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Re-Owning my Blood

Ich möchte ĂŒber ein Thema schreiben, das den meisten gelĂ€ufig ist, aber nicht allen vertraut. Es bewegt den Körper und den Alltag jeder Menge Menschen – mal als EinschrĂ€nkung, mal als Geschenk und mal als Startpunkt fĂŒr ein neues Leben.
Ich spreche vom weiblichen Zyklus und dem Blut, das einmal im Monat meinen Körper verlĂ€sst. Knapp die HĂ€lfte unserer Weltbevölkerung blutet mit mir. Man möchte also meinen, es sei das normalste der Welt. Aber aus meiner ganz persönlichen Erfahrung und meinem Wissen ĂŒber unsere Welt ist es das (noch) nicht – zumindest nicht fĂŒr alle. Und genau aus diesem Grund möchte ich dazu ein paar Worte sagen und ein bisschen was erzĂ€hlen.

Mein Bezug zum Thema fing schon im jugendlichen Alter von ca. 13-14 Jahren an. Schon als junge MĂ€dchen steckten wir uns kichernd und heimlich Tampons zu. Im Sportunterricht auszufallen, weil man »seine Erdbeerwoche« hatte, wurde schnell von anderen mit Augenrollen kommentiert und ich erinnere, dass sich einige MĂ€dchen stattdessen lieber krank meldeten. Den Jungs war das Thema dabei eher fern, mysteriös und mit Fremdscham behaftet. Und natĂŒrlich konnten weder die kleine eher peinlich empfundene Einheit Sexualkunde noch die sporadischen AufklĂ€rungsversuche untereinander daran etwas Ă€ndern.
Auch in der heutigen erwachsenen Berufswelt gibt es vermutlich viele menstruierende Menschen, die mit PMS, KrĂ€mpfen oder anderen von ihrer Blutung ausgelösten Beschwerden eigentlich nicht arbeitsfĂ€hig sind und dies aus verschiedensten GrĂŒnden nicht offen oder frei kommunizieren können. Was die MĂ€nnerwelt angeht bzw. generell alle Menschen, die nicht menstruieren, so treffe ich auch dort und in fortgeschrittenem Alter hĂ€ufig auf Unwissen, SchĂŒchternheit oder Schweigen. Bisher habe keine Frau mit ihnen so offen darĂŒber gesprochen, es groß thematisiert oder ihnen ihr Blut gezeigt. Es sei ja fĂŒr sie auch nicht so relevant.
Und das GefĂŒhl kann ich gut nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass es hochrelevant ist. Unser Blut ist nicht bloß etwas, das hinter verschlossenen KlotĂŒren und in unserem Privatleben eine Bedeutung hat, sondern es ist aus meiner Sicht ein Thema, das zum einen gesellschaftlich und kulturell unser Miteinander beeinflusst und zum anderen hoch politisch ist.

Die Periode der Frau hat historisch gesehen nicht nur zu gesellschaftlicher Ächtung gefĂŒhrt, sondern auch zum Ausschluss oder EinschrĂ€nkung vom Berufsleben. Hinzu kommen eine finanzielle Benachteiligung und teilweise die GefĂ€hrdung der Gesundheit durch fĂŒr manche Menschen unerschwingliche Periodenprodukte und Hygiene-Artikel.
Der Fakt, dass wir ĂŒberhaupt das Wort »Hygiene-Artikel« benutzen, macht einen weiteren sehr essenziellen Aspekt auf. Die Bezeichnung deutet nĂ€mlich an, dass wir uns wenigstens sprachlich in der Annahme befinden, dass die Blutung der Frau etwas »Schmutziges« ist. Auch Ekel nehme ich zusammenhĂ€ngend damit oft wahr. Und vielleicht geht es dabei gar nicht mal unbedingt immer um Menstruationsblut, sondern um Blut im Allgemeinen: Manche Menschen können kein Blut sehen, andere wollen es nicht berĂŒhren und blutige Stellen am Körper oder Blutflecken in der Kleidung können dazu fĂŒhren, dass Mitmenschen auf Abstand gehen. Das ist etwas paradox, wenn wir uns vor Augen fĂŒhren, dass Blut so etwas wie die Essenz unseres (Über-)Lebens ist. Eigentlich sollte es also eher etwas Heiliges als etwas Tabuisiertes sein.

In einigen Kulturen geht dieses Tabu so weit, dass Frauen wĂ€hrend ihrer Periode in so genannte MenstruationshĂŒtten geschickt werden, um in der Zeit, in der sie »schmutzig« sind, andere damit nicht zu behelligen oder zu verunreinigen. Das kann abgesehen von der gesellschaftlichen Abwertung und damit psychologisch starken Belastung fĂŒr die Frauen aufgrund von mangelnder Ausstattung, Versorgung und Sicherheit dieser HĂŒtten lebensgefĂ€hrlich sein.
Dabei sind der weibliche Zyklus und die damit verbundenen Prozesse verantwortlich dafĂŒr, dass wir als Individuen und als Menschheit ĂŒberhaupt erst geboren wurden. Alles, was sich also dagegen richtet oder unser Bluten abwertet, richtet sich aus meiner heutigen Sicht eigentlich gegen das Leben selbst.

Wenn ich aber ĂŒber kollektive Themen spreche, bin ich selbst die erste, bei der ich mit meiner Betrachtung oder Reflexion anfangen sollte. Auch ich habe lange gebraucht und bin nach wie vor im Prozess, die Jahre lang konditionierten Verhaltensweisen, Aussagen und GefĂŒhle, die mit meiner Monatsblutung zusammenhĂ€ngen, neu zu verfassen. Ich habe so oft in diesem Leben schon Scham empfunden, wenn es um mein Blut oder den Umgang damit ging, bin so oft in Unterhaltungen oder in alltĂ€glichen AblĂ€ufen um das Thema herum getĂ€nzelt und habe etliche kleine Vermeidungsstrategien angewendet, um nicht in die Konfrontation zu gehen. Das hat dazu gefĂŒhrt, dass es Zeiten gab, in denen auch ich selbst mich vor meinem Blut und diesem Teil meines Körpers geekelt habe. Wenn ich frĂŒher Tampons wechselte, wanderten diese, so schnell es ging, in eine dafĂŒr vorgesehene TĂŒte oder ein StĂŒck Klopapier. Im Schwimmbad schĂ€mte ich mich, wenn das BĂ€ndchen des Tampons aus dem Bikini rausschaute. Und auch in intimen Beziehungen und im sexuellen Kontakt wurde ich einige Male mit Ekel, betretenem Schweigen, aktiver Ablehnung oder Distanz konfrontiert, wenn die Begegnung an einem der entscheidenen fĂŒnf Tage stattfand. Ab einem gewissen Punkt wurde die Phase der Blutung so zu einer Zeit, in der ich mich automatisch aus dem intimen Kontakt zurĂŒckzog oder auf Abstand ging.
Die Reaktionen anderer Menschen und die Erfahrungen, die ich in meinem Alltag machte, bestimmten also maßgeblich, wie ich selbst diesen Aspekt meines Körpers wahrnahm. Auch wenn ich in einem sehr offenen Elternhaus großgeworden bin, ĂŒberwogen und prĂ€gten mich vor allem diese EindrĂŒcke des gesellschaftlichen Umgangs, des öffentlichen Raums und den sozialen GefĂŒgen und Beziehungen, in denen ich mich bewegte.

Der Wandel hin zu einem offenen und verbundenen Umgang mit dem Thema hat einige Jahre gedauert und findet immer noch statt. Mein Blut wirklich wirklich angesehen habe ich mir damals zum ersten Mal, als ich anfing, eine Menstruationstasse zu benutzen (die Tasse sammelt das Blut noch im Körper und wird mehrere Male am Tag ausgeleert). Es ist rot – Achtung, nicht wie in einigen Werbeblöcken fĂŒr Periodenprodukte hellblau – und dabei mal dunkel, mal heller, mal brĂ€unlich, meistens schleimig und manchmal klumpig. Jap, ich nehme kein Blatt mehr vor den Mund.
Wenn ich das Blut heute an meinen HĂ€nden habe und seine Bedeutung spĂŒre, verbindet mich das mit dem Ursprung des Lebens. Es ist die Materie, es sind die Zellen und die NĂ€hrstoffe, aus denen bei einer Befruchtung ein Embryo und damit neues Leben entsteht. Es ist eigentlich ein Wunder der Natur und ein Grund zum Feiern! Und ich möchte damit nicht die Menschen abwerten, die nicht menstruieren, sondern lediglich diesen faszinierenden Prozess wertschĂ€tzen und ihm eine BĂŒhne geben.
Es hat etwas unfassbar Kraftvolles, den Zugang zu diesem Teil meines Körpers wiederzufinden. Mit jedem Schritt, den ich in diese Richtung mache, habe ich das GefĂŒhl, dass ich weniger auf das reagiere, was mir die Außenwelt an Geschichten dazu erzĂ€hlt. Ich erobere das GefĂŒhl zurĂŒck, dass mein Blut und mein Umgang damit mir gehören und dass ich meine eigene Geschichte dazu erzĂ€hlen kann. Es ist fast ein wenig so, als wĂŒrde ich mir selbst damit etwas meiner Weiblichkeit vor allem aber meiner Menschlichkeit zurĂŒckgeben.

