Swantje Roersch | Kapstadt
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Kapstadt – das südlichste Europa der Welt

Bei all den erkenntnisreichen Ergüssen, die mir während meiner Reise aus den Fingern fließen, komme ich nicht umhin auch mal einen kleinen etwas klassischeren Reisebericht einzuschieben. Ich habe Südafrika abgeschlossen und möchte dieses Land nicht einfach unbeschrieben zurück lassen.
Vorweg muss ich schon mal gestehen, dass ich nicht wirklich von Südafrika schreiben kann. Ich kann von Kapstadt, dem kleinen eigenen Europa am südlichen Zipfel des Landes, und von der Garden Route – doch zu dieser vielleicht an anderer Stelle mehr. Das Folgende kann allen, die bereits in Cape Town waren, ein lächelndes Zurückerinnern bescheren und allen, die noch dort hin wollen einen netten ersten Vorgeschmack geben.

Kapstadt ist eine vibrierende funkelnde Metropole mit so vielen Gesichtern, wie es Dinge zu erleben gibt. Ich möchte die Reisetipps kurz halten und nur kurz und knackig anreißen, was euch dort erwartet. Wie gerade schon angedeutet: Glaubt nicht, dass ihr dort „Afrika“ zu spüren bekommt. Natürlich könnt ihr bunte Armbänder, hölzerne Giraffenfiguren oder farbenfrohe Gewänder kaufen, aber ihr werdet hier nicht auf einem Elefanten reiten, mit den Löwen schlafen oder euch durch den Dschungel schlagen. Es gibt hier genauso Konzerte, Hipsterviertel, Szene Cafés und allen anderen Klimm-Bimm, den es in jeder anderen Stadt von Welt auch gibt. Auch Kapstadt hat dunkle Ecken und fröhliche Ecken und teure Ecken und hektische Ecken. Auch Kapstadt hat Berufsverkehr, bei dem gar nichts mehr geht, und Mietpreise, denen man beim steigen quasi zusehen kann – wie das ist einer Metropole eben so ist.
Was diese Stadt aber so besonders macht, ist die Kombination von Rundum-Meer und den Bergen in der Mitte. Die südafrikanische Sonne brennt im Sommer (unserem Winter) kräftig einen weg, während der South-Eastern-Wind (Cape-Doctor) einem vom Meer die ersehnte Abkühlung bringt.

Die Kapstädter, örtlich „Capetonians“ genannt, sind überspitzt gesagt eine Mischung aus schwarz, weiß, Südafrikaner, Holländern und Deutschen. Gesprochen wird Englisch, Xhosa oder Afrikaans – und da gibt es dann noch ein paar sprachliche Eigenheiten, wie zum Beispiel, Fragen mit einem „hey?“ zu beenden oder zur Verblüffung ein „Joh!“ oder „Jissis!“ auszustoßen.
Wir befinden uns hier außerdem in einem Land, in dem Kontraste zwischen arm und reich oder weiß und schwarz größer gar nicht sein könnten. Südafrikas Geschichte der Apartheid spiegelt sich natürlich auch hier wieder und so kann man am einen Ende der Stadt die teuersten Luxusvillen bewundern, am anderen Ende Townships mit Wellblechhütten vorfinden, die sich in einem scheinbar gewollten Chaos über große Fläche erstrecken.

