit scheint still zu stehen. Ich fühle mich wie ein Besucher in einer Welt, die wir so oft nur noch durch die HD Oberfläche unseres Fernsehers in einer Mare Dokumentation betrachten oder im Vorbeigehen über einen kleinen Wanderweg mit einem Blick streifen und dann schnell wieder aus den Augen verlieren. Es ist so viel atemberaubender, den von Menschenhand gemachten Pfad auf ein paar Meter zu verlassen und sich der Umgebung, den Gerüchen, Tieren und Geräuschen einmal voll und ganz hinzugeben, eins zu werden. Plötzlich schärfen sich die Sinne, kleine Tiere, Dinge und Bewegungen werden relevanter. Hinter jede Ecke könnte ein unerwartetes Ereignis warten, ein kleines Wunder geschehen, ein unglaubliches Wesen wohnen.

Ich spüre einen ganz feinen Sprühnebel in der Luft, der von den zerschellenden Wellen herüber weht. Es ist friedlich hier. Die einzigen, die ein wenig Unruhe verbreiten, sind eine Gruppe von Möwen, die sich gegenseitig von den Sonnenplätzen auf den Steinen vertreiben und ein paar Klippschliefer, welche aufgeregt über einen Felsen jagen.

Bei meinen kleinen Ausflügen auf eigene Faust spüre ich neben der Natur auch ganz besonders die Wirkung des Alleinseins. An einem Ort wirklich allein zu sein, oder viel mehr sich allein zu fühlen, löst so viele Gedanken aus. Man verspürt keine Scham, für nichts. Warum auch, wenn der einzige, der über einen urteilen könnte, der singende Vogel auf dem Zweig oder der Klippschliefer auf dem nächsten Stein ist?

Auch gibt es keinen Neid, keine Rachsucht oder die Angst, jemand könnte einen bestehlen oder es auf einen abgesehen haben. Natürlich weiß ich nicht sicher, dass niemand da ist. Schließlich kann ich trotzdem überfallen werden oder ausgeraubt oder vergewaltigt. Diese Dinge kann man nie ausschließen. So gesehen bedeutet »allein« zwar erst mal Frieden aber keinesfalls, dass man sich außer Gefahr befindet. Doch was bedeutet Gefahr? Ist sie überhaupt da? Ist sie real? Und wenn ja, wie gehe ich ihr aus dem Weg? Ein interessantes Erlebnis hatte ich auf einer kleinen Wanderung auf eigene Faust im Fernkloof Nature Reserve von Hermanus. Dieses gilt so weit als sicher, mein Gastgeber in Hermanus wies mich allerdings darauf hin, dass in diesem Gebiet durchaus Schlangen zu finden seien (er betonte dies auf Grund einer Schlangenphobie mehrere Male). Ich dachte gar nicht mehr daran und tappelte fröhlich durch die schmalen, teils steilen Pfade. Mein Weg machte gerade eine Kurve, als neben meinem rechten Fuß eine kleine Schlange aus dem Dickicht schoss und in mitten des Weges liegenblieb. In heimischen Wäldern hätte mir das sicher nichts ausgemacht, aber hier wurde mir doch unwohl bei dem Gedanken, ihr zu nahe zu kommen. Ich wartete einige wenige Minuten, doch sie wollte den Weg nicht freigeben und ich war nicht tapfer genug, sie dazu zu zwingen. Da ich nicht auf eine andere Route ausweichen konnte, kehrte ich um. Im Nachhinein, muss ich jedoch feststellen, war das grober Quatsch. Weiter zu gehen oder zurückzugehen war ungefähr gleich gefährlich. Es hätte genauso gut zwei Meter nach meiner Kehrtwende die nächste Schlange aus dem Dickicht schießen können. Gefahr kann überall sein, so lange sie unsichtbar ist. Aber habe ich nun mehr Angst vor der Schlange, wenn sie direkt vor mir liegt, oder mehr, wenn ich sie gar nicht erst entdecke? Habe ich mehr Angst, vor dem grimmig dreinblickenden Mann, den ich vor mir stehen sehe oder mehr, wenn ich keinen sehe und mir bloß vorstelle, es könnte jeden Moment ein Vergewaltiger hinter der nächsten Ecke hervorspringen? Nun ja, sagen wir mal so: Der Mann, den ich sehe, ist real und immerhin ein kalkulierbares Risiko. Kann sein, dass er mich angreift, oder bedroht – kann auch sein, dass er einen schlechten Tag hat und nur deshalb grimmig schaut. So oder so kann ich selbst die Entscheidung treffen, wie ich diesem Mann begegne oder wie ich mit ihm umgehe. Und mit den Gefahren, die ich nicht sehe, ist es wahrscheinlich gar nicht so anders.