Warum ich dieses blutige Thema hier in aller Öffentlichkeit ausbreite? FĂŒr mich ist dieser Text und seine Veröffentlichung Teil eines persönlichen und kollektiven Prozesses hin zur Normalisierung – auch wenn es mich nach wie vor Mut kostet. Ich habe seit einigen Jahren stetig mehr Frauen in meinem persönlichen Umfeld, die sich wieder mit ihrem Zyklus und seinem Einfluss auf unser Leben beschĂ€ftigen. Vor etwa einem Jahr habe ich an dem drei-monatigen Zyklus-Kurs Know Your Flow bei Ruby May teilgenommen und bin noch einmal viel tiefer eingetaucht in die Welt der Weisheit unseres Unterleibs. DafĂŒr bin ich sehr dankbar.
Ich stelle freudig fest, dass es eine wachsende Zahl solcher Angebote gibt – Angebote, die uns Wissen an die Hand geben, uns unterstĂŒtzen, eine Wiederverbindung zu unseren Körpern und miteinander herzustellen, und uns Inspiration spenden, zyklische Achtsamkeit in unser Leben zu integrieren. Da sind dann Fragen wie: Was braucht mein Körper in den einzelnen Phasen meines Zyklus und wie kann ich ihn dabei unterstĂŒtzen? Wie erlebe ich mich selbst in den unterschiedlichen ZeitrĂ€umen? Welche GefĂŒhle fĂŒhle ich und wie interagiere ich mit meinen Mitmenschen? Wie kann ich die QualitĂ€ten der hormonellen, energetischen und emotionalen Reise so nutzen oder integrieren, dass sie mir dienen? Wie finden meine emotionalen und körperlichen BedĂŒrfnisse einen Platz in unserer Welt, wie sie heute ist und funktioniert? Oder andersherum: Wie können wir einen Kulturwandel unterstĂŒtzen oder RĂ€ume gestalten, sodass wir mit allem da sein können, was wir gerade sind und brauchen?

Ich hoffe, mit diesem Text dazu beizutragen, dass diese Fragen sich ein StĂŒckchen weiter verbreiten und das Thema ein paar Zeilen mehr Sichtbarkeit in der Welt erlangt.
Und vielleicht begegnest du dem Thema – falls du es nicht eh schon tust – das nĂ€chste Mal, wenn du einen BerĂŒhrungspunkt hast, mit einer Offenheit und Neugier. Vielleicht erinnerst du dich dann an diesen Artikel. Vielleicht kannst du dich im Bezug auf das Thema beobachten und vielleicht erlebst du am Ende eine neue Erfahrung oder eine verbindende Begegnung – mit dir selbst oder einem anderen Menschen.

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Santa Mama

I want to talk about
this big old white man
that we all know,
who seeks his way
through night and snow,
to bring us gifts and joy
like a light flash passing by
and greeting us with Ho-Ho-Ho.

God-like we praise him.
His existence is built on the child
who believes in his magic,
in his all-knowing might.
Believing that he knows what is true,
and that he knows what is right,
obeying his moral
full of admiration and fright.

With his book full of data,
full of all that he tracked,
he is judge for the young ones,
for how they say things and
act,
giving them a treat or the rod
for how well they fit into,
the system we built,
full of shame, fear and guilt.

So we’re planting the picture
of the white man in power
in their imagination right from the start
and they strongly believe in this immortal hero
till they find out the lie,
feeling broke in their heart.
And whilst the magic of Christmas fades away,
the patriarchal ideas within them stay.

So I am asking,
having been a child once myself:
Why are the women in this story
just a »pretty angel« or an elf?
Where are the heroes that resonate with me?
Where’s the hero that a girl wants to be?
Why are the pictures of woman in red,
so often lying in dessous on a bed?

Santa Mama, this year I wish for you.
Be with us Christmas and the future to come.
Bring us your sack full of feminine home.
I want all the stuff, which for many is new:
Unwrapping vulnerability,
revealing pain and fragility,
weakness as no disability.
The gentleness, humbleness, patience and trust,
to nurture what’s hurting and seeking to rest.
The slowness, the intuition and love,
to build our sore souls a safe and warm nest.

I wish for all her gifts to lie
under the tree of life for us to receive.
I wish for new stories, that we weave.
I wish for new heroes, that we invent.
And I wish for that old white man
to become my close friend.
Cause only together we can ignite,
a new guiding star in the holy night.

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Eine Reise durch die Wirklichkeit

 

Ich sitze in einem Zug zwischen den Welten. Und ich betrachte meine Umgebung und stelle fest, dass ich meine Aufmerksamkeit auf ganz verschiedene Dinge legen kann, ohne dabei den Blick abzuwenden.
Ich kann zum Beispiel auf die Fensterscheibe schauen und den Fokus meiner Betrachtung auf unterschiedliche Ebenen richten. Wenn mich die Menschen um mich herum anschauen, sehen sie mich nur, wie ich auf die Scheibe starre. Doch in mir durchlaufe ich verschiedenste Welten.

Ich kann natĂŒrlich zu erst einmal einfach aus dem Fenster schauen. Und dort kann ich auf den Horizont blicken, in die Ferne, in der alles nur sehr langsam »vorbei« zieht. Oder ich kann die Dinge betrachten, die mir und dem Zug nah sind und in Windeseile – in der Geschwindigkeit des Zuges – an mir vorbei rauschen. Meine Augen »springen« dabei und versuchen, immer wieder neue Dinge zu fokussieren, solange bis wir zu schnell sind und alles verschwimmt. Der Moment, in dem man zu schnell wird und alles verschwimmt, ist unangenehm und tut ein bisschen weh.
Das lĂ€sst sich wohl auch gut aufs Leben ĂŒbertragen.
Und dann schaue ich etwas anderes an. Irgendwas beliebiges zwischen dem Zug und dem Horizont. Dort draußen ist eine ganze Welt. Und nach einer Weile abstrahiert sich das Bild und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich durch die Welt bewege oder an einer Welt vorbei oder ob die Welt sich an mir vorbei bewegt.
Es wird langsam dunkel draußen.

Je dunkler es wird, desto besser kann ich mein eigenes Spiegelbild sehen. Ich betrachte es lange. Ich betrachte es so, wie ich es noch nie betrachtet habe. Ich schaue mir in die Augen und stelle fest, dass es die Augen sind, mit denen ich es gerade ansehe. Ein verrĂŒckter Gedanke. Was wĂ€re, wenn »ich« im Spiegelbild stecken wĂŒrde, bzw. sich mein Bewusstsein auf das Spiegelbild ĂŒbertragen wĂŒrde? WĂŒrde das fĂŒr meine Wahrnehmung ĂŒberhaupt einen Unterschied machen? Der Gedanke einer Bewusstseins-Spiegelung macht mich nach einer Zeit etwas unruhig und ich kehre zurĂŒck zu dem bloßen Spiegelbild meines Körpers.

Ich sehe neben meinem Spiegelbild auch noch das des Mannes, der mir gegenĂŒber sitzt. Er sitzt dort schon die ganze Zeit. Und er scheint neugierig zu sein, mich aber nicht direkt ansehen zu wollen. So starrt auch er auf die Scheibe. Und zwischendurch sieht er mich mal an. Jedoch nicht mich, die ich vor ihm sitze, sondern mein Spiegelbild. Und wenn ich sein Spiegelbild und seine Augen in der Scheibe anschaue, treffen sich unsere Blicke und wir haben »Augenkontakt« – in einer anderen Welt. Denn wir schauen uns nicht in die Augen. Wir schauen uns quasi ins Spiegelbild.

Dann löse ich mich aus diesem Kontakt und wandere mit meinem Blick auf der Reflexion meiner Scheibe weiter in die Tiefe des Raumes. Dort sehe ich hinter mir die vier Sitze auf der anderen Seite des Ganges. Auf einem von ihnen sitzt ein Mann. Er arbeitet an seinem Laptop und ich kann erahnen, dass er etwas schreibt oder programmiert. Dann tippt er etwas in sein Handy, dann schreibt er weiter auf dem Laptop. Zu ihm haben sich zwei weitere Menschen gesetzt und sie reden in einer mir fremden Sprache miteinander und zeigen sich gegenseitig Dinge auf ihren Smartphones. Sie sitzen Knie an Knie mit dem Mann mit dem Laptop und seine platzsparende Haltung lĂ€sst in mir die Frage erwachsen, ob er wohl morgen RĂŒckenschmerzen haben wird.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Denn auch hinter ihnen befindet sich ein Fenster, das ich in der Spiegelung meines Fensters erkennen kann. Eine Scheibe, durch die ich einen weiteren Horizont sehen kann und ebenso Dinge, die dicht an ihr vorbei rauschen. Und auch in ihr sehe ich wieder Spiegelungen. Ich sehe in der Spiegelung meines Fensters die Spiegelung des Fensters hinter mir. Und die Spiegelung des Fensters hinter mir zeigt mich von hinten wie ich in die andere Richtung auf meine Scheibe blicke. Ich sehe mich also dabei an, wie ich mich ansehe. Es fĂŒhlt sich ein bisschen an, wie im Kreis zu gucken.

Und dann kann ich natĂŒrlich auch noch die Scheibe selbst betrachten.
Sie ist dreckig und mit einigen FingerabdrĂŒcken versehen. Es sieht aus, als hĂ€tte hier vor nicht allzu langer Zeit ein Kind gesessen und auf Dinge gezeigt, die am Fenster vorbeiziehen – nur um dann festzustellen, dass es sie nicht anfassen kann, weil dort eine kalte durchsichtige Scheibe im Weg ist. Jede BerĂŒhrung dieser unsichtbaren Wand hat Spuren auf ihr hinterlassen. WĂŒrde es wohl merken, wenn dort keine wirkliche Landschaft vorbeiziehen wĂŒrde sondern ein Film von einer Landschaft? Können wir den Unterschied wirklich ausmachen, solange dort eine Scheibe zwischen uns ist, die verhindert, dass wir die Dinge berĂŒhren?
Plötzlich lĂ€uft eine Fliege an den FingerabdrĂŒcken vorbei und lĂ€sst mich erkennen, dass die Scheibe fĂŒr sie ungeachtet der Schwerkraft gerade der Boden ist, auf dem sie lĂ€uft. Ich versuche, gedanklich die Perspektive der Fliege einzunehmen. Wie verwirrend es sein muss, unter seinen eigenen FĂŒĂŸen auf eine Welt zu blicken, die unter dem »Boden«, der Glasscheibe, an einem vorbeirauscht. Man sĂ€he den Horizont in der Tiefe unter sich. Mir vorzustellen, wie Himmel und Erde, »oben und unten« aus dieser Perspektive wirken mĂŒssen, sprengt meine Vorstellungskraft. Je nach dem, in welche Richtung ich blicke, wĂŒrde es wie ein landschaftliches Fließband von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne unter meinen FĂŒĂŸen langlaufen. Ein schwindelerregendes GefĂŒhl. Doch die Fliege sieht das sehr wahrscheinlich so wie so ganz anders, weil ihre Augen andere sind und somit ihre Wahrnehmung eine andere ist und wahrscheinlich die geistige Verarbeitung dieser komplett anders ablĂ€uft.
Auch der Mann, der mir gegenĂŒbersitzt, beobachtet die Fliege. Vielleicht denkt er das gleiche. Oder er ekelt sich. Oder er denkt ĂŒber ihre Sterblichkeit nach. Oder seine eigene. Oder er denkt gar nicht.

NatĂŒrlich kann ich nun auch noch alles betrachten, was sich zwischen mir und der Scheibe im inneren des Zuges befindet, bis hin zu meinem eigenen Körper, meiner eigenen Hand – bis hin zu meiner eigenen Nasenspitze.
Und das bringt mich zu einer weiteren physischen Ebene, die es zu betrachten gibt. Auf meiner Nase sitzt nĂ€mlich noch meine Brille. Und wenn ich mich gut anstrenge, kann ich in der Innenseite meines Brillenglases mein eigenes Auge sehen. Ich kann auch bei dieser Scheibe feststellen, dass sie FingerabdrĂŒcke besitzt oder dreckig ist. Und sie ist von einer besonderen Form und besitzt scheinbar magische KrĂ€fte. Sie entscheidet nĂ€mlich darĂŒber, ob ich den Horizont oder meine eigene Hand ĂŒberhaupt sehen kann. Sie befĂ€higt meine Augen zu arbeiten. Sie verĂ€ndert, was ich sehe oder wie ich wahrnehme. Sie könnte die Welt um mich herum schĂ€rfen und verunschĂ€rfen, sie einfĂ€rben oder abdunkeln. Auch diese Beobachtung lĂ€sst sich aufs Leben ĂŒbertragen, welches wir alle durch unsere ganz individuell eingestellten geistigen Brillen betrachten.
Der Gedanke des Brillenglases bringt mich zu meiner eigenen Linse, welche Licht durchlĂ€sst und ein Bild auf meine Netzhaut wirft, welches mein Gehirn dann verarbeiten kann. Ich kann diese Linse allerdings nicht sehen. Genau so, wie ich mein Auge nicht sehen kann. Und da passiert ein großer Klick-Moment: Ich kann mein Auge nicht sehen, weil es das ist, was sieht. Und ich frage mich: Ist es so auch mit dem Selbst? Kann ich es nicht erkennen, weil es das ist, was erkennt? Und kann ich es deshalb Ă€hnlich wie mein Auge nur als Spiegelung in anderen erkennen?

Ich springe aus dieser abstrakten Gedankenebene zurĂŒck ins physische Hier und Jetzt. Ich schaue mich um und frage mich, welche Gedanken die anderen Menschen hier gerade haben mögen, welche Ebenen sie wahrnehmen und welche Scheiben sie betrachten. Die meisten blicken offenbar auf die Scheibe ihres Smartphones und in die horizontlose Welt dahinter.
Und dann frage ich mich, was Scheiben ĂŒberhaupt fĂŒr uns bedeuten und wie faszinierend Glas doch ist. Es ist transparent, durchsichtig, fast so, als gĂ€be es vor, gar nicht da zu sein. Es schĂŒtzt uns einerseits und ist uns zugleich eine Grenze, die uns trennt. Mal lĂ€sst es Licht und unseren Blick durch und mal wirft es ihn zu uns zurĂŒck. Und dann sehen wir Dinge, wie zum Beispiel unsere eigenen Augen oder uns selbst von hinten – Dinge, die wir sonst nie im Stande wĂ€ren zu betrachten. Und wenn wir uns dieser Wirkung von Glas und Reflexion bewusst sind, eröffnet es uns die Möglichkeit einer Abgrenzung von innen und außen und das Wahrnehmen einer Tiefe, die physisch eigentlich gar nicht da ist. Wir können die Reflexion nutzen als Multiplikator parallel existierender Ebenen oder RealitĂ€ten. Und wenn wir dies bis zum Ende denken, macht es uns dieses Element so nicht auch möglich, Unendlichkeit zu visualisieren? So wie man es zum Beispiel von zwei sich gegenĂŒberliegenden Spiegeln kennt?

Ich bin fast ein wenig erschöpft von den SprĂŒngen zwischen all diesen Ebenen. Ich merke, dass meine Wahrnehmungs-KapazitĂ€t eine Grenze hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass manche Menschen sich irgendwo zwischen diesen Wirklichkeiten verlieren.
Ich beschließe, zurĂŒck zum Anfang zu gehen und aus dem Fenster zu schauen.
Wir stehen mittlerweile an einem Bahnhof. Draußen auf dem anderen Gleis steht ein anderer Zug. In ihm auf meiner Höhe sitzt eine Frau, die aus dem Fenster sieht. Und in dem Vierer hinter ihr ein Mann, der auf der anderen Seite aus dem Fenster sieht beziehungsweise auf die Scheibe schaut. Und ich sehe sein Spiegelbild auf jener Scheibe. Und ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht schauen wir uns gerade in die Augen.
Mir kommt ein Gedanke. Ich drehe mich um und schaue auf die Fensterscheibe hinter mir. Ich hĂ€tte es nicht fĂŒr möglich gehalten, aber ich kann sogar in der Spiegelung dieser Scheibe den anderen Zug sehen. Und, wenn ich genau hinsehe, erkenne ich auch jenen Mann und sein Spiegelbild, welches er betrachtet.
Ich bin fasziniert. Wenn er wĂŒsste, was ich hier gerade tue, könnten wir uns »in die Augen« schauen, obwohl wir einander abgewandt in zwei unterschiedlichen ZĂŒgen sitzen.

Nichts ist unmöglich.

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The old one within me

May I introduce to you: this is me. Or rather: this is, who I may look alike when I’ll be at the age of a lady, that carries along the wisdom of a lifetime.
I’ve met her in a dream. And I’ve aged a picture of myself with an app to remember her and to share this experience with you.
So if I look at this picture, I look into my own eyes, knowing, that the day might come that I’ll have actually grown into her. I don’t know what world we’ll be living in by then and for this moment now, it doesn’t matter. Because what I’d like to share with you, is, that she is not only a future version but also part of me already.
She has been with me, since I am part of this world.
She is my inner wisdom.
She is all what all my ancestors before me have experienced and known.
She knows the pain of loss.
She knows the fear of being alone.
She knows the joy of being alive.
And she has seen all of it come and go.
She takes responsibility for her thoughts, emotions and actions.
She is something inside of me that I look up to with humbleness.
She is a part of me, which allows me to give myself comfort and stability.
She is forgiving and patient.
She is grateful and humble.
She is never in a rush and always welcomes problems with a smile.
She speaks only when I am silent.
She is listening when I speak.
And sometimes she sees what I can’t see (yet).
She is the one feeding my intuition.
Her spirit is not just inside of me but connected to all the other elders, to collective wisdom.
And I have a feeling that we all – deep inside – have a part like this in ourselves. That we all have this timeless quality within, if we are willing to stop tweeting and talking and doing and buzzing and instead listen inside and connect.
Then we only need to trust and surrender.
But I find this to be quite a challenge.
Isn’t it?
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STARK: Über die Geburt der Marke, Start-Up-Spirit & Eis im Bauch

Eine Marke in die Welt zu bringen und so lange zu begleiten und aufwachsen zu sehen, wie es bei der Food-Brand STARK der Fall war, macht mich nicht nur glĂŒcklich und stolz, sondern ließ auch eine starke Verbindung entstehen. Die Zusammenarbeit mit einem Start-Up wie diesem hat mich dabei in meinem Wachstum unterstĂŒtzt, öffnete mir als SelbststĂ€ndige unter anderem die Augen in Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Pragmatismus und ermöglichte mir die Arbeit in einem Team, in dem ich viel Eigenverantwortung leben und erleben durfte.

Die Geschichte begann vor etwa 6 Jahren. Damals hieß STARK noch IWICE und ich ĂŒbernahm das Projekt gemeinsam mit meinem ehemaligen Studien-Freund Christian Friedrich als eines der ersten umfangreicheren Brandings meiner SelbststĂ€ndigkeit. Uns wurde von Anfang an ein großes Maß an Vertrauen und Freiheit in der Umsetzung unserer Ideen entgegen gebracht. Die österreichische Marke schafft es in den Handel. Zwei Jahre und eine Hersteller-Insolvenz spĂ€ter, fusioniert IWICE mit dem Start-Up Purefood, welches unter anderem auch die Tochtermarke Lycka vertreibt, und wird zu STARK. GrĂŒnder und GrĂŒnderin Lukas und Johanna kann ich zu dem Zeitpunkt bereits meine Freunde nennen und sie bestehen darauf, dass ich bei diesem Schritt an ihrer Seite bleibe. So darf ich auch beim Relaunch der Marke Geburtshelferin sein und ihr erneut ein Gesicht und einen visuellen roten Faden verpassen. STARK wĂ€chst und auch ihre Schwestermarke Lycka bekommt eine Rundum-Überarbeitung – dieses Mal von mir im Duo mit Marie Kersten.
In die Marken floss auf diesem Weg viel Herzblut und es war eine wahre Freude, in die Welt von Purefood einzutauchen. Ich konnte dezentral und in meinem Rhythmus arbeiten und die Zusammenarbeit ermöglichte es mir so, unterwegs zu sein und zu reisen.

Wann immer ich dann doch mal in Hamburg war und das BĂŒro betrat, schwappte mir eine Art klassischer Start-Up-Spirit entgegen (zumindest stelle ich ihn mir so vor): In einer Ecke werden neue Eis-Sorten verkostet, in den Sauna-Kabinen, die zu gemĂŒtlichen Telefon-Kabinen umfunktioniert wurden, gestikulieren fleißige Menschen in ihren Calls und ein Zimmer weiter wird eine Runde Flunky-Ball gespielt. Das gemeinsame Mittagessen steht schon auf dem Tisch, ich werde herzlich begrĂŒĂŸt und fĂŒhle mich Zuhause. Obwohl ich nicht angestellt bzw. auch keine »Ownerin« bin, sondern nur punktuell als Freelancerin dazukomme, werde ich als Teil des Teams behandelt und in die Entwicklungs-Prozesse der Marken und Firma auf vielen Ebenen involviert.

So waren mir hĂ€ufig auch die Teilnahme an Teamtreffen und Offsite-Events vergönnt. Einblicke in die HintergrĂŒnde der Organisationsstrukturen und Wachstumsprozesse zu bekommen und eigene Themen und Ideen einbringen zu können, war fĂŒr mich eine willkommene Abwechslung zum Freelancerinnen-Alltag. So bot ich der Gruppe zum Beispiel eine kleine Meditations-Reise an, öffnete einen Sharing-Kreis zum Thema GlĂŒck und versuchte, meine Außenperspektive in den strategischen Gruppen-Sessions mit einzubringen.

Auch noch in der etwas fortgeschritteneren Anfangsphase wurde viel diskutiert. Es ging um Werte und Philosophie, faire und neuartige Gehaltsmodelle, die Entwicklung der Organisation mit ihren verschiedenen Untermarken, die Kommunikations- und Feedback-Kultur im internen Miteinander, neue Tools und, und, und…
All diese Werte zu entwickeln und aufrecht zu erhalten unter dem Druck des Vertriebsapparates Einzelhandel und den wachsamen Augen und Erwartungen von Investoren, ist allerdings nicht unbedingt ein Zuckerschlecken. FĂŒr die Idealistin in mir war und ist dieses Spannungsfeld auf jeden Fall eine Grenzerfahrung. Ich lernte hier als Gestalterin außerdem den pragmatischen Ansatz von Macher:innen so in meine Arbeitsweise zu integrieren, dass sich mein eigener QualitĂ€tsanspruch und das Budget eines Start-Ups auf dem Weg zum coolen Design irgendwo bei einem effizienten Ergebnis treffen sollten.

Mittlerweile hat sich der Zauber des Anfangs in einen Wind des Wachstums verwandelt. Das Unternehmen erobert weiter die SupermĂ€rkte und bringt so mehr und mehr soziale vegane Bio-Produkte in die Supermarkt-Regale. Mit ihm wachsen auch seine Strukturen und Prozesse, die BĂŒrorĂ€umlichkeiten und die Mitarbeiter-Zahlen. Es gibt nun auch eine hausinterne Marketing- und Designabteilung, mit der ich nach wie vor hin und wieder zusammen arbeite.

WĂ€hrend ich mich freue, dass Marken wie diese die SupermĂ€rkte erobern und Menschen eine Alternative zu ihren gewohnten Produkten anbieten, beschĂ€ftigen mich mittlerweile immer stĂ€rker die Systeme, die sich um einen Gegenvorschlag zum allbekannten Konsum bemĂŒhen. Lebensmittel-Rettung, gemeinschaftliche Bestellung von Großgebinden, Solidarische Landwirtschaft oder der eigene Anbau von Obst und GemĂŒse sind (teilweise keine neuen) spannende Konzepte und halten StĂŒck fĂŒr StĂŒck Einzug in meine Lebens- und ArbeitsrealitĂ€t.

Ich unterstĂŒtze STARK trotzdem manchmal noch und werde dann am großen Esstisch willkommen geheißen – und jedes Mal gibt es ein unfassbar leckeres Eis zum Nachtisch.
Danke Johanna und Lukas und danke Team Purefood fĂŒr die Reise bis hierhin!

Die Projektaufbereitung und weitere Infos zur Marke STARK findet ihr hier.
Fotos: ©Purefood, Fotografin: Julia Bischoff

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Zwischen Meditation und Masturbation

 

Zugegeben, der Titel ist direkt und mag polarisieren. Aber seit einiger Zeit fasziniert mich etwas an dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden. Irgendetwas steckt darin, das vielleicht weder mit dem einen noch mit dem anderen unbedingt etwas zu tun hat. Ich möchte mir ein paar Fragen stellen und sie als Ausgangspunkt und ProjektionsflÀche nutzen. Aber wie komme ich gerade auf diese zwei?

Einer der ersten GedankenanstĂ¶ĂŸe zu diesem Thema war ein Freund, der mir von einem Facebook-Post erzĂ€hlte. In dem Post rief eine Frau andere Frauen dazu auf, weniger zu meditieren und stattdessen zu masturbieren, um ihre Lust wieder zu finden. Die These hinter diesem Aufruf also vielleicht: Meditation nimmt uns die Lust. Auch meine persönliche Erfahrung ist, dass in lĂ€ngeren Phasen von sehr intensiver regelmĂ€ĂŸiger Meditation die sexuelle Lust abnehmen kann. Besteht da wirklich ein Zusammenhang? Und ist es andersherum das gleiche? Sind wir durch regelmĂ€ĂŸige Masturbation unausgeglichener?
Sind diese zwei AktivitĂ€ten wie Pole, die sich gegenseitig ausschließen? Oder teilen diese AktivitĂ€ten auch Eigenschaften miteinander? Können sie einander vielleicht sogar ergĂ€nzen oder ausgleichen – oder sind sie vielleicht auf eine Art sogar gleich?
Kann Masturbation Meditation sein?
Und kann Meditation Masturbation sein?

*

Ich kenne sowohl Menschen, die in ihrer tÀglichen Morgenroutine meditieren, als auch Menschen, die jeden Morgen mit Masturbation beginnen. Welche Auswirkungen hat das wohl auf unseren Tag? Welche QualitÀten bringen die beiden in unser Leben?
Das ist wahrscheinlich so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Und auch auf die Gefahr hin zu verallgemeinern wĂŒrde ich zu erst einmal sagen: Beide können mich in den Körper bringen und beide können mich mit mir selbst verbinden. Mit beiden kann ich mir auf einer Art etwas »Gutes« tun. Genau so kann ich wahrscheinlich beide als eine Kompensation oder Flucht nutzen. Und doch scheinen sie nach meinem VerstĂ€ndnis im Wesen etwas GegensĂ€tzliches zu verkörpern: Das eine folgt einem starken BedĂŒrfnis nach Befriedigung (ich reagiere auf das BedĂŒrfnis), das andere hilft mir, BedĂŒrfnisse wahrzunehmen, zu beobachten und ihnen mit Gleichmut begegnen.

Aber was macht Letzteres mit dem BedĂŒrfnis? Verschwindet ein BedĂŒrfnis, wenn ich es nur lange genug ignoriere? Oder es einfach nur beobachte? Oder bleibt es solange am Leben, bis es gehört und bedient wird – vielleicht im Verborgenen? Erhöht sich durch die Befriedigung die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder kommt?
Und was bedeutet der Begriff der Befriedigung? Man könnte ihn zum einen so deuten, dass etwas in Unfrieden ist, was eine Be-friedigung benötigt. Zum anderen wirft er bei mir die Frage auf: Braucht es die Befriedigung, um in Frieden zu sein? Bringt sie wirklich Frieden oder nicht vielleicht sogar das Gegenteil? Weckt sie nicht vielleicht einfach den Wunsch nach mehr? Und ist es nicht das, worum es auch bei der Sucht geht?

*

Ich lasse die Fragen mal im Raum stehen und komme noch einmal kurz zurĂŒck zur Erregung.
Bei der Erregung muss es ja zu erst einmal gar nicht um etwas Sexuelles gehen. Wenn wir uns an dieser Stelle einmal von der sexuellen Erregung und ihrem Höhepunkt lösen, gibt es ja auch noch reichlich andere Themen oder GefĂŒhle, bei denen ich intensive innere Regung spĂŒren kann. Neben der Lust hĂ€tten wir da zum Beispiel noch Euphorie, ein Aufgebracht-Sein, Panik oder jede beliebige Form von Drama. Was sie gemeinsam haben, ist die IntensitĂ€t. Es geht um einen Rausch oder Kick, das Zusteuern auf einen Höhepunkt oder einfach einen extremen Zustand. Je öfter oder stĂ€rker ich mich in diesen Zustand versetze, desto mehr gewöhne ich mich an den Reiz. Und desto stĂ€rker, höher, extremer muss der nĂ€chste Reiz oder die nĂ€chste Erfahrung vielleicht sein, damit ich wieder einen Höhepunkt empfinden kann.
FĂŒr mich sind sie in unserer Gesellschaft unĂŒbersehbar: »höher, schneller, weiter«, Rekorde, Weltreisen, Extrem-Sportarten, Ayahuasca-Zeremonien – die Liste könnte eine ganze Weile so weiter gehen.

Und auf der anderen Seite: Sind Stillstand und Gleichmut nicht genauso Extreme? Ist das radikale Negieren von Höhepunkten nicht selbst eine Art Höhepunkt?
Ich stelle mir Gleichmut oft als eine Linie vor, die ohne starke AusschlĂ€ge in der Mitte zwischen den »positiven Extremen«, die nach oben ausschlagen, und den »negativen Extremen«, die nach unten ausschlagen, relativ gerade und gleichmĂ€ĂŸig verlĂ€uft. Wenn ich stattdessen jedoch nicht eine Skala mit der Bewertung von negativen und positiven Extremwerten betrachte, sondern die Skala aus den beiden Energien selbst bestĂŒnde, wird alles, was extrem schwingt oder stark in Bewegung ist, der eine Pol und alles, was ruhig oder regungslos ist, der andere. Damit wĂ€re Gleichmut nicht mehr der Mittelwert, sondern selbst ein Pol.
FĂŒr einen Menschen, der energetisch die ganze Zeit unter Starkstrom steht, könnten Meditation, Stille und Reizarmut also zur absoluten Grenzerfahrung werden. Und vielleicht hat sie mit der oft umschriebenen »Erleuchtung« wahrscheinlich auch so etwas wie einen orgasmischen spirituellen Höhepunkt.

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Warum aber suchen wir Höhepunkte? Was geben sie uns, wenn wir sie erreichen?
Ich stelle mir einen Orgasmus vor, einen Jubel-Schrei beim Erreichen eines Berggipfels, den Fall-Schirmsprung aus einem Flugzeug.. – sie lassen Botenstoffe durch meinen Körper fließen, lösen extreme körperliche Erfahrungen aus und beleben mich. Worte, die mir da kommen, sind wach, elektrisiert, bewegt, euphorisch, lebendig.

Sind es also erst die Höhepunkte, die uns uns lebendig fĂŒhlen lassen? Auch auf unserer Pulslinie ist jeder Schlag des Herzens ein kleiner Höhepunkt, der anzeigt, dass wir leben. Nun sorgt ein normal schlagendes Herz nicht unbedingt fĂŒr das GefĂŒhl von einem »Kick«. Diesen haben wir erst, wenn es »höher schlĂ€gt«, schneller schlĂ€gt, wilder schlĂ€gt und unser Körper Hormone aussendet – erst in der Steigerung wird es interessant.
Die Frage könnte also viel mehr lauten: Wie extrem muss ein GefĂŒhl sein, damit ich diese Lebendigkeit empfinde?

Oder aber: Wie feinfĂŒhlig muss ich sein, damit ich auch die kleinen Regungen intensiv spĂŒren kann? Was wĂ€re, wenn ich es darauf anlegte, die Höhepunkte nicht dadurch zu finden, dass ich mich oder mein Handeln steigere, um wieder mehr zu spĂŒren, sondern dadurch, dass ich mich wieder fĂŒr niedrigere Reize sensibilisiere? Was passiert, wenn ich die Skala Ă€ndere? Wenn ich Geschwindigkeit und GrĂ¶ĂŸe verwandle in etwas Stilles, Zartes, Achtsames, Bewusstes? Könnte dann nicht jeder kleinste Etappen-Erfolg, jede BerĂŒhrung mit der Fingerspitze, jeder Tropfen Morgentau, jeder Atemzug ein Feuerwerk sein?

Ich hinterlasse diese wie auch die zahlreichen weiteren Fragen hier im Raum – im Raum zwischen Meditation und Masturbation. Und ich ĂŒberlasse es jeder und jedem Einzelnen, sie zu durchdenken und zu reflektieren, sie zu drehen und zu wenden und alles in und zwischen ihnen zu erforschen – in der Stille oder der Ekstase oder wo auch immer Antworten verborgen liegen mögen.

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Die Verbindung zu meinem inneren Kind

Über das Kind in mir zu sprechen, fĂŒhlt sich fĂŒr mich ein StĂŒck weit intim an. Ich habe aber beschlossen, dass es mir persönlich so viel gibt und gegeben hat, dass ich gerne andere Menschen an meinem Prozess und Erkenntnissen teilhaben lassen möchte.

Das innere Kind als ein Anteil meiner Selbst zeigt mir die kindlichen ZĂŒge, Gewohnheiten oder BedĂŒrfnisse, Verletzungen oder Schatten, die ich aus meiner Kindheit mit in das »Erwachsenen-Leben« genommen habe. Hin und wieder arbeite ich mit diesem Bild und kann mir so durch Vorstellungskraft nĂ€her kommen.
Jene Bilder habe ich nun mit Hilfe von Fotobearbeitung sichtbar und real werden lassen. Auch wenn die Fotos fĂŒr Außenstehende vielleicht einfach wirken wie Bilder, auf denen ich mit einem beliebigen Kind abgebildet bin – fĂŒr mich persönlich sind sie sehr kraftvoll. Sie fĂŒhlen sich an wie eine Zeitreise, bei der ich mir selbst in die Augen sehen kann, das Kind, das ich mal war, fĂŒhlen und berĂŒhren kann. Und zugleich ist es nicht nur Zeitreise sondern auch Spiegel von dem, was gerade ist.

Denn sie, die kleine Swantje, ist immer noch in mir und genauso Teil meiner Persönlichkeit, wie die erwachsenen ZĂŒge, die sich hinzugesellt haben. Sie ist eine wunderschöne Seele – frei, frech, wild, bunt, neugierig, fröhlich, vertraut, clever und unfassbar hungrig. Sie kann ganz schön laut sein und will immer jede Menge Aufmerksamkeit und das letzte Wort haben.
Ich habe angefangen, ihr zuzuhören und mir ihr in Kontakt zu treten. Das mag leicht schizophren klingen, ist fĂŒr mich aber eine wertvolle Methode. Sie gibt mir die Möglichkeit, mich zurĂŒck zu besinnen, von ihr zu lernen, und hin und wieder auch, dieses Kind zu sein und auszuleben.

 

FĂŒhlen

 

Sie schaut unschuldig und mit großen Augen in die Welt, die sie umgibt – ohne Scham oder Schuld.
Und sie zeigt sich und ihre GefĂŒhle pur und ungezĂŒgelt. Da sind Schmerz, Traurigkeit, Wut, UnverstĂ€ndnis – aber auch Euphorie, endlose VergnĂŒglichkeit und Liebe. Sie fĂŒhlt sie alle ungefiltert und lĂ€sst sie da sein, lĂ€sst sie fließen. Sie offenbart sich. In vollstem Vertrauen.

FĂŒr sie ist es das SelbstverstĂ€ndlichste der Welt. Ich hingegen erinnere mich daran, wie es war, erlerne erst wieder, diese GefĂŒhle pur zuzulassen und dabei ehrlich mit mir zu sein. Den Kopf, die Zweifel, die Filme im Kopf mal zu pausieren und mir Stille, TrĂ€nen, Schreie – was auch immer da sein will –  zu erlauben, ohne es stark zu bewerten, beschwichtigen oder rechtfertigen zu mĂŒssen. Diese Erlaubnis kostet mich manchmal immer noch ganz schön Überwindung und Kraft. Jedes Mal wenn es mir gelingt, merke ich, dass »SchwĂ€che zeigen« eine große StĂ€rke in sich trĂ€gt. Doch jedes Mal, wenn sich ein geschĂŒtzter Raum auftut und ich es schaffe, meine Verletzlichkeit zuzulassen, findet eine Verbindung statt – mit mir selbst, mit anderen und mit ihr.

 

Wachsen

 

»Warum ist das so?« – »Weil das damals so ĂŒblich war.« – »Und warum?« – »Weil sich das jemand so mal ĂŒberlegt hat.« »Und warum?« – das kleine MĂ€dchen kann dieses Spiel endlos spielen. Sie ist durstig danach, alles zu verstehen. Sie ist »neu-gierig«. Alles, dem sie zum ersten Mal begegnet, ist faszinierend und magisch, wird mit großen Augen betrachtet, kritisch beĂ€ugt, berochen, mit den Fingern erfĂŒhlt oder in den Mund gesteckt. Sie will die Dinge verstehen – mit allen Sinnen und in einer tiefen Verbindung. Sie nĂ€hert sich den Dingen bis zum Kern. Und sie will mehr.

Was mir manchmal genau dabei hilft, ist, Dinge und Menschen mit den Augen der kleinen Swantje zu betrachten und mich daran zu erinnern, dass ich das Staunen ĂŒber die kleinen Dinge in mir trage und es jederzeit ausleben kann. Ich darf Dinge, von denen ich denke, sie zu wissen, oder vielleicht sogar, sie besser zu wissen als andere, wieder verwerfen oder ihnen Neues hinzufĂŒgen. Ich darf auch die Dinge, die alltĂ€glich oder »selbst-verstĂ€ndlich« scheinen, bewundern und neu entdecken.
Und ich darf das unbedarft und angstfrei tun. Sie hat keine Angst vor dem Unbekannten und keine Angst zu scheitern. Sie erinnert mich daran, dass es in Ordnung ist, Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen. Nach ihrer Ansicht gibt es keine Fehler sondern nur Raum zum Lernen. Sie ist wie sie ist. Ich bin wie ich bin. Ich bin hier um zu lernen, zu tanzen und zu glĂŒhen! Ich bin hier, um zu lieben, zu wachsen und zu blĂŒhen.

 

Lachen

 

Wild sein, frei sein, ungezĂŒgelt, ungefiltert, pur. An den Stellen, wo ich als Erwachsene darĂŒber nachdenke, wie ich aussehe, wenn ich dieses oder jenes mache, oder was andere vielleicht dabei ĂŒber mich denken könnten – hat sie schon lange den Sprung ins kalte Wasser gewagt, ihren Kommentar abgegeben oder die Zunge rausgestreckt. Sie macht einfach, setzt das um und durch, was sie will, geht einfach naiv vom besten aus und lĂ€sst wie selbstverstĂ€ndlich ihre inne wohnende VerrĂŒcktheit raus.
Sie ist eine Macherin.

Und manchmal geht es im Leben eben um Lachen und Blödsinn machen. Die kleine Swantje ist darin Meisterin. Sie spielt einfach. Und dabei meine ich kein Spiel, bei dem es ihr darum geht, einen Wettbewerb zu gewinnen oder ein Ziel zu erreichen, sondern ich meine dieses gedankenverlorene Verweilen in einer Zauberwelt, die keinen weiteren Sinn hat, als sich selbst – dieses Spielen, das sich »Sinn und Verstand« entzieht und mit ihrer Fantasie von dannen galoppiert. Sie tut die Dinge aus dem Inneren heraus und nur fĂŒr sich selbst, »weil es Spaß macht« oder nur um des Tuns Willen. Sie hinterfragt sie nicht und sie sind in dem Moment des Tuns einfach »richtig« und gut so. Etwas anderes existiert gar nicht.
Einfach sein – ohne Regeln, ohne GrĂŒbeln, ohne Ziel. Tanzen, toben, Faxen machen und die Welt anlachen!

 

 

Lieben

 

Dieses kleine Wesen besteht im Kern aus purer Liebe, da bin ich mir ziemlich sicher. Liebe, mit der sie geboren wurde und die sie auch Zuhause erfahren hat. Sie verteilt großzĂŒgig Umarmungen und freut sich genau so, welche zu bekommen. Sie liebt es, wenn ihr jemand liebevoll ĂŒber den Kopf streicht oder wenn sie behĂŒtet in einem Arm einschlĂ€ft. Sie streichelt Tiere, rettet kleine Insekten vor dem Ertrinken, spricht mit Pflanzen und streicht mit dem Finger vorsichtig ĂŒber die BlĂŒten der Blumen. Sie liebt die Welt.
Dieses Vertrauen, die Offenheit und eine Art, die ich fast als eine optimistische NaivitĂ€t bezeichnen wĂŒrde, sind Dinge, an die sie mich immer wieder erinnert. Sie fragt, wann es endlich genug ist, bittet mich um Geduld und mehr Pausen und sagt, wenn es ihr zu viel wird oder sie nicht mehr kann. Sie sagt mir auch, wenn sie Dinge vielleicht gar nicht machen möchte und fĂ€ngt dann an zu weinen.
Heute versuche ich, diesem Kind und somit mir selbst mit einem liebevollen Blick zu begegnen. Ich möchte ihr zuhören, geduldig mit ihr sein, ihr alles vergeben, bei dem sie sich noch schuldig fĂŒhlt, ihr erlauben, die Dinge zu tun, die ihr Herz will, und sie sehen, akzeptieren und lieben als den Menschen, der sie ist. Immer wenn mir das gelingt und ich sie sehe und spĂŒre, merke ich, dass sich etwas in mir öffnet – wie eine BlĂŒte, die die Strahlen der Sonne wĂ€hnt.

»Liebevoll« und das GefĂŒhl, das diesem Wort innewohnt, war und ist fĂŒr mich der SchlĂŒssel zu einer inneren Umarmung. Einer Umarmung, die ich pflege und zu der ich mich immer wieder zurĂŒck besinnen möchte.

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Was ist eine Reisende ohne das Reisen?

Als Mensch mit einem sehr privilegierten Pass, der mir fast unbegrenzte Möglichkeiten gibt, in der Welt umherzureisen, bin ich es wie viele andere aus meinen Wirkungskreisen gewohnt, Grenzen relativ reibungslos zu ĂŒbertreten, -fahren oder -fliegen. Ich kann theoretisch reisen, wohin mein Herz und meine finanziellen Möglichkeiten mich tragen, und werde in vielen LĂ€ndern und Kulturen mit offenen Armen empfangen. Und das nur, weil ich aus dem Land komme, aus dem ich komme. FĂŒr viele Menschen auf der Welt ist dies nicht möglich. Das kann bedeuten, dass sie ihr Land nicht verlassen können – sei es aus finanzieller EinschrĂ€nkung, Reisebestimmungen oder politischen Maßnahmen, die ihnen dieses Recht verwehren. Ich bin in diese Freiheit rein geboren und mit ihr aufgewachsen und lebe sie seither als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit.
Mit ReiseplĂ€nen vor einer verschlossenen Grenze zu stehen und mein Land nicht verlassen zu können, erinnert mich an diese Tatsache und lĂ€sst mich spĂŒren, dass dieses Recht genau so schnell verwirken kann, wie der gesellschaftliche und politische Wind gerade blĂ€st. UnabhĂ€ngig davon, aus welchen GrĂŒnden es mir verwehrt wird, LĂ€ndergrenzen zu ĂŒberschreiten, ist es grundsĂ€tzlich erst einmal ein beklemmendes GefĂŒhl. Es ist der Beschnitt meiner Bewegungsfreiheit.
Damit spreche ich von zwei Dingen, die beim Reisen fĂŒr mein VerstĂ€ndnis elementar sind: nĂ€mlich Bewegung und Freiheit.

Bewegung & Freiheit

Dass ich mich bewege, wenn ich reise, scheint im ersten Moment erst einmal offensichtlich. Egal wie weit oder schnell ich dabei vorgehe, ist Fortbewegung unabdinglich, wenn ich den Ort wechseln will. Bewegung bedeutet fĂŒr mich aber nicht nur das bloße physische ZurĂŒcklegen eines Weges. Es ist viel mehr noch der Inbegriff von VerĂ€nderung. So kann ein Ortswechsel zum Beispiel VerĂ€nderung der Umgebung, der Menschen, des Klimas, der Kultur, der ErnĂ€hrung und vieler anderer Faktoren bedeuten. Ohne VerĂ€nderung kann ich mich nicht bewegen. Und anders herum kann ohne Bewegung keine VerĂ€nderung stattfinden. Und Bewegung wie auch VerĂ€nderung haben gleichermaßen immer auch etwas mit Loslassen zu tun. So lasse ich den Ort los, den ich verlasse – oder dasjenige, was ich verĂ€ndern möchte. Und wie bei einem kurzzeitigen Vakuum, entsteht fĂŒr einen Moment Raum, den dann etwas Neues einnehmen kann.
Beim Reisen bewege ich allerdings nicht nur meinen Körper. Aus meiner persönlichen Erfahrung bewege ich dabei auch meinen Geist. Ich nehme Abstand zum Alltag und Abstand zu Routinen, die in einem gewohnten Umfeld schnell entstehen, Ich erhalte Abstand zu den Menschen, die mich normaler Weise umgeben, und somit auch Abstand zu dem Menschen, der ich in der jeweiligen Umgebung und in Gesellschaft der jeweiligen anderen Menschen bin. Ich bewege mich also in gewisser Weise einmal von mir selbst weg und kann mich aus der Ferne betrachten. Auch können meine Werte, meine Perspektive oder meine Wahrnehmung sich bewegen, wenn ich es ihnen erlaube. Das setzt voraus, dass ich mich öffne und Dinge und Gedanken durch mich hindurch bewegen lasse. In dem Falle bin ich zwar nicht in Bewegung, aber etwas in mir ist in Bewegung.
Das, was der Bewegung entgegengesetzt wird und was eintritt, wenn ich aufhöre, mich zu bewegen, ist Stillstand. Stillstand kann dabei bedeuten, dass ich meinen Körper nicht mehr durch die Welt bewege. Und genau so kann er auf geistiger Ebene bedeuten, dass mein Geist sich nicht mehr bewegt, weil ich beschließe, Ansichten, bestimmte Haltungen oder die Sicht auf mich selbst als endgĂŒltig oder gefestigt zu betrachten. Er ist dann geschlossen und lĂ€sst nichts durch. Wenn mein Geist still steht oder nicht offen ist, fĂŒr innere Bewegung, kann er sich nicht verĂ€ndern oder wachsen. Kann er aber nicht trotzdem »frei« sein, auch wenn er sich nicht bewegt?
Ohne zu weit zum Thema Freiheit auszuholen, bedeutet Freiheit fĂŒr mich herunter gebrochen vier Dinge: erstens, die Wahl zu haben, zweitens, mir ihrer bewusst zu sein, drittens, sie zu treffen und schließlich viertens, sie umzusetzen. Dass Freiheit Bewusstsein voraussetzt, ist natĂŒrlich erst mal eine These. Nach meinem VerstĂ€ndnis kann ich aber eben keine Wahl treffen, wenn ich mir nicht bewusst bin, dass ich sie habe. Bei der Bewegungsfreiheit wĂŒrde dies bedeuten, dass ich sowohl das Bewegen als auch das Nicht-Bewegen bewusst und aus mir selbst heraus wĂ€hlen kann. Anders herum kann ich genau so wĂ€hlen, mich körperlich oder geistig nicht zu bewegen. Ich wĂŒrde damit immer noch meine Freiheit ausleben, solange ich mir bewusst bin, dass ich jederzeit und immer wieder erneut eine Wahl treffen und mich wieder in Bewegung setzen kann.