Schauen wir doch noch einmal was Kapstadt denn nun so zu bieten hat. Ich gehe dabei jetzt mal nach Bezirken vor – diese sind überspitzt formuliert folgende:
Obz aka Observatory ist Studentenbezirk und wird von den meisten besser betuchten eher als „dodgy“ beschrieben, hat aber mit seinen Second-Hand-Läden, Restaurants und Cafés auf der Lower Main Road jede Menge Charme. Es grenzt an den Devilspeak, einen besonders anstrengend (!) zu besteigenden Ausläufer des Tafelberges.
In Woodstock geht das kreative Leben ab: Biscuit Mill Market, Design Studios, Ausstellungen, Start-Ups.
Es folgen etwas weiter nördlich Milnerton, Sunset Beach, Table View, Blouberg – endloser wunderschöner Strand, der an Nordsee und Dänemark erinnert, mit bestem Blick auf Kapstadt City und den Tafelberg (als absoluter Kite-Surfing Strand bekannt).
Zurück in Kapstadt: das Stadtzentrum. Im Schutze des Tafelberges wandert man durch Long-Street (bei Tag Touri-Meile, bei Nacht Party-Meile), Loop-Street, Bree Street und Green Market (Geheimtipp „First Thursday“ mit freiem Eintritt in Galerien, kostenlosem Wein und jeder Menge feierfreudiger Menschen). Außerdem zu finden: Tambourskloof, Bo-Kaap, Civic Center, Bahnhof und Minibus-Anlaufstelle.
Nächstes Highlight – V&A Waterfront und der Hafenbereich: Schicki-Micki-Shoppen, Sehen und Gesehen-Werden, seine Yacht ausführen, zu Silvester Feuerwerk gucken oder einfach teuer essen gehen. Von hier aus kann man auch ein Boot Richtung Robben Island nehmen (frühere Gefängnisinsel, auf der Nelson Mandela lange Zeit verbrachte).
Weiter an der Küste entlang folgen Greenpoint, Seepoint, Clifton und schließlich Camps Bay, welche in dieser Reihenfolge auch steigende Grundstückspreise, Einkommen und Egos vorweisen. Lange Promenaden mit Grünanlagen, Alibi-Joggern oder Sonnuntergangs-Spaziergängern. Auch hier zu Hause sind Leuchtturm, Greenpark und das WM-Stadion. Clifton lädt zu einem Tag an Beach 1-4 und eiskaltem Wasser ein, Camps Bay trumpft auf mit feinen Restaurants, einem abendlichen Glas Wein mit den Schönen und Reichen oder dem Sonntag-Abend im Café Caprice (egal was man hier unternimmt, man wird auf jeden Fall Geld los).
Weiter geht’s mit Hout Bay, einem kleinen Fischer-Hafen, mit feinem weißen Sandstrand, jeder Menge Seehunden und einem atemberaubenden Wochenendmarkt in der Markthalle. Eine ganz eigene Welt bildet die Peninsula: Touri-Programm pur. Ein sehr schöner Nationalpark, mit dem süd-westlichsten Punkt Afrikas, Pinguine zum Anfassen und kleinen süßen Orten wir Simons Town oder Fish Hoek. Vorbei an Kalkbay folgt dann Muizenberg, die Surferhochburg mit den kleinen bunten Umkleidehäuschen. Von hier aus könnte man dann am Township Khayelitsha vorbei Richtung Strand fahren, einer kleinen Stadt in der False Bay (hier hat das Wasser dann auch endlich Badetemperatur). Alternativ dazu ein Tripp nach Stellenbosch – Weinhochburg, sehr schnieke und nett mit dem angrenzenden ebenso zauberhaften Franchoek. Will man es noch weiter treiben, macht man sich von hier auf die Route 44 und erreicht irgendwann Bettys Bay und schließlich Hermanus die Wal-Stadt, in der (hauptsächlich zwischen Juni und Oktober) jede Menge Wale zu sehen sind.

Das wars dann auch schon mit der kurzen, leicht verspäteten Zusammenfassung von Kapstadt und Umgebung. Ein kleiner Text wird dieser pulsierenden Metropole sicher nicht ganz gerecht und auch muss ich detailliertere Tipps und Erläuterungen aussparen – ich stehe euch aber jederzeit für Fragen bereit.
Ich habe die einzelnen Facetten und vor allem aber die Menschen, die ich in dort kennen lernen durfte, sehr geschätzt und behalte sie in warmer guter Erinnerung in der südlichsten Ecke meines Reiseherzens.

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Allein unter Menschen – von Freundschaft, dem Allein-Sein und der Beziehung mit uns selbst

Vor einigen Wochen stand ich, nur mit meinem Rucksack ausgestattet, auf dem Busbahnhof und mir wurde bewusst: »Meine Reise beginnt jetzt!« – obwohl ich mich mittlerweile frage, was mich diese Feststellung treffen ließ. Ich könnte diese Worte eben so gut jeden Morgen sagen. Wir befinden uns auf einer ständigen Reise, haben ständig neue Anfänge und sind ständig dabei, dem nächsten »großen Etwas« entgegenzufiebern – sei es die nächste Verabredung, ein besonderer Tag, ein Lebensabschnitt oder das Leben selbst. Wo fängt also so ein »Etwas« an und wo endet es? Warum habe ich gerade jetzt das Gefühl, dass etwas Großes beginnt?

Wahrscheinlich scheint es mir so groß und besonders, weil ich schon ewig über die große Reise gesprochen habe, aber sie bis jetzt nicht umgesetzt habe und sie vor allem ganz alleine bestreite – dachte ich jedenfalls. Ich dachte, dass ich meine Heimat verlasse und komplett auf mich allein gestellt bin, alleine mit Problemen umgehen muss und von allen gewohnten Dingen und Menschen getrennt sein würde.
Fakt ist: Es gab bis jetzt keinen Punkt, an dem ich mich wirklich allein gefühlt habe. Abfahrt von zu Hause, ein Freundes-Besuch in Frankfurt, ein Freundes-Besuch in Pretoria und schließlich die große sagenumwobene »Allein-Phase« in Kapstadt. Pustekuchen. Von Zeit zu Zeit habe ich die Abgeschiedenheit gezielt gesucht und mir Zeit mit mir selbst eingeräumt, aber ansonsten gab es selbst ab diesem Zeitpunkt kein wirkliches Allein-Sein. Bereits am Flughafen schloss ich mich mit einer Niederländerin zusammen und teilte mir die Fahrt in die Stadt mit ihr. Und kaum betrat ich mein Hostel, lernte ich eigentlich alle zehn Minuten jemanden Neues aus allen Teilen der Welt kennen. Mit einigen dieser Menschen habe ich ganze Tage verbracht, Nächte durchgefeiert und Berge bestiegen. Und auch außerhalb der Backpacker-Welt ist es irrsinnig einfach, neue Menschen kennenzulernen – sei es über Couchsurfing, Whatsapp-Gruppen, Facebook oder einfach ganz klassisch auf der Straße. Die Welt steht dem Reisenden offen und er muss eigentlich nur noch die Initiative ergreifen, mit einer Frage, einer Feststellung oder einem interessanten Fakt ein Gespräch beginnen und Schwupsdiwups gesellt sich ein neuer Mensch in den Kreis der Reise-Freunde.
Natürlich frage ich mich, wie tief gehend diese Bekanntschaften so sind. Wie würden die Leute sich in Notsituationen verhalten? Wie hoch wäre die Hilfsbereitschaft? Bis zu welchem Punkt ist man ein Fremder, ab wann ein Bekannter und ab wann ein Freund? Was macht diese einzelnen Arten von Personen aus? Einige der eingefleischten Hostel-Bewohner sprachen sogar von einer Art Familie und dem Aufgenommen-Werden in diese. Ist es überhaupt möglich, eine Ansammlung von Fremden auf der Durchreise seine Familie zu nennen? Wir benutzen all diese großen Worte tagtäglich und akzeptieren sie in unserem Alltag irgendwann als selbstverständlich. Sie alle sind teil unserer Welt, in welcher Dimension auch immer. Wenn man bedenkt, dass jeder Mensch diese Begriffe für sich anders definiert, ist es eine subjektive Kategorisierung, jemanden seinen Freund zu nennen, zu seiner Familie zu machen oder sogar zu lieben. Doch es geht natürlich nicht nur um die Begrifflichkeiten. Vielmehr sind es Erfahrungen und Gefühle, die diese Personen für uns zu dem machen, was sie sind. Wir definieren unsere Beziehungen zu ihnen dadurch, wie lange wir sie kennen oder wie viel Zeit wir mit ihnen teilen, durch Sympathie, Treue, Vertrautheit und natürlich auch ein bisschen nach Herz- und Bauchgefühl.
Wenn man aber mal über all die Beziehungen nachdenkt, die man für gewöhnlich oder im Alltag hegt, kommt man vielleicht irgendwann an einen Punkt, an dem man sie hinterfragt. Was ist denn zum Beispiel eigentlich Familie? Wer ist Familie? Wäre man mit einigen seiner Familienmitglieder befreundet, auch wenn man nicht mit ihnen verwandt wäre – oder sind sie eben einfach da, weil sie da sind? Macht es einen Freund eher aus, dass man ihn lange kennt oder dass man ihn oft sieht? Muss man gemeinsam gelitten haben, um eine starke Bindung zueinander zu haben? Wie viele Menschen können wir in unserem Leben aufnehmen, wie viele Beziehungen können wir gleichzeitig pflegen? Was zerstört diese Beziehungen und was tut man, um sie aufrecht zu erhalten? Wir müssen nicht alles und jeden hinterfragen. Aber sich dieser Dinge einmal bewusst zu werden und bestimmte Eigenschaften wieder wertzuschätzen, Erinnerungen hochzuholen oder sich ins Gedächtnis zu rufen, was man mit diesem oder jenen Menschen durchgemacht hat, kann sehr erhellend sein.
Auf der anderen Seite lerne ich aber auch, dass wir, bevor wir über unsere Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden, fremden Menschen nachdenken, bei uns selbst anfangen müssen. Egal, ob wir uns in unserem Alltag mit langjährigen Seelenverwandten umgeben, als Reisender gefühlt jede Stunde jemanden neues kennenlernen oder einfach nur irgendwo auf der Welt in einer riesigen Masse von Menschen befinden: wenn wir uns von ihnen verabschieden, nach Hause gehen, uns schlafen legen oder einfach nur die Augen schließen, ganz gleich, wo wir gerade sitzen, stehen oder gehen – dann sind wir mit uns allein. Und letzten Endes ist dies eine ganz entscheidende Frage: Mögen wir den Menschen, dem wir dann gegenüberstehen? Wären wir mit uns selbst befreundet, wenn wir uns auf der Straße treffen würden?

Wie gut pflegen wir die Beziehung mit uns selbst?

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