Was aber, wenn es eine Gefahr ist, von der ich noch gar nichts weiß? Die Gefahr, die man nicht kennt, ist die schönste von allen, weil man keine Angst vor ihr hat. Es geht wohl um Kenntnis oder Unkenntnis – um Wissen. Man sollte also einiges an Ortskenntnis und Grundwissen mitbringen, um sich irgendwo »sicher« bewegen zu können. Und doch muss ich sagen, möchte ich nicht alle Negativ-Beispiele und Horror-Geschichten hören. Es ist vielleicht ein bisschen zu vergleichen mit dem Googlen von Krankheiten: Je mehr man sich durchliest oder anhört, desto sterbenskränker ist man am Ende des Tages.

Es ist also eine Mischung aus Wissen, Abwägen der Wahrscheinlichkeiten, kalkuliertem Risiko und gesundem Menschenverstand, die anzuwenden ist. Fast alles andere fällt unter die Kategorie Pech – und das kann man überall auf der Welt haben.

Der kleine Klippschliefer hat ein aggressives Gesicht aufgesetzt, nähert mir sich immer wieder und lässt auch nicht locker. An dieser Stelle beende ich meine Schreiberei – ich bin schließlich bei ihm zu Besuch und möchte keine Gefahr für ihn darstellen in dieser kleinen heilen friedlichen Welt.
Ich verlasse diesen ruhigen wundervollen Ort, leergeschrieben für den ersten Moment. Und so schnell kann es gehen, dass man mit einer ruhigen idyllischen Szenerie beginnt und bei Angst, Gefahr und Vergewaltigern endet. Aber das passiert eben manchmal, wenn man sich seinen Gedanken hingibt..

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Der Nabel nach Hause oder was vom Reisen übrigbleibt

Ich bin nun schon ein kleines Weilchen unterwegs – nicht viel länger als bei einem gewöhnlichen Urlaub, aber lange genug, um Whatsapp-Texte, Sprachnachrichten und Mails zu bekommen von Menschen, die sich nach mir erkundigen. Das ist ja in keinem Fall etwas Schlechtes, sondern ganz im Gegenteil ein Zeichen von Anteilnahme und menschlicher Nähe. Ich freue mich, die Stimmen meiner Lieben zu hören, Fotos von zu Hause zu sehen und/oder Geschichten, Storys oder eine Bitte um Rat gesendet zu bekommen. Ich weiß das zu schätzen – ich liebe die Menschen, die mich umgeben.

