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Unterwegs in der Welt

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Lass dich treiben…

Eine Reise durch die Wirklichkeit

 

Ich sitze in einem Zug zwischen den Welten. Und ich betrachte meine Umgebung und stelle fest, dass ich meine Aufmerksamkeit auf ganz verschiedene Dinge legen kann, ohne dabei den Blick abzuwenden.
Ich kann zum Beispiel auf die Fensterscheibe schauen und den Fokus meiner Betrachtung auf unterschiedliche Ebenen richten. Wenn mich die Menschen um mich herum anschauen, sehen sie mich nur, wie ich auf die Scheibe starre. Doch in mir durchlaufe ich verschiedenste Welten.

Ich kann natürlich zu erst einmal einfach aus dem Fenster schauen. Und dort kann ich auf den Horizont blicken, in die Ferne, in der alles nur sehr langsam »vorbei« zieht. Oder ich kann die Dinge betrachten, die mir und dem Zug nah sind und in Windeseile – in der Geschwindigkeit des Zuges – an mir vorbei rauschen. Meine Augen »springen« dabei und versuchen, immer wieder neue Dinge zu fokussieren, solange bis wir zu schnell sind und alles verschwimmt. Der Moment, in dem man zu schnell wird und alles verschwimmt, ist unangenehm und tut ein bisschen weh.
Das lässt sich wohl auch gut aufs Leben übertragen.
Und dann schaue ich etwas anderes an. Irgendwas beliebiges zwischen dem Zug und dem Horizont. Dort draußen ist eine ganze Welt. Und nach einer Weile abstrahiert sich das Bild und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich durch die Welt bewege oder an einer Welt vorbei oder ob die Welt sich an mir vorbei bewegt.
Es wird langsam dunkel draußen.

Je dunkler es wird, desto besser kann ich mein eigenes Spiegelbild sehen. Ich betrachte es lange. Ich betrachte es so, wie ich es noch nie betrachtet habe. Ich schaue mir in die Augen und stelle fest, dass es die Augen sind, mit denen ich es gerade ansehe. Ein verrückter Gedanke. Was wäre, wenn »ich« im Spiegelbild stecken würde, bzw. sich mein Bewusstsein auf das Spiegelbild übertragen würde? Würde das für meine Wahrnehmung überhaupt einen Unterschied machen? Der Gedanke einer Bewusstseins-Spiegelung macht mich nach einer Zeit etwas unruhig und ich kehre zurück zu dem bloßen Spiegelbild meines Körpers.

Ich sehe neben meinem Spiegelbild auch noch das des Mannes, der mir gegenüber sitzt. Er sitzt dort schon die ganze Zeit. Und er scheint neugierig zu sein, mich aber nicht direkt ansehen zu wollen. So starrt auch er auf die Scheibe. Und zwischendurch sieht er mich mal an. Jedoch nicht mich, die ich vor ihm sitze, sondern mein Spiegelbild. Und wenn ich sein Spiegelbild und seine Augen in der Scheibe anschaue, treffen sich unsere Blicke und wir haben »Augenkontakt« – in einer anderen Welt. Denn wir schauen uns nicht in die Augen. Wir schauen uns quasi ins Spiegelbild.

Dann löse ich mich aus diesem Kontakt und wandere mit meinem Blick auf der Reflexion meiner Scheibe weiter in die Tiefe des Raumes. Dort sehe ich hinter mir die vier Sitze auf der anderen Seite des Ganges. Auf einem von ihnen sitzt ein Mann. Er arbeitet an seinem Laptop und ich kann erahnen, dass er etwas schreibt oder programmiert. Dann tippt er etwas in sein Handy, dann schreibt er weiter auf dem Laptop. Zu ihm haben sich zwei weitere Menschen gesetzt und sie reden in einer mir fremden Sprache miteinander und zeigen sich gegenseitig Dinge auf ihren Smartphones. Sie sitzen Knie an Knie mit dem Mann mit dem Laptop und seine platzsparende Haltung lässt in mir die Frage erwachsen, ob er wohl morgen Rückenschmerzen haben wird.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Denn auch hinter ihnen befindet sich ein Fenster, das ich in der Spiegelung meines Fensters erkennen kann. Eine Scheibe, durch die ich einen weiteren Horizont sehen kann und ebenso Dinge, die dicht an ihr vorbei rauschen. Und auch in ihr sehe ich wieder Spiegelungen. Ich sehe in der Spiegelung meines Fensters die Spiegelung des Fensters hinter mir. Und die Spiegelung des Fensters hinter mir zeigt mich von hinten wie ich in die andere Richtung auf meine Scheibe blicke. Ich sehe mich also dabei an, wie ich mich ansehe. Es fühlt sich ein bisschen an, wie im Kreis zu gucken.

Und dann kann ich natürlich auch noch die Scheibe selbst betrachten.
Sie ist dreckig und mit einigen Fingerabdrücken versehen. Es sieht aus, als hätte hier vor nicht allzu langer Zeit ein Kind gesessen und auf Dinge gezeigt, die am Fenster vorbeiziehen – nur um dann festzustellen, dass es sie nicht anfassen kann, weil dort eine kalte durchsichtige Scheibe im Weg ist. Jede Berührung dieser unsichtbaren Wand hat Spuren auf ihr hinterlassen. Würde es wohl merken, wenn dort keine wirkliche Landschaft vorbeiziehen würde sondern ein Film von einer Landschaft? Können wir den Unterschied wirklich ausmachen, solange dort eine Scheibe zwischen uns ist, die verhindert, dass wir die Dinge berühren?
Plötzlich läuft eine Fliege an den Fingerabdrücken vorbei und lässt mich erkennen, dass die Scheibe für sie ungeachtet der Schwerkraft gerade der Boden ist, auf dem sie läuft. Ich versuche, gedanklich die Perspektive der Fliege einzunehmen. Wie verwirrend es sein muss, unter seinen eigenen Füßen auf eine Welt zu blicken, die unter dem »Boden«, der Glasscheibe, an einem vorbeirauscht. Man sähe den Horizont in der Tiefe unter sich. Mir vorzustellen, wie Himmel und Erde, »oben und unten« aus dieser Perspektive wirken müssen, sprengt meine Vorstellungskraft. Je nach dem, in welche Richtung ich blicke, würde es wie ein landschaftliches Fließband von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne unter meinen Füßen langlaufen. Ein schwindelerregendes Gefühl. Doch die Fliege sieht das sehr wahrscheinlich so wie so ganz anders, weil ihre Augen andere sind und somit ihre Wahrnehmung eine andere ist und wahrscheinlich die geistige Verarbeitung dieser komplett anders abläuft.
Auch der Mann, der mir gegenübersitzt, beobachtet die Fliege. Vielleicht denkt er das gleiche. Oder er ekelt sich. Oder er denkt über ihre Sterblichkeit nach. Oder seine eigene. Oder er denkt gar nicht.

Natürlich kann ich nun auch noch alles betrachten, was sich zwischen mir und der Scheibe im inneren des Zuges befindet, bis hin zu meinem eigenen Körper, meiner eigenen Hand – bis hin zu meiner eigenen Nasenspitze.
Und das bringt mich zu einer weiteren physischen Ebene, die es zu betrachten gibt. Auf meiner Nase sitzt nämlich noch meine Brille. Und wenn ich mich gut anstrenge, kann ich in der Innenseite meines Brillenglases mein eigenes Auge sehen. Ich kann auch bei dieser Scheibe feststellen, dass sie Fingerabdrücke besitzt oder dreckig ist. Und sie ist von einer besonderen Form und besitzt scheinbar magische Kräfte. Sie entscheidet nämlich darüber, ob ich den Horizont oder meine eigene Hand überhaupt sehen kann. Sie befähigt meine Augen zu arbeiten. Sie verändert, was ich sehe oder wie ich wahrnehme. Sie könnte die Welt um mich herum schärfen und verunschärfen, sie einfärben oder abdunkeln. Auch diese Beobachtung lässt sich aufs Leben übertragen, welches wir alle durch unsere ganz individuell eingestellten geistigen Brillen betrachten.
Der Gedanke des Brillenglases bringt mich zu meiner eigenen Linse, welche Licht durchlässt und ein Bild auf meine Netzhaut wirft, welches mein Gehirn dann verarbeiten kann. Ich kann diese Linse allerdings nicht sehen. Genau so, wie ich mein Auge nicht sehen kann. Und da passiert ein großer Klick-Moment: Ich kann mein Auge nicht sehen, weil es das ist, was sieht. Und ich frage mich: Ist es so auch mit dem Selbst? Kann ich es nicht erkennen, weil es das ist, was erkennt? Und kann ich es deshalb ähnlich wie mein Auge nur als Spiegelung in anderen erkennen?

