Menschen, die auf Bücher starren
25365
post-template-default,single,single-post,postid-25365,single-format-standard,stockholm-core-1.2.1,select-theme-ver-5.2.1,ajax_fade,page_not_loaded,wpb-js-composer js-comp-ver-6.2.0,vc_responsive

Menschen, die auf Bücher starren

Manchmal in der U-Bahn fühle ich mich etwas verloren. Ich stehe dann dort und suche nach einem Menschen, der meinen Blick erwidert. Ich finde oft zahlreiche gesenkte Köpfe, welche mit leeren Gesichtern an tippenden und swipenden Fingern vorbei auf einen hell erleuchteten Bildschirm blicken. Das macht mich dann teilweise traurig, teilweise nachdenklich. Und dann erblicke ich vielleicht eines der selteneren Exemplare: Zwischen ihnen sitzt eine Gestalt mit einem Buch. Es gibt sie noch! Doch auch dieser Mensch schaut mich nicht an. Sein Blick ist genau so an das Papier geheftet wie die Blicke der anderen an ihre Smartphones. Hat sich also gar nichts verändert? Wurde nur das Medium durch ein anderes ersetzt? Waren wir schon immer so?
Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Menschen – dem einen, welcher auf sein Handy starrt, und dem anderen, der auf sein Buch starrt? Ich möchte meinen, da gibt es nicht nur einen. Ich werde versuchen, mir das etwas genauer anzusehen. Und für’s Erste beginne ich mit dem Buch.

Körper & Sterblichkeit

Gehe ich dabei von einem klassischen Buch aus, so stehen da Worte schwarz auf weißem Papier. Ein mancher wird vielleicht direkt schnaubend zum »Aber..« ansetzen und mir ist natürlich durchaus bewusst, dass es eine Menge Menschen gibt, die ihre Lektüre über den E-Book-Reader konsumieren, aber diesen möchte ich für’s Erste und für den Vergleich aussparen. Eine Zeitung oder ähnliche Erscheinungsformen sind natürlich grundsätzlich auch denkbar – in meiner Vorstellung spreche ich aber über ein gebundenes Buch, gefüllt mit Wörtern. Es besteht aus Papier und riecht auch so und wurde aus einem Baum oder aus recycelten Altpapier hergestellt. Und auch wenn Ersteres der Fall ist, so ist dies immerhin ein Rohstoff, der nachwächst und recyclebar ist.
Auf seinen Seiten stehen Buchstaben, die dem ihm mit einem Stift oder der Druckerpresse verliehen wurden. Und diese verbleiben auch in ihm – eine sehr ehrliche Eigenschaft. Der Text fließt über seine Seiten vom Anfang bis zum Ende; und nur unser Geist mag ihn darüber hinaus vervollständigen. Es ist also – zumindest aus der physischen Betrachtung – endlich. Ich kann es zwar wiederholt lesen und neue Dinge in oder zwischen den Zeilen finden, die Zeilen selbst allerdings bleiben die gleichen.

Bücher bleiben lesbar, sofern ich ihre Sprache lesen kann und Licht auf sie fällt. Sie bleiben auf dieser Welt, und stehen uns zur Verfügung solange, bis sie sich auflösen – auf die ein oder die andere Art. Wasser macht ein Buch weich und bringt es zum Reißen, Feuer verschlingt es binnen Sekunden, und Zeit nagt an ihm, bis am Ende nichts mehr von ihm übrig ist. Es ist somit ganz schön anfällig – man möchte fast sagen sterblich. Und so lebt nicht bloß sein Körper, nein, auch sein Inhalt ist der Vergänglichkeit geweiht. Denn der physische Verfall reißt auch die Zeilen und ihren Inhalt mit in den Tod. Das Buch hat als Körper also eine organische Lebendigkeit. Es besteht aus einem Material, durch das Nährstoffe geflossen sind und welches durch die Kraft der Pflanze gewachsen ist. Im entfernten Sinne halten wir so ein Stück Natur in unseren Händen.
Und es liegt wortwörtlich in unserer Hand, was damit passiert. Ich kann Seiten herausreißen oder einknicken, beschriften, bemalen, kopieren oder verschicken. Das Buch ist mir ausgesetzt. Es ist ein Gegenstand, den ich (scheinbar) besitzen kann, mir ins Regal stellen oder umhertragen kann – auch wenn das bei einigen Büchern eine sportliche Angelegenheit werden kann. So werden manche Bücher zu Begleitern, leisten uns Gesellschaft beim Warten, auf Reisen, auf Nachttischen und beim Einschlafen. Doch was macht diese Begleiter aus?