Trotzdem beschäftigt mich dieser Nabel nach Hause natürlich. Wenn man früher man etwas weiter weg war, war die einzige Möglichkeit, die Menschen in seiner Heimat zu erreichen, ihnen einen Brief zu schreiben oder sie anzurufen. Das klingt ja erst einmal unfassbar drastisch, hat allerdings einen unschlagbaren Vorteil: Man war damals noch »richtig« weg. Um heute eine derartige Isolation zu erreichen, führt eigentlich kein Weg daran vorbei, sein Smartphone oder jegliche andere technische oder mit dem Internet verbindende Geräte zu Hause zu lassen. Wenn wir heute weg gehen, bleiben irgendwie trotzdem da. Und da beginnt das Paradox, das einen Reisenden in den Wahnsinn treiben kann – eigentlich uns alle täglich in den Wahnsinn treibt: Wir befinden uns automatisch an mehreren Orten gleichzeitig. Das „im Hier und Jetzt leben“ bekommt eine ganz neue Bedeutung und Komplexität, wenn es ein anderes Hier und Jetzt ist, als jenes, das wir unseren Alltag nennen. Ich möchte wirklich keine Moralpredigten zu dem ganzen Thema halten. Wir wissen das alles ja eigentlich alle. Wir tun eben nur nichts dagegen. Mal nicht up-to-date zu sein, nicht über alles Bescheid zu wissen und nicht ebenso alles von uns zu teilen, scheint in unserer Wissensgesellschaft der absolute Killer.

Ich habe kürzlich mit einem Filmproduzenten gesprochen, der für ein Unternehmen, Videos von Touristentouren dreht. Er erzählte mir, dass er ab und zu nur so tue, als wenn er filme, weil es Momente gibt, die er gerne für sich behält und nicht mit anderen teilen mag. Das klingt im ersten Moment egoistisch, ist aber meiner Meinung nach genau das Gegenteil. Manchmal müssen wir an uns selbst denken, und manchmal gibt es Dinge, die einzig und allein uns gehören und nicht geteilt werden müssen.
So kann »Sharing« eben auch »Not Caring« bedeuten: Wenn wir uns nur noch darauf versteifen, alles mitzunehmen und dem Rest der Welt zu zeigen, vergessen wir, uns um den Moment zu scheren, uns um uns selbst zu kümmern.
Und manche Dinge kann man eben auch gar nicht teilen. Es ist meistens schier unmöglich, einen Moment in einem Bild festzuhalten. Wir können zwar versuchen, die Landschaft aufzunehmen, einen Menschen abzubilden, eine bestimmet Lichtstimmung einzufangen oder ein Video zu drehen. Das was wir spüren, wenn wir einatmen und die Luft riechen, was wir spüren, wenn wir über die Oberfläche von warmen Holz streichen, durch weißen Sand gehen, einen Menschen berühren, mit dem wir eine Geschichte teilen oder an was wir denken, wenn wir die Augen schließen – das gehört nur uns und kann uns mit keinem Bild der Welt genommen werden.

Ich möchte aber noch einmal zurück kommen auf die Form des Reiseberichtes. Wie kann und/oder will ich meine Reise für mich, meine Lieben und den Rest der Welt festhalten? »Ich«, »meine Lieben« und »der Rest der Welt« unterscheiden sich dabei ja schon einmal im Grundsatz. Natürlich müssen Familie und Co, wissen, wo ich in etwa bin und dass es mir gut geht – das ist aber in Zeiten unserer krassen Verkabelung/Vernabelung kein großes Kunststück und bedarf keiner weiteren Gedanken. Das betrifft ja auch mehr das „Ich bin jetzt hier oder dort.“ oder das „Es geht mir gut.“.
Wie ist es aber mit einer nachhaltigeren langfristigeren Art der Erzählung? Ich könnte für mich selbst ein privates Tagebuch führen, so wie zum Beispiel das Textdokument, in dem ich gerade schreibe. Ich könnte meine Erlebnisse und Erfahrungen auch mit allen anderen teilen – etwas anderes ist ein Weblog („Blog“) ja schließlich nicht. Ich könnte es auch auf die spitze treiben und einen Vlog drehen und mein Erlebtes für meine Mitmenschen so noch greifbarer und nacherlebbarer darstellen. Das Problem ist nur, dass ich eigentlich gar keine Lust habe, meine Welt den halben Tag nur durch die Kamera wahrzunehmen und die andere Hälfte des Tages damit zu verbringen, das abgedrehte Material zu bearbeiten, zu schneiden und mit fancy Youtuber-Musik zu hinterlegen. Ich bin auch nicht die, die sich jeden Tag einmal vor die Kamera setzt und was von ihren Erlebnissen erzählt. Vielleicht wird das noch – jeder ändert mal seine Meinung und noch ist nicht aller Tage Abend. Das Problem ist aber, dass ich mich selbst nicht unbedingt gerne reden höre, geschweige denn auf einem Bildschirm sehen mag.
Aber sind wir mal ehrlich: Muss aus allem, was wir als Menschen von uns geben oder produzieren immer und immer wieder ein Gewinn gezogen werden– sei es Geld, Anerkennung oder das bloße »Weiterkommen«? Können wir nicht einfach mal etwas tun, um es zu tun?
Ich fühle mich beim Schreiben gerade so. Ich fühle mich, als würde ich einen Tisch bauen, meine Arbeitskraft, meine Fähigkeiten und meinen Schweiß hineinstecken und ihn dann auf die Straße stellen und sagen: Lasst uns daran speisen oder darauf Karten spielen oder sonst etwas tun, das uns gemeinsam Freude bereitet. Ich sage gar nicht, dass ich hier einen hervorragenden Tisch baue oder das er schön ist oder einzigartig oder sonst was. Es ist der Tisch, der er ist und ich möchte ihn teilen, fertig aus. Und wenn ich schließlich allein an ihm sitze, werde ich in irgendeiner Form eine hervorragende Zeit mit ihm haben.
So viel zu Kommunikation, Reiseberichten und Tischen. Bis zum nächsten Gedankenauflauf, Swanni

 