Ich springe aus dieser abstrakten Gedankenebene zurück ins physische Hier und Jetzt. Ich schaue mich um und frage mich, welche Gedanken die anderen Menschen hier gerade haben mögen, welche Ebenen sie wahrnehmen und welche Scheiben sie betrachten. Die meisten blicken offenbar auf die Scheibe ihres Smartphones und in die horizontlose Welt dahinter.
Und dann frage ich mich, was Scheiben überhaupt für uns bedeuten und wie faszinierend Glas doch ist. Es ist transparent, durchsichtig, fast so, als gäbe es vor, gar nicht da zu sein. Es schützt uns einerseits und ist uns zugleich eine Grenze, die uns trennt. Mal lässt es Licht und unseren Blick durch und mal wirft es ihn zu uns zurück. Und dann sehen wir Dinge, wie zum Beispiel unsere eigenen Augen oder uns selbst von hinten – Dinge, die wir sonst nie im Stande wären zu betrachten. Und wenn wir uns dieser Wirkung von Glas und Reflexion bewusst sind, eröffnet es uns die Möglichkeit einer Abgrenzung von innen und außen und das Wahrnehmen einer Tiefe, die physisch eigentlich gar nicht da ist. Wir können die Reflexion nutzen als Multiplikator parallel existierender Ebenen oder Realitäten. Und wenn wir dies bis zum Ende denken, macht es uns dieses Element so nicht auch möglich, Unendlichkeit zu visualisieren? So wie man es zum Beispiel von zwei sich gegenüberliegenden Spiegeln kennt?

Ich bin fast ein wenig erschöpft von den Sprüngen zwischen all diesen Ebenen. Ich merke, dass meine Wahrnehmungs-Kapazität eine Grenze hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass manche Menschen sich irgendwo zwischen diesen Wirklichkeiten verlieren.
Ich beschließe, zurück zum Anfang zu gehen und aus dem Fenster zu schauen.
Wir stehen mittlerweile an einem Bahnhof. Draußen auf dem anderen Gleis steht ein anderer Zug. In ihm auf meiner Höhe sitzt eine Frau, die aus dem Fenster sieht. Und in dem Vierer hinter ihr ein Mann, der auf der anderen Seite aus dem Fenster sieht beziehungsweise auf die Scheibe schaut. Und ich sehe sein Spiegelbild auf jener Scheibe. Und ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht schauen wir uns gerade in die Augen.
Mir kommt ein Gedanke. Ich drehe mich um und schaue auf die Fensterscheibe hinter mir. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ich kann sogar in der Spiegelung dieser Scheibe den anderen Zug sehen. Und, wenn ich genau hinsehe, erkenne ich auch jenen Mann und sein Spiegelbild, welches er betrachtet.
Ich bin fasziniert. Wenn er wüsste, was ich hier gerade tue, könnten wir uns »in die Augen« schauen, obwohl wir einander abgewandt in zwei unterschiedlichen Zügen sitzen.

Nichts ist unmöglich.

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The old one within me

May I introduce to you: this is me. Or rather: this is, who I may look alike when I’ll be at the age of a lady, that carries along the wisdom of a lifetime.
I’ve met her in a dream. And I’ve aged a picture of myself with an app to remember her and to share this experience with you.
So if I look at this picture, I look into my own eyes, knowing, that the day might come that I’ll have actually grown into her. I don’t know what world we’ll be living in by then and for this moment now, it doesn’t matter. Because what I’d like to share with you, is, that she is not only a future version but also part of me already.
She has been with me, since I am part of this world.
She is my inner wisdom.
She is all what all my ancestors before me have experienced and known.
She knows the pain of loss.
She knows the fear of being alone.
She knows the joy of being alive.
And she has seen all of it come and go.
She takes responsibility for her thoughts, emotions and actions.
She is something inside of me that I look up to with humbleness.
She is a part of me, which allows me to give myself comfort and stability.
She is forgiving and patient.
She is grateful and humble.
She is never in a rush and always welcomes problems with a smile.
She speaks only when I am silent.
She is listening when I speak.
And sometimes she sees what I can’t see (yet).
She is the one feeding my intuition.
Her spirit is not just inside of me but connected to all the other elders, to collective wisdom.
And I have a feeling that we all – deep inside – have a part like this in ourselves. That we all have this timeless quality within, if we are willing to stop tweeting and talking and doing and buzzing and instead listen inside and connect.
Then we only need to trust and surrender.
But I find this to be quite a challenge.
Isn’t it?
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STARK: Über die Geburt der Marke, Start-Up-Spirit & Eis im Bauch

Eine Marke in die Welt zu bringen und so lange zu begleiten und aufwachsen zu sehen, wie es bei der Food-Brand STARK der Fall war, macht mich nicht nur glücklich und stolz, sondern ließ auch eine starke Verbindung entstehen. Die Zusammenarbeit mit einem Start-Up wie diesem hat mich dabei in meinem Wachstum unterstützt, öffnete mir als Selbstständige unter anderem die Augen in Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Pragmatismus und ermöglichte mir die Arbeit in einem Team, in dem ich viel Eigenverantwortung leben und erleben durfte.

Die Geschichte begann vor etwa 6 Jahren. Damals hieß STARK noch IWICE und ich übernahm das Projekt gemeinsam mit meinem ehemaligen Studien-Freund Christian Friedrich als eines der ersten umfangreicheren Brandings meiner Selbstständigkeit. Uns wurde von Anfang an ein großes Maß an Vertrauen und Freiheit in der Umsetzung unserer Ideen entgegen gebracht. Die österreichische Marke schafft es in den Handel. Zwei Jahre und eine Hersteller-Insolvenz später, fusioniert IWICE mit dem Start-Up Purefood, welches unter anderem auch die Tochtermarke Lycka vertreibt, und wird zu STARK. Gründer und Gründerin Lukas und Johanna kann ich zu dem Zeitpunkt bereits meine Freunde nennen und sie bestehen darauf, dass ich bei diesem Schritt an ihrer Seite bleibe. So darf ich auch beim Relaunch der Marke Geburtshelferin sein und ihr erneut ein Gesicht und einen visuellen roten Faden verpassen. STARK wächst und auch ihre Schwestermarke Lycka bekommt eine Rundum-Überarbeitung – dieses Mal von mir im Duo mit Marie Kersten.
In die Marken floss auf diesem Weg viel Herzblut und es war eine wahre Freude, in die Welt von Purefood einzutauchen. Ich konnte dezentral und in meinem Rhythmus arbeiten und die Zusammenarbeit ermöglichte es mir so, unterwegs zu sein und zu reisen.

Wann immer ich dann doch mal in Hamburg war und das Büro betrat, schwappte mir eine Art klassischer Start-Up-Spirit entgegen (zumindest stelle ich ihn mir so vor): In einer Ecke werden neue Eis-Sorten verkostet, in den Sauna-Kabinen, die zu gemütlichen Telefon-Kabinen umfunktioniert wurden, gestikulieren fleißige Menschen in ihren Calls und ein Zimmer weiter wird eine Runde Flunky-Ball gespielt. Das gemeinsame Mittagessen steht schon auf dem Tisch, ich werde herzlich begrüßt und fühle mich Zuhause. Obwohl ich nicht angestellt bzw. auch keine »Ownerin« bin, sondern nur punktuell als Freelancerin dazukomme, werde ich als Teil des Teams behandelt und in die Entwicklungs-Prozesse der Marken und Firma auf vielen Ebenen involviert.