Der geistige Raum & seine Magie

Funktional gesehen ist ein Buch in erster Linie ein Speicher, eine Form der Kommunikation – es enthält Erklärungen, Worte, Wissen, Gedanken, Geschichten. Ein Mensch schreibt seine Gedanken auf und holt sie in die physische Welt außerhalb seines Geistes. Er macht sie sichtbar und transferiert sie so auf ein Medium, von dem ein anderer Mensch sie aufgreifen kann. So entstehen bei den Lesenden neue Gedanken, Gefühle und Bilder im Kopf. Das Buch kann natürlich inhaltlich von einem romantischen Roman, über einen Thriller, eine Biografie bis hin zum Sachbuch alles sein. Aber die Art und Weise, wie es spricht, ist relativ eindeutig. Es spricht zumeist über Worte, die in Zeilen in den Augen des Lesers kurz verweilen und dann durch Augen, Hirn und Herz langsam tiefer eindringen. Sich verweben mit den eigenen Gedanken. Mal laden sie zum Tanz ein und und mal fliegen sie in flüchtiger Manier vorbei und winken nur freundlich zum Gruß. Sie stellen eine direkte Verbindung her zwischen dem Menschen, der sie mal verfasst hat, und dem Menschen, der sie nun liest. Diese Verbindung existiert jenseits von Zeit – ganz egal, ob der Autor es gestern geschrieben hat oder vor 10 Jahren, ob er noch lebt oder schon lange verblichen ist.

Das Buch ist also eine Zeitreise-Maschine für Gedanken, ein Gefährt für Ideen, um von einem Geistes-Hafen in den nächsten zu gelangen. Es ist eine Schatztruhe für jene, die sich ihr mit dem Schlüssel der Sprache und einem offenen Geist nähern.
Und manchmal packen die Gedanken den Menschen, der sie liest. Sie greifen durch seine Augen bis tief in ihn hinein und halten ihn gefesselt an ihren Fluss.
Und der Mensch, der sich diesem Gedankenstrom hingibt und sich von ihm mitreißen lässt, verliert darin seine Existenz in der realen Welt. Er sitzt, steht oder liegt zwar immer noch da, wo er es während des Lesens tut, doch sein Geist ist fern und in einer anderen Welt. Es kann eine Flucht sein – wenn ich mich lieber in den Gedanken eines anderen aufhalte als in den eigenen. Und es kann eine Sucht sein, wenn ich sie verzehre, wenn sie mich vereinnahmen und durchströmen. Sie können Besitz von mir ergreifen. Und irgendwie werden sie in dem Moment, da ich sie lese, für den Moment, da ich sie denke, die meinen. Sie werden ein Teil von mir – manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Und so können Bücher Gedanken in großen Menschenmassen verbreiten. Gedanken jeglicher Art – mit Folgen jeglicher Art.

Ein Buch ist aber nicht ausschließlich das, was ein Autor oder eine Autorin ihm anvertraut, sondern genau so sehr auch das, was ein jeder Leser oder eine jede Leserin daraus interpretiert, fühlt, verdreht, versteht, erkennt und fortsetzt.
Die Seiten eines Buches öffnen eine Tür. Und wenn ich sie durchschreite, betrete ich den Raum, den ein anderer Mensch errichtet hat. Dieser Raum ist ein Geschenk. Seine Beschaffenheit ist pur, denn er ist nur durch Worte errichtet – keine Stimme, kein bewegtes Bild, nichts, was ihn gestaltet, außer Sprache. Er reicht von der ersten Seite des Buches bis zur letzten. Alles, was darüber hinausgeht, wird dann von mir, der Lesenden, ergänzt.
Ich kann in ihm wandeln, ihn betrachten, ihn fühlen. Und mein Geist, meine Fantasie kann ihn verändern, ihm etwas hinzufügen. Oder aber der Raum fügt etwas zu meiner Fantasie hinzu. Er kann mich etwas lehren, mich inspirieren und mich zum Nachdenken anregen. Dieser Raum kann eine Welt eröffnen, in die ich mit ganzem Herzen eintauche.
Aber wie betrete ich diesen Raum? Und was passiert, wenn ich dort bin?