Frei sein ohne Freiheit?

Was aber, wenn ich wĂ€hle, mich zu bewegen, und mir dann jemand sagt, dass dies »verboten« ist? Kann ich diese Bewegungsfreiheit auch leben, obwohl sie mir genommen oder von Ă€ußeren Faktoren eingeschrĂ€nkt wird? Bin ich nicht von Natur aus frei?
So lange ich mich in einem bestimmten System oder GefĂŒge aufhalte, gibt es eigentlich immer ein Wertekonstrukt oder Regeln, denen alles innerhalb dieses Systems unterliegt. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, das System zu verlassen beziehungsweise zu wechseln oder aber, es zu verĂ€ndern. Habe oder sehe ich diese nicht, unterliege auch ich ihm in irgendeiner Form oder werde wenigstens von ihm beeinflusst.

Ich sehe hier mindestens zwei Wege, trotzdem die Wahl zu haben und frei zu sein. Die erste besteht darin, sich ĂŒber die Regeln hinwegzusetzen und trotzdem zu tun und lassen, was ich will. Je nach Strenge und StĂ€rke des Systems hat dieser Weg dann im Umkehrschluss wahrscheinlich Konsequenzen zur Folge, bei denen ich abwĂ€gen kann, ob ich sie in Kauf nehmen möchte – ob also die Freiheit, die ich fĂŒr einen Moment auslebe, die Konsequenzen wert ist.
Die zweite Möglichkeit, die ich sehe, ist, das, was ist, als Ausgangssituation zu akzeptieren und den Rahmen meiner (Bewegungs-)Freiheit neu zu definieren. Dies könnte zum Beispiel bedeuten, dass diese fĂŒr mich nicht mehr darin besteht, LĂ€ndergrenzen zu ĂŒberschreiten, sondern darin – innerhalb der von außen gesetzten Grenzen – wenigstens den Ort zu wĂ€hlen, an dem ich sein will und an dem ich den Stillstand willentlich akzeptieren kann. Das ist natĂŒrlich leichter gesagt, als getan. Mir ist durchaus bewusst, dass viele Menschen an einen Ort gebunden sind oder sich selbst an ihn gebunden haben und somit nicht die Wahl haben oder die Wahl sehen, dies zu tun. Aber egal, ob ich diesen Ort an einem Punkt bewusst wĂ€hle oder ob ich mich fremdbestimmt und dem Stillstand ausgeliefert fĂŒhle – ich kann egal in welchem Zustand oder in welcher Situation meine Perspektive wĂ€hlen und Entscheidungen treffen. Wir treffen jeden Moment unseres Lebens Entscheidungen und die einzige Frage, die sich dabei stellt, ist, wie bewusst wir sie treffen. So gesehen habe ich immer eine Wahl.

Eine weiterer Faktor fĂŒr den Erhalt meiner Bewegungsfreiheit ist auch die Entscheidung, in welchem rĂ€umlichen GefĂŒge und auf welcher Ebene ich meine Freiheit gerade ausleben will. Das kann ein geografischer Raum sein, ein physischer Raum, wie ein GebĂ€ude oder ein Zimmer oder der Raum meines Körpers. Ich kann mich aber auch zum Beispiel in einem virtuellen Raum wie dem Internet bewegen. Oder ich betrachte Ebenen außerhalb des materiellen Raumes – zum Beispiel emotionale, energetische oder feinstoffliche Ebenen, andere Dimensionen, innere Welten. Wenn mein Körper stillsteht, habe ich ganz andere KapazitĂ€ten frei fĂŒr diese Welten und die innere Bewegung. Auch wenn mein Körper keine LĂ€ndergrenzen mehr ĂŒberschreitet oder sich großrĂ€umig von A nach B bewegt – mein Geist kann es.
Mein Geist kennt keine Grenzen. Er ist so unendlich und frei, wie alles, das existiert. Das mag vielleicht erst einmal ĂŒberirdisch und abstrakt klingen, er ist aber nicht zu unterschĂ€tzen. Ich bin frei und meine Gedanken sind es auch. Und die einzige, die ĂŒber die Bewegungsfreiheit meines Geistes entscheidet, bin ich. Auch hier ist die Grundvoraussetzung dafĂŒr natĂŒrlich, dass ich mir dieser Freiheit bewusst bin. Ich könnte hier ausschweifend in das Thema Bewusstsein einsteigen oder eine Diskussion darĂŒber beginnen, ob und wie freier Wille existiert. Ich denke allerdings, fĂŒr die Frage, die ich mir beantworten wollte, ist dies gar nicht unbedingt nötig.

Reisebestimmungen fĂŒr den Geist

Was ist nun also am Ende eine Reisende ohne das Reisen? Ich denke, eine Reisende bleibt so lange eine Reisende, wie sie das Mindset einer Reisenden wĂ€hlt. Auch wenn Grenzen schließen oder Regeln sich mit verschrĂ€nkten Armen vor meine TĂŒr stellen, bleibe ich eine Reisende. Ich bleibe eine Seele auf dem Weg mit dem Potenzial fĂŒr bewusste Entscheidungen und freie Gedanken.

Es gibt sicherlich Menschen, die mir nun sagen wĂŒrden: »Aber du darfst dieses oder jenes nicht denken.« Oder aber: »Du solltest trotzdem Angst haben.« Oder aber: »Du bist nicht frei.« Und diesen Menschen zeige ich dann meinen Gedanken-Reise-Pass, auf dem steht: »Doch, bin ich.«
Die innere Reise kann jederzeit und ĂŒberall losgehen. Ich kann meinen Körper fĂŒhlen und beobachten. Ich kann gedankliche Prozesse durchlaufen oder -wandeln, ohne mich körperlich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ich kann einen Spaziergang mit meiner Fantasie unternehmen und entlang des Weges die verrĂŒcktesten und unglaublichsten Welten erschaffen. Ich kann mich in den GewĂ€ssern entlang meines gedanklichen Pfades betrachten und den Spiegelungen meiner Selbst dabei zusehen, wie sie sich verĂ€ndern, bewegen und verformen. Ich kann trĂ€umen, andere Leben leben oder zu anderen Planeten schweben. Ich kann in die Vergangenheit oder die Zukunft reisen, die Gedanken anderer durch mich fließen lassen, eigene Ideen entwickeln oder die Geschichte neu schreiben. Ich kann mich finden, erfinden, erkunden, den Duft der BlĂŒten meines geistigen Raumes einatmen oder in das Tal der Ängste eintauchen, mich dort der Dunkelheit und den Schatten stellen, die dort auf mich warten, und voller Strahlkraft auf der anderen Seite wieder herauskommen.
Ich kann reisen wohin ich will. Und mit der Liebe als Wegbegleiterin kann ich jeden einzelnen dieser Pfade mit einem LĂ€cheln beschreiten.

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Von Öko-Performern, Avocado Sandwich und dem Fancy CafĂ©

Hin und wieder bin ich in den großen StĂ€dten unserer heilen Welt unterwegs und fast immer treffe ich bei der Suche nach einem kurzzeitigen Arbeitsplatz auf ein fancy CafĂ©. FĂŒr all diejenigen von euch, die sich fragen, was ich mit »fancy Café« meine, möchte ich die Beschreibung dieses Ortes heute einmal ausfĂŒhren. Es ist die Sorte CafĂ©, die mir im ersten Moment das GefĂŒhl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Menschen, die mich umgeben, sind gestriegelt, die komplette Umgebung ist durchzogen von den aktuellsten Trends und die frisch zubereiteten Speisen riechen nach gesicherten finanziellen VerhĂ€ltnissen. Im Zweifelsfalle befinden wir uns in einem gerade gentrifizierten Viertel einer Großstadt.
Ich möchte vorweg einmal bemerken, dass auch ich in einem dieser Cafés mit löchriger Hose und meinem aufgeklappten Laptop sitze und dass die folgende kritische leicht zynische Betrachtung dieses Ortes und seiner Menschen kein Angriff sein soll, sondern vielmehr eine humorvolle Beobachtung und eine selbstironische Reflexion eines Lebensstils, der hin und wieder mal ein Teil meiner Welt ist.

Nun aber zum »fancy Café«. Woran erkennt man einen solchen Ort?
Den ersten Blick erhascht man durch die große Fensterscheibe, die mit einem weißen zarten oder handschriftlichen Logo verziert ist und den Blick freigibt auf die CremĂ© de la CremĂ© der Hipster-Szene des neuen Jahrzehnts. Ich betrete das CafĂ©.

Ein Blick auf die Karte und aufmerksames Zuhören bei den Bestellungen eröffnen ein Schlaraffenland fĂŒr Menschen mit Intoleranzen, Teilzeit-ErnĂ€hrungswissenschaftler:innen und Millenial-Food-Nerds.
Der Kaffee, den wir Menschen hier bestellen, ist voll von Extras und zugleich frei von allem: zum Hiertrinken oder Mitnehmen, klein, mittel, groß, extra groß, mit Kuhmilch, Hafermilch, Sojamilch, Kokosmilch, Mandelmilch oder Reismilch, mit Schaum, ohne Schaum, mit Karamell oder Zimt oder Kakao, mit SĂŒĂŸstoff, Xylit, Erytrit oder Stevia gesĂŒĂŸt, mit Glasstrohhalm, mit Kurkuma-Topping, mit einfachem oder doppeltem Espresso, first flush, second flush, zweimal geröstet, kaltgebrĂŒht, eisgekĂŒhlt, als Frappuchino, mit Bohnen aus Afrika, SĂŒdamerika, Indien oder Indonesien, bereits verdaut, leicht bekömmlich, koffeinfrei, zuckerfrei, glutenfrei, laktosefrei, sinnfrei.

Wir Menschen, die diesen Kaffee trinken, sind genau so voll von Extras und genauso frei von allem. Gekleidet in den hippesten Marken und löchrigen Jeans, die massig Geld gekostet haben und den Anschein erwecken, als fielen wir regelmĂ€ĂŸig hin. In ErgĂ€nzung dazu weiße Sneaker. Diese bestechen hauptsĂ€chlich durch ihren mangelnden Pragmatismus bei Schietwetter und durch mangelnde Isolierung bei kalten Temperaturen. Sie ersetzen in unserer Gesellschaft vielleicht den sĂŒdostasiatischen Brauch, sich einen Fingernagel lang wachsen zu lassen, um zu reprĂ€sentieren, dass man einen hippen BĂŒro-Job hat, statt auf dem Feld zu arbeiten. Wenn das klargestellt ist, sind auch die kaputten Jeans in ihrer Wirkung kompensiert.
Die Gesichter der Frauen neben mir wirken makellos – leicht gebrĂ€unt, geschminkt und weichgezeichnet, aber nicht zu doll und ganz unaufdringlich, denn es soll ja natĂŒrlich aussehen, auch wenn es das nicht ist. Sie sehen perfekt aus, ganz unangestrengt. Sie sprechen mit einer Aneinanderreihung von Anglizismen ĂŒber Detox, ihren neuen aryuvedischen Lebensstil, ihre nĂ€chsten fernen Reiseziele auf der Bucketlist oder bestĂ€tigen einander, wie schwierig es ist, das richtige Yoga-Studio auszuwĂ€hlen. Sie stellen fest, dass das ja eigentlich auch Jammern auf hohem Niveau ist – hören dann aber trotzdem nicht damit auf. TĂ€towierungen sind fĂŒr sie Souvenirs des Lebens, Ayahuasca können sie zwar nicht richtig aussprechen, aber es ist DER effektivste Weg zum nĂ€chsten Bewusstseins erweiternden Lebenswendepunkt und den neuen konstruierten Lebensmittelpunkt bilden Persönlichkeitsentwicklung, Clean Eating, und Minimalismus.

Ich schaue mich noch einmal um. Die Wand hinter der Theke ist gefliest, das Geschirr sieht aus wie handgemacht und aus Omas Zeit – auch wenn weder das eine noch das andere zutrifft –, die Speisekarte gibt’s auf einem Klemmbrett oder an ein StĂŒck Holz gebunden. Die Lampen hĂ€ngen an ihren Kabeln aus der Decke (mein Opa wĂŒrde die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlagen ĂŒber so einen »Pfusch«) und die StĂŒhle passen alle nicht zusammen – mit Absicht. Es ist so erzwungen ungezwungen, dass ich mich zwischen dem GefĂŒhl von lockerem Ambiete und dem von Ă€sthetischer Zwangsstörung nicht entscheiden kann. Das durchdachte systemische Colour Coding und ein stylisches Corporate Design vereinen sich mit einer intensiv ausgelebten Pinterest-Sucht, die in den aktuellsten Interior Trends zum Ausdruck kommt. Die Einrichtung vermittelt all die Romantik, Besinnlichkeit und den Charme der alten Zeit und ist dabei trotzdem unfassbar neumodisch und convenient.
»Back to the Roots«, »Used Look« und »Industrial Flair« – die Menschen suchen und finden hier oberflĂ€chlich die BodenstĂ€ndigkeit, die in der Tiefe ihres komplexen schnelllebigen Alltags verloren gegangen ist. Diese Orte wecken in mir den paradoxen Anschein einer Art »gefakten AuthentizitĂ€t«. Sie bedienen einen Status, sie werden als Teil der Markenwolke konsumiert und sie stehen den Ästheten unserer Gesellschaft wie ein ĂŒberteuertes weißes Basic T-Shirt. Sich in dieses CafĂ© zu setzen, ist ein Statement und das Bekenntnis zum urbanen scheinbar achtsamen und kosmetisch nachhaltigen Lifestyle.

Die Strohhalme sind aus Glas, die Take-Away Becher sind kompostierbar und die zwei Servietten, die ich zu meiner Bestellung bekomme, sind 100% recycled. Nichts davon ist unbedingt nötig, aber wenigstens die Label sind auf Nachhaltigkeit gestellt. Auf der Speisekarte nur natĂŒrliche frische Zutaten: Avocado-Sandwich mit Sesampaste, Chia-Samen Bowl mit Mango, Mandeln und Guarana und einige weitere Exoten, die man googlen muss, um zu verstehen, was man isst. Ach du schöne nachhaltige neue Welt!
Alles hier hat eine Tagline – doch die RealitĂ€t dahinter scheint auf den zweiten Blick weniger schillernd. Das gilt sicher auch fĂŒr einige der GĂ€ste. Sie essen ihren Kuchen von Retro-Geschirr aber nicht bei Oma, tragen die Fensterglas-Brille, weil sie in ist, und nicht weil sie blind sind, und ihr Pullover ist zwar aus Bio-Baumwolle, wurde aber in China produziert.

Das Essen, welches hier ĂŒberall um mich auf den Tellern thront, ist kunstvoll angerichtet, sodass es den euphorischen Konsument:innen ein Leichtes ist, den perfekten Instagram-Shot davon zu posten. Zu schade zum Essen eigentlich – allerdings auch zu teuer, um es nicht zu tun. FĂŒr eine Avocado-Stulle 8€ zu bezahlen und danach immer noch hungrig zu sein, hĂ€lt ungefĂ€hr die Waage mit dem kleinen Glas gefiltertem Leitungswasser, fĂŒr das ich 1€ bezahlen soll, und nachdem ich immer noch durstig bin.

Der Mann am Tresen gibt großzĂŒgig 10 Cent Trinkgeld auf seine 15€ Rechnung. Der Barista ruft in angenehmer LautstĂ€rke in den Raum, dass der Doppel Choc Vanilla Macciato fĂŒr Martin fertig sei und das Windspiel an der TĂŒr klingt erneut, als sich ein weiteres GrĂŒppchen glĂŒcklich strahlend in die Behaglichkeit begibt.
Ein Mann setzt sich mir gegenĂŒber und grĂŒĂŸt nett. Er sieht so aus, als hĂ€tte er Muße im GepĂ€ck und ich tausche meinen Laptop gegen ein Notizbuch ein, um uns beiden die Möglichkeit zu eröffnen, eine Unterhaltung zu fĂŒhren. Einen Moment spĂ€ter holt er sein Handy aus der Tasche, synchronisiert seine Smartwatch und verschwindet dann mit geschĂ€ftigem Getippe und Geswipe aus der Gegenwart. Hm, na gut, vielleicht auch mal an der Zeit zu gehen.
Ich trinke den letzten Schluck meines wirklich gut bezahlbaren Cappuccinos, packe meine Sachen und ĂŒberlasse den gemĂŒtlichen Platz auf der Fensterbank den im Eingang wartenden Menschen. Und dann verlasse ich dieses heimelige Nest der healthy Superfoods und individualistischen Öko-Performer.

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