So waren mir häufig auch die Teilnahme an Teamtreffen und Offsite-Events vergönnt. Einblicke in die Hintergründe der Organisationsstrukturen und Wachstumsprozesse zu bekommen und eigene Themen und Ideen einbringen zu können, war für mich eine willkommene Abwechslung zum Freelancerinnen-Alltag. So bot ich der Gruppe zum Beispiel eine kleine Meditations-Reise an, öffnete einen Sharing-Kreis zum Thema Glück und versuchte, meine Außenperspektive in den strategischen Gruppen-Sessions mit einzubringen.

Auch noch in der etwas fortgeschritteneren Anfangsphase wurde viel diskutiert. Es ging um Werte und Philosophie, faire und neuartige Gehaltsmodelle, die Entwicklung der Organisation mit ihren verschiedenen Untermarken, die Kommunikations- und Feedback-Kultur im internen Miteinander, neue Tools und, und, und…
All diese Werte zu entwickeln und aufrecht zu erhalten unter dem Druck des Vertriebsapparates Einzelhandel und den wachsamen Augen und Erwartungen von Investoren, ist allerdings nicht unbedingt ein Zuckerschlecken. Für die Idealistin in mir war und ist dieses Spannungsfeld auf jeden Fall eine Grenzerfahrung. Ich lernte hier als Gestalterin außerdem den pragmatischen Ansatz von Macher:innen so in meine Arbeitsweise zu integrieren, dass sich mein eigener Qualitätsanspruch und das Budget eines Start-Ups auf dem Weg zum coolen Design irgendwo bei einem effizienten Ergebnis treffen sollten.

Mittlerweile hat sich der Zauber des Anfangs in einen Wind des Wachstums verwandelt. Das Unternehmen erobert weiter die Supermärkte und bringt so mehr und mehr soziale vegane Bio-Produkte in die Supermarkt-Regale. Mit ihm wachsen auch seine Strukturen und Prozesse, die Büroräumlichkeiten und die Mitarbeiter-Zahlen. Es gibt nun auch eine hausinterne Marketing- und Designabteilung, mit der ich nach wie vor hin und wieder zusammen arbeite.

Während ich mich freue, dass Marken wie diese die Supermärkte erobern und Menschen eine Alternative zu ihren gewohnten Produkten anbieten, beschäftigen mich mittlerweile immer stärker die Systeme, die sich um einen Gegenvorschlag zum allbekannten Konsum bemühen. Lebensmittel-Rettung, gemeinschaftliche Bestellung von Großgebinden, Solidarische Landwirtschaft oder der eigene Anbau von Obst und Gemüse sind (teilweise keine neuen) spannende Konzepte und halten Stück für Stück Einzug in meine Lebens- und Arbeitsrealität.

Ich unterstütze STARK trotzdem manchmal noch und werde dann am großen Esstisch willkommen geheißen – und jedes Mal gibt es ein unfassbar leckeres Eis zum Nachtisch.
Danke Johanna und Lukas und danke Team Purefood für die Reise bis hierhin!

Die Projektaufbereitung und weitere Infos zur Marke STARK findet ihr hier.
Fotos: ©Purefood, Fotografin: Julia Bischoff

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Zwischen Meditation und Masturbation

 

Zugegeben, der Titel ist direkt und mag polarisieren. Aber seit einiger Zeit fasziniert mich etwas an dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden. Irgendetwas steckt darin, das vielleicht weder mit dem einen noch mit dem anderen unbedingt etwas zu tun hat. Ich möchte mir ein paar Fragen stellen und sie als Ausgangspunkt und Projektionsfläche nutzen. Aber wie komme ich gerade auf diese zwei?

Einer der ersten Gedankenanstöße zu diesem Thema war ein Freund, der mir von einem Facebook-Post erzählte. In dem Post rief eine Frau andere Frauen dazu auf, weniger zu meditieren und stattdessen zu masturbieren, um ihre Lust wieder zu finden. Die These hinter diesem Aufruf also vielleicht: Meditation nimmt uns die Lust. Auch meine persönliche Erfahrung ist, dass in längeren Phasen von sehr intensiver regelmäßiger Meditation die sexuelle Lust abnehmen kann. Besteht da wirklich ein Zusammenhang? Und ist es andersherum das gleiche? Sind wir durch regelmäßige Masturbation unausgeglichener?
Sind diese zwei Aktivitäten wie Pole, die sich gegenseitig ausschließen? Oder teilen diese Aktivitäten auch Eigenschaften miteinander? Können sie einander vielleicht sogar ergänzen oder ausgleichen – oder sind sie vielleicht auf eine Art sogar gleich?
Kann Masturbation Meditation sein?
Und kann Meditation Masturbation sein?

*

Ich kenne sowohl Menschen, die in ihrer täglichen Morgenroutine meditieren, als auch Menschen, die jeden Morgen mit Masturbation beginnen. Welche Auswirkungen hat das wohl auf unseren Tag? Welche Qualitäten bringen die beiden in unser Leben?
Das ist wahrscheinlich so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Und auch auf die Gefahr hin zu verallgemeinern würde ich zu erst einmal sagen: Beide können mich in den Körper bringen und beide können mich mit mir selbst verbinden. Mit beiden kann ich mir auf einer Art etwas »Gutes« tun. Genau so kann ich wahrscheinlich beide als eine Kompensation oder Flucht nutzen. Und doch scheinen sie nach meinem Verständnis im Wesen etwas Gegensätzliches zu verkörpern: Das eine folgt einem starken Bedürfnis nach Befriedigung (ich reagiere auf das Bedürfnis), das andere hilft mir, Bedürfnisse wahrzunehmen, zu beobachten und ihnen mit Gleichmut begegnen.

Aber was macht Letzteres mit dem Bedürfnis? Verschwindet ein Bedürfnis, wenn ich es nur lange genug ignoriere? Oder es einfach nur beobachte? Oder bleibt es solange am Leben, bis es gehört und bedient wird – vielleicht im Verborgenen? Erhöht sich durch die Befriedigung die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder kommt?
Und was bedeutet der Begriff der Befriedigung? Man könnte ihn zum einen so deuten, dass etwas in Unfrieden ist, was eine Be-friedigung benötigt. Zum anderen wirft er bei mir die Frage auf: Braucht es die Befriedigung, um in Frieden zu sein? Bringt sie wirklich Frieden oder nicht vielleicht sogar das Gegenteil? Weckt sie nicht vielleicht einfach den Wunsch nach mehr? Und ist es nicht das, worum es auch bei der Sucht geht?

*

Ich lasse die Fragen mal im Raum stehen und komme noch einmal kurz zurück zur Erregung.
Bei der Erregung muss es ja zu erst einmal gar nicht um etwas Sexuelles gehen. Wenn wir uns an dieser Stelle einmal von der sexuellen Erregung und ihrem Höhepunkt lösen, gibt es ja auch noch reichlich andere Themen oder Gefühle, bei denen ich intensive innere Regung spüren kann. Neben der Lust hätten wir da zum Beispiel noch Euphorie, ein Aufgebracht-Sein, Panik oder jede beliebige Form von Drama. Was sie gemeinsam haben, ist die Intensität. Es geht um einen Rausch oder Kick, das Zusteuern auf einen Höhepunkt oder einfach einen extremen Zustand. Je öfter oder stärker ich mich in diesen Zustand versetze, desto mehr gewöhne ich mich an den Reiz. Und desto stärker, höher, extremer muss der nächste Reiz oder die nächste Erfahrung vielleicht sein, damit ich wieder einen Höhepunkt empfinden kann.
Für mich sind sie in unserer Gesellschaft unübersehbar: »höher, schneller, weiter«, Rekorde, Weltreisen, Extrem-Sportarten, Ayahuasca-Zeremonien – die Liste könnte eine ganze Weile so weiter gehen.