Starren & Lauschen

Die Zeit bleibt stehen, wenn ich lese. Ich verlasse die Zeit sogar irgendwie für einen Moment – ebenso wie den physischen Raum, in dem ich im körperlichem Autopilot sitze.
Mein Körper verbleibt in einem Schon-Zustand, übt sich in Stillstand. Vielleicht könnte man ein Buch auch als eine Entsagung von Multitasking in eine Art von Aktivitäts-Monogamie betrachten. Die Augen schlendern über die Zeilen, steigen Absatz für Absatz hinab und werden hin und wieder von der umblätternden Hand auf die nächste Seite befördert. Sie lesen. Und sonst passiert nichts. Ist das nicht eine wunderschöne Einfachheit? Egal wie komplex der Inhalt oder der Raum sein mag, den das Buch öffnet – der Schlüssel ist ein sehr einfacher Vorgang. Auch wenn ich bei genauerer Betrachtung feststelle, dass der Weg zum Lesen vielleicht gar nicht so simpel ist. Lesen zu lernen, eine Sprache zu lernen und auch das Thema und den jeweiligen Grad an Komplexität zu verstehen, ist ein Privileg, dass nicht allen Menschen zu Teil wird. Es ist also vielleicht ein schlicht aussehender Schlüssel – er ist jedoch aufwändig in der Herstellung, passt nicht in jedes Buch und ist als Teil von Bildung noch immer vielen Menschen vorenthalten.
Ich bin dankbar, dass ich ihn habe und er mir so viele Türen öffnet. Lesen ist für mich ein Geschenk und eine sehr achtsame Tätigkeit. Ich kenne aber auch ganz andere Leser und Leserinnen: gedanklich beschäftigte, die sich beim Lesen sehr konzentrieren, um nicht den Fokus zu verlieren, sprunghafte, die verschiedene Werke anlesen oder nur überfliegen, oder zielstrebige, die versuchen, ein Buch in höherer Geschwindigkeit und möglichst effektiv »zu absolvieren«.

Vielleicht ist Lesen da ein bisschen wie Zuhören. So als hörte ich dem Autor oder der Autorin mit meinen Augen zu. Und es ist eine schöne Art des Zuhörens – denn ich erwidere nichts. Es ist kein Dialog.
Ich halte dies für etwas, das wir vom Lesen mitnehmen können: Zuzuhören, um zu verstehen, nicht, um zu antworten.
Das Buch bringt dabei eine gewisse Stille und Reglosigkeit mit sich. Es begegnet uns Reiz arm. Ich meine damit nicht, dass es kein sinnliches Erlebnis ist. Schließlich sind es ja gerade Geruch, Haptik und das Geräusch des Umblätterns, welche es von anderen Medien unterscheiden. Aber sein Wesen scheint unaufdringlich, ruhig und geduldig.
Und gehen wir davon aus, dass wir beim Lesen zuhören und auch davon, dass wir dabei einem Menschen oder seinen Gedanken aus der Vergangenheit zuhören, so ist das Buch oder Papier im alltäglichen Gebrauch und in unserer heutigen Zeit das einzige Medium, auf dem dies offline und ohne eine Maschine oder Strom möglich ist. Das scheint erst mal ein banaler Faktor zu sein. Ich werde mich ihm aber noch in aller Ausführlichkeit widmen. Zu erst jedoch endet meine Betrachtung des Buches an dieser Stelle.

*

Ich danke dir, dass du mir mit deinen Augen bis zum Ende zugehört hast. Dieser Text ist fern von einer objektiven Analyse. Er ist aus Liebe entstanden. Aus Liebe zu einem Medium, das viele Themen und Menschen an mich herangetragen und mich in diesem Leben bisher sehr bereichert hat.
Und es mag sein, dass ein Tag kommen wird, an dem auch ich meine Zeilen auf Papier betten werde. Meine Gedanken würden jauchzen, wenn ihnen diese Ehre zu Teil würde. Ihre Seele bekäme einen Körper, und ihre Reise auf dieser Welt würde real.
Und es würde Menschen die Möglichkeit geben, diese Zeilen zu lesen, indem sie auf Papier blicken, statt auf einen Bildschirm. Ich würde es tun für all die Menschen, die auf Bücher starren.

1 Comment
  • Papa

    Januar 12, 2020at11:34 am

    Wieder mal schön, dass du mich an deinen Gedanken teilhaben lässt.
    Beim Thema gebe ich dir uneingeschränkt Recht und finde es schön, dass du dich nicht so sehr ind Medium verbissen hast.
    Ich lerne gerade wieder die Macht des geschrieben Wortes eines guten Buches zu lieben.
    Es schafft den möglichen Raum deb unsere Phantasie braucht um die Hektik der sozialen Medien zu ersetzen.
    Freue mich schon auf deinen nächsten Blog-Eintrag.
    Kuss.

Post a Comment

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. #keksekeksekekse Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen