Mein Schweinehund und was ich von ihm lernen kann

Ich möchte mir mal ein paar Gedanken zum Thema Schweinehund machen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann dieser kleine flauschige Freund zu einem solchen Monster geworden ist – aber irgendwie bekommt er in unserer Welt ganz schön harte Kritik.

»Besiege deinen Schweinehund«, »Ich würde ja, wenn da nicht der verdammte Schweinehund wäre«, »Na, war der Schweinehund zu groß?« – es klingt oft ein bisschen so, als wäre das Ganze ein Spiel oder ein Kampf und der Schweinehund unser Endgegner, den wir in einer blutigen Auseinandersetzung bezwingen müssen.
Meistens erwischt er uns in ganz alltäglichen Situationen. Er sitzt da quasi mitten auf uns, während wir auf der Couch liegen und relaxen, aber eigentlich noch zum Sport wollten. Wir »müssten« eigentlich – aber es fällt uns mega schwer, uns aufzuraffen. Vielleicht steht er auch vor uns, während wir uns vor einer Aufgabe drücken, die wir nun zwei Tage oder Wochen vor uns herschieben und mit der wir irgendwie einfach nicht anfangen können. Auch bei den Neujahrsvorsätzen ist er sicherlich zu finden.

Manche Menschen würden vielleicht sagen, wir sprechen von Faulheit oder Prokrastination. Gerne hört man dann ein »ich muss eigentlich, aber…«. Gerade in Zeiten, wo harte Arbeit, Überstunden und eine aufopfernde Position gegenüber dem Berufsalltag immer noch Ansehen genießen, scheint es eine schwache Leistung, seinen Schweinehund nicht zu bezwingen. Sollte man doch eigentlich »stark« genug sein, dies bisschen Überwindung aufzubringen. Zusammenreißen, Augen zu und durch, durch-powern, durchziehen, durchknüppeln – es gibt jede Menge Begrifflichkeiten, mit denen wir uns dafür wappnen.

Was mir aufgefallen ist, ist, dass wir dabei ganz oft unsere eigene Grenze überschreiten.
Wenn wir uns zu diesen Dingen überwinden und »Augen zu und durch« anwenden, machen wir die Augen zu und sehen die Grenze nicht. Ja vielleicht bemerken wir sie nicht mal. Wir lernen nicht, wo sie ist und werden beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder drüber bügeln.

Natürlich kann der Schweinehund auch da sein, wenn wir Angst haben. Und man möchte doch meinen, es ist gut, seine Angst zu überwinden oder zu besiegen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir Veränderung möchten oder unsere Komfort-Zone verlassen wollen. Man möchte doch meinen, auch das sei etwas Gutes.
Und wenn ich es so betrachte, denke ich, dass es nicht darum geht, dass wir uns überwinden, sondern, dass wir uns so bewusst und klar über die Situation sind, dass es sich nicht mehr wie eine Überwindung anfühlt. Es geht vielleicht nicht darum, unsere Angst zu ignorieren und zu übergehen, sondern vielmehr darum, sie zu sehen, zu erkennen und zu schauen, woher sie kommt. Dann haben wir vielleicht die Chance, sie aufzulösen und der Schweinehund geht von ganz alleine.

Wie wäre es also, wenn wir in einer Situation, in der wir das Gefühl haben, uns überwinden zu müssen, und den Schweinehund vor uns sehen, ihn nicht als Gegner oder Feind sehen, sondern als ein Wesen zu begrüßen, das für uns da ist? Er steht da vor uns, wenn wir Druck spüren oder Angst haben, als Ausdruck eines inneren Widerstandes.
Ich glaube, wir sollten nicht gegen ihn kämpfen oder ihn bezwingen oder ihn „übergehen“, weil er ein Teil von uns ist. Er ist kein Zauberwesen, das uns fremdbestimmt vor die Nase gesetzt wurde, sondern er steckt in uns und wir visualisieren durch ihn den Teil in uns, der sich gegen etwas sträubt. Wenn wir ihm Leid zufügen, fügen wir irgendeinem Teil in uns auch Leid zu. Wir lassen ihn nicht zu Wort kommen, wie ein Elternteil, der seinem weinenden Kind die Unterhaltung mit einer Ohrfeige beendet. Wir verletzen uns selbst.
Und was mir dabei auch bewusst wird ist, dass wir ihn erschaffen und zwar so wie wir ihn sehen wollen. Der Druck und die Angst entstehen in unserem Kopf und wenn wir versuchen, sie mit Gegendruck oder Resignation zu bekämpfen, nähren wir sie unter Umständen nur. Was also tun?
Nun, wie wäre es mit zuhören? Wenn wir ihn als liebevollen Begleiter sehen: was sagt er oder fragt er uns? Was können wir uns selbst in diesem Moment fragen?

Ich frage mich: Warum will ich das gerade nicht? »Muss« das gerade wirklich sein? Und wenn es sich so anfühlt, für wen muss das sein? Möchte ich das gerade aus einer für mich akzeptablen Motivation heraus? Und wenn ja, sollte es dann nicht eigentlich ohne so eine große Überwindung funktionieren? Was brauche ich, damit es sich nicht nach harter Arbeit und Schmerz anfühlt, sondern leicht und natürlich? Kann ich meinem Widerstand nachgeben oder aber meine Einstellung zu der Sache anpassen?

Und wenn wir die Antworten auf diese Fragen gefunden haben, stellen wir vielleicht fest, dass wir entweder super bereit sind, loszulegen, oder aber, dass wir eine klare Entscheidung dagegen treffen können. So oder so – innere Klarheit befriedet uns mit dem Zeitgenossen Schweinehund. Denn was uns Kraft kostet, ist das Ringen mit ihm, sind die zwei Optionen, die sich für uns nicht miteinander vereinen lassen. Also: rein in die Selbstbestimmung, rein in die Kraft! Jede unserer Entscheidungen kann von innerer Stärke zeugen, wenn wir sie bewusst treffen. Innehalten, mir selbst zuhören und einen Entschluss fassen, den ich vertreten kann.
Manchmal kann es so einfach sein..

4 Comments
  • Regina Roersch

    Dezember 27, 2020 at 1:34 pm

    Ein guter Gedanke. Manchmal hilft auch schon das Wort „ich möchte“ jetzt das und das machen, anstatt „ich muss“. In dem Moment hinterfrage ich das im Unterbewusstsein und fühle mich dann gleich besser. Wenn nicht, hat der Schweinehund gewonnen .

  • Ines Kohn

    Dezember 28, 2020 at 5:15 pm

    Schöner Gedanke, schön geschrieben.

  • Swantje Roersch

    Januar 4, 2021 at 10:03 pm

    Ich stimme dir zu, »ich möchte« hilft auf jeden Fall – sofern es denn zutrifft. Aber genau dafür ist es sicherlich ein guter Test!

  • Swantje Roersch

    Januar 4, 2021 at 10:03 pm

    Danke, Ines, das freut mich.

Post a Comment