Und auf der anderen Seite: Sind Stillstand und Gleichmut nicht genauso Extreme? Ist das radikale Negieren von Höhepunkten nicht selbst eine Art Höhepunkt?
Ich stelle mir Gleichmut oft als eine Linie vor, die ohne starke Ausschläge in der Mitte zwischen den »positiven Extremen«, die nach oben ausschlagen, und den »negativen Extremen«, die nach unten ausschlagen, relativ gerade und gleichmäßig verläuft. Wenn ich stattdessen jedoch nicht eine Skala mit der Bewertung von negativen und positiven Extremwerten betrachte, sondern die Skala aus den beiden Energien selbst bestünde, wird alles, was extrem schwingt oder stark in Bewegung ist, der eine Pol und alles, was ruhig oder regungslos ist, der andere. Damit wäre Gleichmut nicht mehr der Mittelwert, sondern selbst ein Pol.
Für einen Menschen, der energetisch die ganze Zeit unter Starkstrom steht, könnten Meditation, Stille und Reizarmut also zur absoluten Grenzerfahrung werden. Und vielleicht hat sie mit der oft umschriebenen »Erleuchtung« wahrscheinlich auch so etwas wie einen orgasmischen spirituellen Höhepunkt.

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Warum aber suchen wir Höhepunkte? Was geben sie uns, wenn wir sie erreichen?
Ich stelle mir einen Orgasmus vor, einen Jubel-Schrei beim Erreichen eines Berggipfels, den Fall-Schirmsprung aus einem Flugzeug.. – sie lassen Botenstoffe durch meinen Körper fließen, lösen extreme körperliche Erfahrungen aus und beleben mich. Worte, die mir da kommen, sind wach, elektrisiert, bewegt, euphorisch, lebendig.

Sind es also erst die Höhepunkte, die uns uns lebendig fühlen lassen? Auch auf unserer Pulslinie ist jeder Schlag des Herzens ein kleiner Höhepunkt, der anzeigt, dass wir leben. Nun sorgt ein normal schlagendes Herz nicht unbedingt für das Gefühl von einem »Kick«. Diesen haben wir erst, wenn es »höher schlägt«, schneller schlägt, wilder schlägt und unser Körper Hormone aussendet – erst in der Steigerung wird es interessant.
Die Frage könnte also viel mehr lauten: Wie extrem muss ein Gefühl sein, damit ich diese Lebendigkeit empfinde?

Oder aber: Wie feinfühlig muss ich sein, damit ich auch die kleinen Regungen intensiv spüren kann? Was wäre, wenn ich es darauf anlegte, die Höhepunkte nicht dadurch zu finden, dass ich mich oder mein Handeln steigere, um wieder mehr zu spüren, sondern dadurch, dass ich mich wieder für niedrigere Reize sensibilisiere? Was passiert, wenn ich die Skala ändere? Wenn ich Geschwindigkeit und Größe verwandle in etwas Stilles, Zartes, Achtsames, Bewusstes? Könnte dann nicht jeder kleinste Etappen-Erfolg, jede Berührung mit der Fingerspitze, jeder Tropfen Morgentau, jeder Atemzug ein Feuerwerk sein?

Ich hinterlasse diese wie auch die zahlreichen weiteren Fragen hier im Raum – im Raum zwischen Meditation und Masturbation. Und ich überlasse es jeder und jedem Einzelnen, sie zu durchdenken und zu reflektieren, sie zu drehen und zu wenden und alles in und zwischen ihnen zu erforschen – in der Stille oder der Ekstase oder wo auch immer Antworten verborgen liegen mögen.

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Die Verbindung zu meinem inneren Kind

Über das Kind in mir zu sprechen, fühlt sich für mich ein Stück weit intim an. Ich habe aber beschlossen, dass es mir persönlich so viel gibt und gegeben hat, dass ich gerne andere Menschen an meinem Prozess und Erkenntnissen teilhaben lassen möchte.

Das innere Kind als ein Anteil meiner Selbst zeigt mir die kindlichen Züge, Gewohnheiten oder Bedürfnisse, Verletzungen oder Schatten, die ich aus meiner Kindheit mit in das »Erwachsenen-Leben« genommen habe. Hin und wieder arbeite ich mit diesem Bild und kann mir so durch Vorstellungskraft näher kommen.
Jene Bilder habe ich nun mit Hilfe von Fotobearbeitung sichtbar und real werden lassen. Auch wenn die Fotos für Außenstehende vielleicht einfach wirken wie Bilder, auf denen ich mit einem beliebigen Kind abgebildet bin – für mich persönlich sind sie sehr kraftvoll. Sie fühlen sich an wie eine Zeitreise, bei der ich mir selbst in die Augen sehen kann, das Kind, das ich mal war, fühlen und berühren kann. Und zugleich ist es nicht nur Zeitreise sondern auch Spiegel von dem, was gerade ist.

Denn sie, die kleine Swantje, ist immer noch in mir und genauso Teil meiner Persönlichkeit, wie die erwachsenen Züge, die sich hinzugesellt haben. Sie ist eine wunderschöne Seele – frei, frech, wild, bunt, neugierig, fröhlich, vertraut, clever und unfassbar hungrig. Sie kann ganz schön laut sein und will immer jede Menge Aufmerksamkeit und das letzte Wort haben.
Ich habe angefangen, ihr zuzuhören und mir ihr in Kontakt zu treten. Das mag leicht schizophren klingen, ist für mich aber eine wertvolle Methode. Sie gibt mir die Möglichkeit, mich zurück zu besinnen, von ihr zu lernen, und hin und wieder auch, dieses Kind zu sein und auszuleben.

 

Fühlen

 

Sie schaut unschuldig und mit großen Augen in die Welt, die sie umgibt – ohne Scham oder Schuld.
Und sie zeigt sich und ihre Gefühle pur und ungezügelt. Da sind Schmerz, Traurigkeit, Wut, Unverständnis – aber auch Euphorie, endlose Vergnüglichkeit und Liebe. Sie fühlt sie alle ungefiltert und lässt sie da sein, lässt sie fließen. Sie offenbart sich. In vollstem Vertrauen.

Für sie ist es das Selbstverständlichste der Welt. Ich hingegen erinnere mich daran, wie es war, erlerne erst wieder, diese Gefühle pur zuzulassen und dabei ehrlich mit mir zu sein. Den Kopf, die Zweifel, die Filme im Kopf mal zu pausieren und mir Stille, Tränen, Schreie – was auch immer da sein will –  zu erlauben, ohne es stark zu bewerten, beschwichtigen oder rechtfertigen zu müssen. Diese Erlaubnis kostet mich manchmal immer noch ganz schön Überwindung und Kraft. Jedes Mal wenn es mir gelingt, merke ich, dass »Schwäche zeigen« eine große Stärke in sich trägt. Doch jedes Mal, wenn sich ein geschützter Raum auftut und ich es schaffe, meine Verletzlichkeit zuzulassen, findet eine Verbindung statt – mit mir selbst, mit anderen und mit ihr.

 

Wachsen

 

»Warum ist das so?« – »Weil das damals so üblich war.« – »Und warum?« – »Weil sich das jemand so mal überlegt hat.« »Und warum?« – das kleine Mädchen kann dieses Spiel endlos spielen. Sie ist durstig danach, alles zu verstehen. Sie ist »neu-gierig«. Alles, dem sie zum ersten Mal begegnet, ist faszinierend und magisch, wird mit großen Augen betrachtet, kritisch beäugt, berochen, mit den Fingern erfühlt oder in den Mund gesteckt. Sie will die Dinge verstehen – mit allen Sinnen und in einer tiefen Verbindung. Sie nähert sich den Dingen bis zum Kern. Und sie will mehr.

Was mir manchmal genau dabei hilft, ist, Dinge und Menschen mit den Augen der kleinen Swantje zu betrachten und mich daran zu erinnern, dass ich das Staunen über die kleinen Dinge in mir trage und es jederzeit ausleben kann. Ich darf Dinge, von denen ich denke, sie zu wissen, oder vielleicht sogar, sie besser zu wissen als andere, wieder verwerfen oder ihnen Neues hinzufügen. Ich darf auch die Dinge, die alltäglich oder »selbst-verständlich« scheinen, bewundern und neu entdecken.
Und ich darf das unbedarft und angstfrei tun. Sie hat keine Angst vor dem Unbekannten und keine Angst zu scheitern. Sie erinnert mich daran, dass es in Ordnung ist, Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen. Nach ihrer Ansicht gibt es keine Fehler sondern nur Raum zum Lernen. Sie ist wie sie ist. Ich bin wie ich bin. Ich bin hier um zu lernen, zu tanzen und zu glühen! Ich bin hier, um zu lieben, zu wachsen und zu blühen.

 

Lachen

 

Wild sein, frei sein, ungezügelt, ungefiltert, pur. An den Stellen, wo ich als Erwachsene darüber nachdenke, wie ich aussehe, wenn ich dieses oder jenes mache, oder was andere vielleicht dabei über mich denken könnten – hat sie schon lange den Sprung ins kalte Wasser gewagt, ihren Kommentar abgegeben oder die Zunge rausgestreckt. Sie macht einfach, setzt das um und durch, was sie will, geht einfach naiv vom besten aus und lässt wie selbstverständlich ihre inne wohnende Verrücktheit raus.
Sie ist eine Macherin.

Und manchmal geht es im Leben eben um Lachen und Blödsinn machen. Die kleine Swantje ist darin Meisterin. Sie spielt einfach. Und dabei meine ich kein Spiel, bei dem es ihr darum geht, einen Wettbewerb zu gewinnen oder ein Ziel zu erreichen, sondern ich meine dieses gedankenverlorene Verweilen in einer Zauberwelt, die keinen weiteren Sinn hat, als sich selbst – dieses Spielen, das sich »Sinn und Verstand« entzieht und mit ihrer Fantasie von dannen galoppiert. Sie tut die Dinge aus dem Inneren heraus und nur für sich selbst, »weil es Spaß macht« oder nur um des Tuns Willen. Sie hinterfragt sie nicht und sie sind in dem Moment des Tuns einfach »richtig« und gut so. Etwas anderes existiert gar nicht.
Einfach sein – ohne Regeln, ohne Grübeln, ohne Ziel. Tanzen, toben, Faxen machen und die Welt anlachen!

 

 

Lieben

 

Dieses kleine Wesen besteht im Kern aus purer Liebe, da bin ich mir ziemlich sicher. Liebe, mit der sie geboren wurde und die sie auch Zuhause erfahren hat. Sie verteilt großzügig Umarmungen und freut sich genau so, welche zu bekommen. Sie liebt es, wenn ihr jemand liebevoll über den Kopf streicht oder wenn sie behütet in einem Arm einschläft. Sie streichelt Tiere, rettet kleine Insekten vor dem Ertrinken, spricht mit Pflanzen und streicht mit dem Finger vorsichtig über die Blüten der Blumen. Sie liebt die Welt.
Dieses Vertrauen, die Offenheit und eine Art, die ich fast als eine optimistische Naivität bezeichnen würde, sind Dinge, an die sie mich immer wieder erinnert. Sie fragt, wann es endlich genug ist, bittet mich um Geduld und mehr Pausen und sagt, wenn es ihr zu viel wird oder sie nicht mehr kann. Sie sagt mir auch, wenn sie Dinge vielleicht gar nicht machen möchte und fängt dann an zu weinen.
Heute versuche ich, diesem Kind und somit mir selbst mit einem liebevollen Blick zu begegnen. Ich möchte ihr zuhören, geduldig mit ihr sein, ihr alles vergeben, bei dem sie sich noch schuldig fühlt, ihr erlauben, die Dinge zu tun, die ihr Herz will, und sie sehen, akzeptieren und lieben als den Menschen, der sie ist. Immer wenn mir das gelingt und ich sie sehe und spüre, merke ich, dass sich etwas in mir öffnet – wie eine Blüte, die die Strahlen der Sonne wähnt.

»Liebevoll« und das Gefühl, das diesem Wort innewohnt, war und ist für mich der Schlüssel zu einer inneren Umarmung. Einer Umarmung, die ich pflege und zu der ich mich immer wieder zurück besinnen möchte.

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Mein Schweinehund und was ich von ihm lernen kann

Ich möchte mir mal ein paar Gedanken zum Thema Schweinehund machen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wann dieser kleine flauschige Freund zu einem solchen Monster geworden ist – aber irgendwie bekommt er in unserer Welt ganz schön harte Kritik.

»Besiege deinen Schweinehund«, »Ich würde ja, wenn da nicht der verdammte Schweinehund wäre«, »Na, war der Schweinehund zu groß?« – es klingt oft ein bisschen so, als wäre das Ganze ein Spiel oder ein Kampf und der Schweinehund unser Endgegner, den wir in einer blutigen Auseinandersetzung bezwingen müssen.
Meistens erwischt er uns in ganz alltäglichen Situationen. Er sitzt da quasi mitten auf uns, während wir auf der Couch liegen und relaxen, aber eigentlich noch zum Sport wollten. Wir »müssten« eigentlich – aber es fällt uns mega schwer, uns aufzuraffen. Vielleicht steht er auch vor uns, während wir uns vor einer Aufgabe drücken, die wir nun zwei Tage oder Wochen vor uns herschieben und mit der wir irgendwie einfach nicht anfangen können. Auch bei den Neujahrsvorsätzen ist er sicherlich zu finden.

Manche Menschen würden vielleicht sagen, wir sprechen von Faulheit oder Prokrastination. Gerne hört man dann ein »ich muss eigentlich, aber…«. Gerade in Zeiten, wo harte Arbeit, Überstunden und eine aufopfernde Position gegenüber dem Berufsalltag immer noch Ansehen genießen, scheint es eine schwache Leistung, seinen Schweinehund nicht zu bezwingen. Sollte man doch eigentlich »stark« genug sein, dies bisschen Überwindung aufzubringen. Zusammenreißen, Augen zu und durch, durch-powern, durchziehen, durchknüppeln – es gibt jede Menge Begrifflichkeiten, mit denen wir uns dafür wappnen.

Was mir aufgefallen ist, ist, dass wir dabei ganz oft unsere eigene Grenze überschreiten.
Wenn wir uns zu diesen Dingen überwinden und »Augen zu und durch« anwenden, machen wir die Augen zu und sehen die Grenze nicht. Ja vielleicht bemerken wir sie nicht mal. Wir lernen nicht, wo sie ist und werden beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder drüber bügeln.

Natürlich kann der Schweinehund auch da sein, wenn wir Angst haben. Und man möchte doch meinen, es ist gut, seine Angst zu überwinden oder zu besiegen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir Veränderung möchten oder unsere Komfort-Zone verlassen wollen. Man möchte doch meinen, auch das sei etwas Gutes.
Und wenn ich es so betrachte, denke ich, dass es nicht darum geht, dass wir uns überwinden, sondern, dass wir uns so bewusst und klar über die Situation sind, dass es sich nicht mehr wie eine Überwindung anfühlt. Es geht vielleicht nicht darum, unsere Angst zu ignorieren und zu übergehen, sondern vielmehr darum, sie zu sehen, zu erkennen und zu schauen, woher sie kommt. Dann haben wir vielleicht die Chance, sie aufzulösen und der Schweinehund geht von ganz alleine.

Wie wäre es also, wenn wir in einer Situation, in der wir das Gefühl haben, uns überwinden zu müssen, und den Schweinehund vor uns sehen, ihn nicht als Gegner oder Feind sehen, sondern als ein Wesen zu begrüßen, das für uns da ist? Er steht da vor uns, wenn wir Druck spüren oder Angst haben, als Ausdruck eines inneren Widerstandes.
Ich glaube, wir sollten nicht gegen ihn kämpfen oder ihn bezwingen oder ihn „übergehen“, weil er ein Teil von uns ist. Er ist kein Zauberwesen, das uns fremdbestimmt vor die Nase gesetzt wurde, sondern er steckt in uns und wir visualisieren durch ihn den Teil in uns, der sich gegen etwas sträubt. Wenn wir ihm Leid zufügen, fügen wir irgendeinem Teil in uns auch Leid zu. Wir lassen ihn nicht zu Wort kommen, wie ein Elternteil, der seinem weinenden Kind die Unterhaltung mit einer Ohrfeige beendet. Wir verletzen uns selbst.
Und was mir dabei auch bewusst wird ist, dass wir ihn erschaffen und zwar so wie wir ihn sehen wollen. Der Druck und die Angst entstehen in unserem Kopf und wenn wir versuchen, sie mit Gegendruck oder Resignation zu bekämpfen, nähren wir sie unter Umständen nur. Was also tun?
Nun, wie wäre es mit zuhören? Wenn wir ihn als liebevollen Begleiter sehen: was sagt er oder fragt er uns? Was können wir uns selbst in diesem Moment fragen?

Ich frage mich: Warum will ich das gerade nicht? »Muss« das gerade wirklich sein? Und wenn es sich so anfühlt, für wen muss das sein? Möchte ich das gerade aus einer für mich akzeptablen Motivation heraus? Und wenn ja, sollte es dann nicht eigentlich ohne so eine große Überwindung funktionieren? Was brauche ich, damit es sich nicht nach harter Arbeit und Schmerz anfühlt, sondern leicht und natürlich? Kann ich meinem Widerstand nachgeben oder aber meine Einstellung zu der Sache anpassen?

Und wenn wir die Antworten auf diese Fragen gefunden haben, stellen wir vielleicht fest, dass wir entweder super bereit sind, loszulegen, oder aber, dass wir eine klare Entscheidung dagegen treffen können. So oder so – innere Klarheit befriedet uns mit dem Zeitgenossen Schweinehund. Denn was uns Kraft kostet, ist das Ringen mit ihm, sind die zwei Optionen, die sich für uns nicht miteinander vereinen lassen. Also: rein in die Selbstbestimmung, rein in die Kraft! Jede unserer Entscheidungen kann von innerer Stärke zeugen, wenn wir sie bewusst treffen. Innehalten, mir selbst zuhören und einen Entschluss fassen, den ich vertreten kann.
Manchmal kann es so einfach sein..

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Was ist eine Reisende ohne das Reisen?

Als Mensch mit einem sehr privilegierten Pass, der mir fast unbegrenzte Möglichkeiten gibt, in der Welt umherzureisen, bin ich es wie viele andere aus meinen Wirkungskreisen gewohnt, Grenzen relativ reibungslos zu übertreten, -fahren oder -fliegen. Ich kann theoretisch reisen, wohin mein Herz und meine finanziellen Möglichkeiten mich tragen, und werde in vielen Ländern und Kulturen mit offenen Armen empfangen. Und das nur, weil ich aus dem Land komme, aus dem ich komme. Für viele Menschen auf der Welt ist dies nicht möglich. Das kann bedeuten, dass sie ihr Land nicht verlassen können – sei es aus finanzieller Einschränkung, Reisebestimmungen oder politischen Maßnahmen, die ihnen dieses Recht verwehren. Ich bin in diese Freiheit rein geboren und mit ihr aufgewachsen und lebe sie seither als eine Selbstverständlichkeit.
Mit Reiseplänen vor einer verschlossenen Grenze zu stehen und mein Land nicht verlassen zu können, erinnert mich an diese Tatsache und lässt mich spüren, dass dieses Recht genau so schnell verwirken kann, wie der gesellschaftliche und politische Wind gerade bläst. Unabhängig davon, aus welchen Gründen es mir verwehrt wird, Ländergrenzen zu überschreiten, ist es grundsätzlich erst einmal ein beklemmendes Gefühl. Es ist der Beschnitt meiner Bewegungsfreiheit.
Damit spreche ich von zwei Dingen, die beim Reisen für mein Verständnis elementar sind: nämlich Bewegung und Freiheit.

Bewegung & Freiheit

Dass ich mich bewege, wenn ich reise, scheint im ersten Moment erst einmal offensichtlich. Egal wie weit oder schnell ich dabei vorgehe, ist Fortbewegung unabdinglich, wenn ich den Ort wechseln will. Bewegung bedeutet für mich aber nicht nur das bloße physische Zurücklegen eines Weges. Es ist viel mehr noch der Inbegriff von Veränderung. So kann ein Ortswechsel zum Beispiel Veränderung der Umgebung, der Menschen, des Klimas, der Kultur, der Ernährung und vieler anderer Faktoren bedeuten. Ohne Veränderung kann ich mich nicht bewegen. Und anders herum kann ohne Bewegung keine Veränderung stattfinden. Und Bewegung wie auch Veränderung haben gleichermaßen immer auch etwas mit Loslassen zu tun. So lasse ich den Ort los, den ich verlasse – oder dasjenige, was ich verändern möchte. Und wie bei einem kurzzeitigen Vakuum, entsteht für einen Moment Raum, den dann etwas Neues einnehmen kann.
Beim Reisen bewege ich allerdings nicht nur meinen Körper. Aus meiner persönlichen Erfahrung bewege ich dabei auch meinen Geist. Ich nehme Abstand zum Alltag und Abstand zu Routinen, die in einem gewohnten Umfeld schnell entstehen, Ich erhalte Abstand zu den Menschen, die mich normaler Weise umgeben, und somit auch Abstand zu dem Menschen, der ich in der jeweiligen Umgebung und in Gesellschaft der jeweiligen anderen Menschen bin. Ich bewege mich also in gewisser Weise einmal von mir selbst weg und kann mich aus der Ferne betrachten. Auch können meine Werte, meine Perspektive oder meine Wahrnehmung sich bewegen, wenn ich es ihnen erlaube. Das setzt voraus, dass ich mich öffne und Dinge und Gedanken durch mich hindurch bewegen lasse. In dem Falle bin ich zwar nicht in Bewegung, aber etwas in mir ist in Bewegung.
Das, was der Bewegung entgegengesetzt wird und was eintritt, wenn ich aufhöre, mich zu bewegen, ist Stillstand. Stillstand kann dabei bedeuten, dass ich meinen Körper nicht mehr durch die Welt bewege. Und genau so kann er auf geistiger Ebene bedeuten, dass mein Geist sich nicht mehr bewegt, weil ich beschließe, Ansichten, bestimmte Haltungen oder die Sicht auf mich selbst als endgültig oder gefestigt zu betrachten. Er ist dann geschlossen und lässt nichts durch. Wenn mein Geist still steht oder nicht offen ist, für innere Bewegung, kann er sich nicht verändern oder wachsen. Kann er aber nicht trotzdem »frei« sein, auch wenn er sich nicht bewegt?
Ohne zu weit zum Thema Freiheit auszuholen, bedeutet Freiheit für mich herunter gebrochen vier Dinge: erstens, die Wahl zu haben, zweitens, mir ihrer bewusst zu sein, drittens, sie zu treffen und schließlich viertens, sie umzusetzen. Dass Freiheit Bewusstsein voraussetzt, ist natürlich erst mal eine These. Nach meinem Verständnis kann ich aber eben keine Wahl treffen, wenn ich mir nicht bewusst bin, dass ich sie habe. Bei der Bewegungsfreiheit würde dies bedeuten, dass ich sowohl das Bewegen als auch das Nicht-Bewegen bewusst und aus mir selbst heraus wählen kann. Anders herum kann ich genau so wählen, mich körperlich oder geistig nicht zu bewegen. Ich würde damit immer noch meine Freiheit ausleben, solange ich mir bewusst bin, dass ich jederzeit und immer wieder erneut eine Wahl treffen und mich wieder in Bewegung setzen kann.

Frei sein ohne Freiheit?

Was aber, wenn ich wähle, mich zu bewegen, und mir dann jemand sagt, dass dies »verboten« ist? Kann ich diese Bewegungsfreiheit auch leben, obwohl sie mir genommen oder von äußeren Faktoren eingeschränkt wird? Bin ich nicht von Natur aus frei?
So lange ich mich in einem bestimmten System oder Gefüge aufhalte, gibt es eigentlich immer ein Wertekonstrukt oder Regeln, denen alles innerhalb dieses Systems unterliegt. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, das System zu verlassen beziehungsweise zu wechseln oder aber, es zu verändern. Habe oder sehe ich diese nicht, unterliege auch ich ihm in irgendeiner Form oder werde wenigstens von ihm beeinflusst.

Ich sehe hier mindestens zwei Wege, trotzdem die Wahl zu haben und frei zu sein. Die erste besteht darin, sich über die Regeln hinwegzusetzen und trotzdem zu tun und lassen, was ich will. Je nach Strenge und Stärke des Systems hat dieser Weg dann im Umkehrschluss wahrscheinlich Konsequenzen zur Folge, bei denen ich abwägen kann, ob ich sie in Kauf nehmen möchte – ob also die Freiheit, die ich für einen Moment auslebe, die Konsequenzen wert ist.
Die zweite Möglichkeit, die ich sehe, ist, das, was ist, als Ausgangssituation zu akzeptieren und den Rahmen meiner (Bewegungs-)Freiheit neu zu definieren. Dies könnte zum Beispiel bedeuten, dass diese für mich nicht mehr darin besteht, Ländergrenzen zu überschreiten, sondern darin – innerhalb der von außen gesetzten Grenzen – wenigstens den Ort zu wählen, an dem ich sein will und an dem ich den Stillstand willentlich akzeptieren kann. Das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Mir ist durchaus bewusst, dass viele Menschen an einen Ort gebunden sind oder sich selbst an ihn gebunden haben und somit nicht die Wahl haben oder die Wahl sehen, dies zu tun. Aber egal, ob ich diesen Ort an einem Punkt bewusst wähle oder ob ich mich fremdbestimmt und dem Stillstand ausgeliefert fühle – ich kann egal in welchem Zustand oder in welcher Situation meine Perspektive wählen und Entscheidungen treffen. Wir treffen jeden Moment unseres Lebens Entscheidungen und die einzige Frage, die sich dabei stellt, ist, wie bewusst wir sie treffen. So gesehen habe ich immer eine Wahl.

Eine weiterer Faktor für den Erhalt meiner Bewegungsfreiheit ist auch die Entscheidung, in welchem räumlichen Gefüge und auf welcher Ebene ich meine Freiheit gerade ausleben will. Das kann ein geografischer Raum sein, ein physischer Raum, wie ein Gebäude oder ein Zimmer oder der Raum meines Körpers. Ich kann mich aber auch zum Beispiel in einem virtuellen Raum wie dem Internet bewegen. Oder ich betrachte Ebenen außerhalb des materiellen Raumes – zum Beispiel emotionale, energetische oder feinstoffliche Ebenen, andere Dimensionen, innere Welten. Wenn mein Körper stillsteht, habe ich ganz andere Kapazitäten frei für diese Welten und die innere Bewegung. Auch wenn mein Körper keine Ländergrenzen mehr überschreitet oder sich großräumig von A nach B bewegt – mein Geist kann es.
Mein Geist kennt keine Grenzen. Er ist so unendlich und frei, wie alles, das existiert. Das mag vielleicht erst einmal überirdisch und abstrakt klingen, er ist aber nicht zu unterschätzen. Ich bin frei und meine Gedanken sind es auch. Und die einzige, die über die Bewegungsfreiheit meines Geistes entscheidet, bin ich. Auch hier ist die Grundvoraussetzung dafür natürlich, dass ich mir dieser Freiheit bewusst bin. Ich könnte hier ausschweifend in das Thema Bewusstsein einsteigen oder eine Diskussion darüber beginnen, ob und wie freier Wille existiert. Ich denke allerdings, für die Frage, die ich mir beantworten wollte, ist dies gar nicht unbedingt nötig.

Reisebestimmungen für den Geist

Was ist nun also am Ende eine Reisende ohne das Reisen? Ich denke, eine Reisende bleibt so lange eine Reisende, wie sie das Mindset einer Reisenden wählt. Auch wenn Grenzen schließen oder Regeln sich mit verschränkten Armen vor meine Tür stellen, bleibe ich eine Reisende. Ich bleibe eine Seele auf dem Weg mit dem Potenzial für bewusste Entscheidungen und freie Gedanken.

Es gibt sicherlich Menschen, die mir nun sagen würden: »Aber du darfst dieses oder jenes nicht denken.« Oder aber: »Du solltest trotzdem Angst haben.« Oder aber: »Du bist nicht frei.« Und diesen Menschen zeige ich dann meinen Gedanken-Reise-Pass, auf dem steht: »Doch, bin ich.«
Die innere Reise kann jederzeit und überall losgehen. Ich kann meinen Körper fühlen und beobachten. Ich kann gedankliche Prozesse durchlaufen oder -wandeln, ohne mich körperlich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ich kann einen Spaziergang mit meiner Fantasie unternehmen und entlang des Weges die verrücktesten und unglaublichsten Welten erschaffen. Ich kann mich in den Gewässern entlang meines gedanklichen Pfades betrachten und den Spiegelungen meiner Selbst dabei zusehen, wie sie sich verändern, bewegen und verformen. Ich kann träumen, andere Leben leben oder zu anderen Planeten schweben. Ich kann in die Vergangenheit oder die Zukunft reisen, die Gedanken anderer durch mich fließen lassen, eigene Ideen entwickeln oder die Geschichte neu schreiben. Ich kann mich finden, erfinden, erkunden, den Duft der Blüten meines geistigen Raumes einatmen oder in das Tal der Ängste eintauchen, mich dort der Dunkelheit und den Schatten stellen, die dort auf mich warten, und voller Strahlkraft auf der anderen Seite wieder herauskommen.
Ich kann reisen wohin ich will. Und mit der Liebe als Wegbegleiterin kann ich jeden einzelnen dieser Pfade mit einem Lächeln beschreiten.

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Von Öko-Performern, Avocado Sandwich und dem Fancy Café

Hin und wieder bin ich in den großen Städten unserer heilen Welt unterwegs und fast immer treffe ich bei der Suche nach einem kurzzeitigen Arbeitsplatz auf ein fancy Café. Für all diejenigen von euch, die sich fragen, was ich mit »fancy Café« meine, möchte ich die Beschreibung dieses Ortes heute einmal ausführen. Es ist die Sorte Café, die mir im ersten Moment das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Menschen, die mich umgeben, sind gestriegelt, die komplette Umgebung ist durchzogen von den aktuellsten Trends und die frisch zubereiteten Speisen riechen nach gesicherten finanziellen Verhältnissen. Im Zweifelsfalle befinden wir uns in einem gerade gentrifizierten Viertel einer Großstadt.
Ich möchte vorweg einmal bemerken, dass auch ich in einem dieser Cafés mit löchriger Hose und meinem aufgeklappten Laptop sitze und dass die folgende kritische leicht zynische Betrachtung dieses Ortes und seiner Menschen kein Angriff sein soll, sondern vielmehr eine humorvolle Beobachtung und eine selbstironische Reflexion eines Lebensstils, der hin und wieder mal ein Teil meiner Welt ist.

Nun aber zum »fancy Café«. Woran erkennt man einen solchen Ort?
Den ersten Blick erhascht man durch die große Fensterscheibe, die mit einem weißen zarten oder handschriftlichen Logo verziert ist und den Blick freigibt auf die Cremé de la Cremé der Hipster-Szene des neuen Jahrzehnts. Ich betrete das Café.