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Schreiben im Flugmodus

Ich bin auf dem Weg und sitze am Flughafen. Das erste, womit ich auf meiner Reise beginnen möchte, ist, mich frei zu schreiben. Sobald ich mein Blog öffne, einen neuen Artikel anlege und dann anfange zu tippen, kommt entweder Stumpfsinn dabei rum oder ich verliere bereits nach wenigen Minuten die Lust daran. Das mag daran liegen, dass dem Schreiben durch die Veröffentlichung auf einer Art offizieller Seite unmittelbar ein direkter Zweck zugeschrieben wird. Ich weiß, dass alle es lesen können, ich gebe mir Mühe, dem Publikum zu gefallen und ich denke viel zu lange über jeden einzelnen Satz nach. Früher habe ich meine Texte immer in einem Texteditor geschrieben. Dort wird nichts umgebrochen, es wird nichts autokorrigiert und meine Gedanken werden nicht gleich in irgendein Format gequetscht. Es geht dann beim Schreiben auch noch gar nicht darum, wer den Text lesen soll oder wird, sondern nur darum, dass ich mir meine eigenen Gedanken vergegenwärtige – quasi visuell reflektiere. Es gibt Situationen im Leben, die man durchlebt aber erst akzeptieren oder genießen kann, wenn man sie seinem besten Freund, seiner besten Freundin, einem seiner Elternteile oder einer sonstigen vertrauten Person erzählt hat. Das Erlebte oder der Gedanke werden erst dann real. Jetzt gerade, in diesem Moment des Schreibens, bin ich selbst meine vertraute Person. Ich erzähle es einmal aktiv mir selbst und kann eine ganz neue Perspektive einnehmen, einen ganz neuen Gedanken dazu haben. Es ist wie eine Konversation, ein Monolog, der mich auf neue Ideen, anknüpfende Erkenntnisse und wieder weiterführende Monologe bringt.
Wir alle führen Monologe in unserem Kopf. Doch sie nieder zu schreiben, gleicht einem Dialog, den man mit einer vergangenen Version seiner Selbst führt. Der geschriebene Gedanke verliert im Moment des Schreibens an Aktualität allein deshalb, weil man ihn während des Schreibens im Kopf weiterdenkt und ihm etwas neues hinzufügt.
Wenn man etwas weder tun noch bloß darüber nachdenken will, kann man es aufschreiben und man wird dem Tun, den Gründen es zu tun oder nicht zu tun, dem Ergebnis, das man erwartet oder nicht erwartet, oder dem Ding selbst viel näher kommen – allein, weil man es in die reale Welt holt, es festhält. Denken ist ja von Natur aus irgendwie passiv. Durch das Schreiben aber erzeugen wir einen realen aktiven Output. Wir »veröffentlichen« den Gedanken, machen ihn für andere zugänglich – und das weitaus nachhaltiger und reflektierter als bei einer Erzählung. Das, was wir niederschreiben, durchläuft eine Art von Filter – manches einen grob- manches einen engmaschigeren.
Vielleicht ist der Vergleich zu einem Prisma angebracht. Gedanken wären dann das Licht, das auf der einen Seite einfällt und aus der Stiftspitze oder der Tastaturcursor in gebündelter Form wieder austritt. Wie rein dieses Licht ist oder wie oft es durch Korrekturen gebrochen oder gebogen wird, kommt auf den Schreibenden und den Lesenden an. Das Licht scheint mir nebenbei gesagt eine sehr schöne Metapher für einen Gedanken zu sein – ist es doch ebenso flüchtig und ungreifbar, kann es doch verschiedene Intensitäten annehmen, je nach Perspektive und Umgebung anders gesehen oder interpretiert werden und schließlich einfach im Schatten verschwinden. Wie sinnvoll der Begriff »Erleuchtung« in diesem Zusammenhang doch scheint…
So gesehen tappt jeder von uns in einer Dunkelheit, die wir nur durch unsere Gedanken erleuchten und erschließen können. Alles in unserer Welt, das wir sehen ist physisch gesehen nur Licht. Könnte man weitergehend metaphorisch also sagen, dass alles, was wir sehen, nur Gedanken sind? Ist das größte Licht, die Sonne also der einzig große und wahre Gedanke – eine alles durchdringende Idee?
Ich weiß, dass diese Gedanken im Rahmen eines »Reiseberichtes« deutlich zu weit führen. Ich frage mich selbst, wie ich von der Bedeutung des Schreibens zur Hinterfragung unserer Existenz gekommen bin. Ich denke aber, dass es eben dies ist, was mir gefehlt hat. Mich beim Schreiben von meinen Gedanken treiben zu lassen und mir einen Satz mit dem nächsten zu beantworten, ohne je eine Frage gestellt zu haben.

Mein einziges Problem mit diesen freien Texten ist, dass ich sie am Ende meistens doch teilen möchte – und wenn es nur ist, um »mein Licht« mit anderen Menschen zu teilen und einen metaphorischen Regenbogen zu erzeugen. Vielleicht suche ich eben dies: dass diese Gedanken bei einem Lesenden, der sich in einem mentalen medienüberfluteten Dauerregen zu befinden glaubt, für einen kurzen Moment einen Regenbogen sieht. Ich möchte weder großkotzig behaupten, ich könnte gedankliche Regenbögen erzeugen, noch in einem textlichen Happy-End-Finale schließen. Es ist eben einfach so aus mir herausgesprudelt und da kommt dann eben manchmal auch philosophisches Konfetti bei herum – sollte ich diesen Text veröffentlichen und euch die gedankliche Einhorn-Kotze nicht gefallen, lest was anderes. Hier wird jetzt mal gegessen, was auf den Tisch kommt!

Ich wollte hier im Terminal sitzend mit einem Reisebericht anfangen. Ich habe faktisch noch nichts weiter beschrieben, als dass ich am Flughafen sitze. Und doch habe ich umso mehr das Gefühl, mich mitten in einem berauschenden euphorischen Beginn einer Reise zu befinden – einer ehrlichen, ungeschminkten und ungewissen Reise.

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