Ein Blick auf die Karte und aufmerksames Zuhören bei den Bestellungen eröffnen ein Schlaraffenland für Menschen mit Intoleranzen, Teilzeit-Ernährungswissenschaftler:innen und Millenial-Food-Nerds.
Der Kaffee, den wir Menschen hier bestellen, ist voll von Extras und zugleich frei von allem: zum Hiertrinken oder Mitnehmen, klein, mittel, groß, extra groß, mit Kuhmilch, Hafermilch, Sojamilch, Kokosmilch, Mandelmilch oder Reismilch, mit Schaum, ohne Schaum, mit Karamell oder Zimt oder Kakao, mit Süßstoff, Xylit, Erytrit oder Stevia gesüßt, mit Glasstrohhalm, mit Kurkuma-Topping, mit einfachem oder doppeltem Espresso, first flush, second flush, zweimal geröstet, kaltgebrüht, eisgekühlt, als Frappuchino, mit Bohnen aus Afrika, Südamerika, Indien oder Indonesien, bereits verdaut, leicht bekömmlich, koffeinfrei, zuckerfrei, glutenfrei, laktosefrei, sinnfrei.

Wir Menschen, die diesen Kaffee trinken, sind genau so voll von Extras und genauso frei von allem. Gekleidet in den hippesten Marken und löchrigen Jeans, die massig Geld gekostet haben und den Anschein erwecken, als fielen wir regelmäßig hin. In Ergänzung dazu weiße Sneaker. Diese bestechen hauptsächlich durch ihren mangelnden Pragmatismus bei Schietwetter und durch mangelnde Isolierung bei kalten Temperaturen. Sie ersetzen in unserer Gesellschaft vielleicht den südostasiatischen Brauch, sich einen Fingernagel lang wachsen zu lassen, um zu repräsentieren, dass man einen hippen Büro-Job hat, statt auf dem Feld zu arbeiten. Wenn das klargestellt ist, sind auch die kaputten Jeans in ihrer Wirkung kompensiert.
Die Gesichter der Frauen neben mir wirken makellos – leicht gebräunt, geschminkt und weichgezeichnet, aber nicht zu doll und ganz unaufdringlich, denn es soll ja natürlich aussehen, auch wenn es das nicht ist. Sie sehen perfekt aus, ganz unangestrengt. Sie sprechen mit einer Aneinanderreihung von Anglizismen über Detox, ihren neuen aryuvedischen Lebensstil, ihre nächsten fernen Reiseziele auf der Bucketlist oder bestätigen einander, wie schwierig es ist, das richtige Yoga-Studio auszuwählen. Sie stellen fest, dass das ja eigentlich auch Jammern auf hohem Niveau ist – hören dann aber trotzdem nicht damit auf. Tätowierungen sind für sie Souvenirs des Lebens, Ayahuasca können sie zwar nicht richtig aussprechen, aber es ist DER effektivste Weg zum nächsten Bewusstseins erweiternden Lebenswendepunkt und den neuen konstruierten Lebensmittelpunkt bilden Persönlichkeitsentwicklung, Clean Eating, und Minimalismus.

Ich schaue mich noch einmal um. Die Wand hinter der Theke ist gefliest, das Geschirr sieht aus wie handgemacht und aus Omas Zeit – auch wenn weder das eine noch das andere zutrifft –, die Speisekarte gibt’s auf einem Klemmbrett oder an ein Stück Holz gebunden. Die Lampen hängen an ihren Kabeln aus der Decke (mein Opa würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über so einen »Pfusch«) und die Stühle passen alle nicht zusammen – mit Absicht. Es ist so erzwungen ungezwungen, dass ich mich zwischen dem Gefühl von lockerem Ambiete und dem von ästhetischer Zwangsstörung nicht entscheiden kann. Das durchdachte systemische Colour Coding und ein stylisches Corporate Design vereinen sich mit einer intensiv ausgelebten Pinterest-Sucht, die in den aktuellsten Interior Trends zum Ausdruck kommt. Die Einrichtung vermittelt all die Romantik, Besinnlichkeit und den Charme der alten Zeit und ist dabei trotzdem unfassbar neumodisch und convenient.
»Back to the Roots«, »Used Look« und »Industrial Flair« – die Menschen suchen und finden hier oberflächlich die Bodenständigkeit, die in der Tiefe ihres komplexen schnelllebigen Alltags verloren gegangen ist. Diese Orte wecken in mir den paradoxen Anschein einer Art »gefakten Authentizität«. Sie bedienen einen Status, sie werden als Teil der Markenwolke konsumiert und sie stehen den Ästheten unserer Gesellschaft wie ein überteuertes weißes Basic T-Shirt. Sich in dieses Café zu setzen, ist ein Statement und das Bekenntnis zum urbanen scheinbar achtsamen und kosmetisch nachhaltigen Lifestyle.

Die Strohhalme sind aus Glas, die Take-Away Becher sind kompostierbar und die zwei Servietten, die ich zu meiner Bestellung bekomme, sind 100% recycled. Nichts davon ist unbedingt nötig, aber wenigstens die Label sind auf Nachhaltigkeit gestellt. Auf der Speisekarte nur natürliche frische Zutaten: Avocado-Sandwich mit Sesampaste, Chia-Samen Bowl mit Mango, Mandeln und Guarana und einige weitere Exoten, die man googlen muss, um zu verstehen, was man isst. Ach du schöne nachhaltige neue Welt!
Alles hier hat eine Tagline – doch die Realität dahinter scheint auf den zweiten Blick weniger schillernd. Das gilt sicher auch für einige der Gäste. Sie essen ihren Kuchen von Retro-Geschirr aber nicht bei Oma, tragen die Fensterglas-Brille, weil sie in ist, und nicht weil sie blind sind, und ihr Pullover ist zwar aus Bio-Baumwolle, wurde aber in China produziert.

Das Essen, welches hier überall um mich auf den Tellern thront, ist kunstvoll angerichtet, sodass es den euphorischen Konsument:innen ein Leichtes ist, den perfekten Instagram-Shot davon zu posten. Zu schade zum Essen eigentlich – allerdings auch zu teuer, um es nicht zu tun. Für eine Avocado-Stulle 8€ zu bezahlen und danach immer noch hungrig zu sein, hält ungefähr die Waage mit dem kleinen Glas gefiltertem Leitungswasser, für das ich 1€ bezahlen soll, und nachdem ich immer noch durstig bin.

Der Mann am Tresen gibt großzügig 10 Cent Trinkgeld auf seine 15€ Rechnung. Der Barista ruft in angenehmer Lautstärke in den Raum, dass der Doppel Choc Vanilla Macciato für Martin fertig sei und das Windspiel an der Tür klingt erneut, als sich ein weiteres Grüppchen glücklich strahlend in die Behaglichkeit begibt.
Ein Mann setzt sich mir gegenüber und grüßt nett. Er sieht so aus, als hätte er Muße im Gepäck und ich tausche meinen Laptop gegen ein Notizbuch ein, um uns beiden die Möglichkeit zu eröffnen, eine Unterhaltung zu führen. Einen Moment später holt er sein Handy aus der Tasche, synchronisiert seine Smartwatch und verschwindet dann mit geschäftigem Getippe und Geswipe aus der Gegenwart. Hm, na gut, vielleicht auch mal an der Zeit zu gehen.
Ich trinke den letzten Schluck meines wirklich gut bezahlbaren Cappuccinos, packe meine Sachen und überlasse den gemütlichen Platz auf der Fensterbank den im Eingang wartenden Menschen. Und dann verlasse ich dieses heimelige Nest der healthy Superfoods und individualistischen Öko-Performer.

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Einsamkeit zwischen den Zeilen

Zwei Menschen. Zwei Geschichten.

Sie saßen zusammen
vor den Bildschirmen
ihrer Telefone

Und unterhielten sich
online mit Menschen,
die ihnen fremd waren.

Er schaute sie an
doch war in Gedanken
bei all den Frauen aus seiner App.

Und sie schaute ihn an
und dachte an den Mann,
der gerade ihr Profil angesehen hatte.

Und so trafen sich ihre Blicke
nie, weil sie immer wieder abglitten
in die Welt hinter der Scheibe.

Für eine Ewigkeit
verblieben sie in ihrer Starre
und bemerkten es nicht.

Ihre Herzen waren erfüllt
von der Leere
externer Bestätigung.

Ihre Körper waren erregt
von jeder Notification
und jedem Like.

Und ihre Seelen verbunden sich für immer
mit der Unendlichkeit
des Internets.

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