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Die Verbindung zu meinem inneren Kind

Über das Kind in mir zu sprechen, fĂŒhlt sich fĂŒr mich ein StĂŒck weit intim an. Ich habe aber beschlossen, dass es mir persönlich so viel gibt und gegeben hat, dass ich gerne andere Menschen an meinem Prozess und Erkenntnissen teilhaben lassen möchte.

Das innere Kind als ein Anteil meiner Selbst zeigt mir die kindlichen ZĂŒge, Gewohnheiten oder BedĂŒrfnisse, Verletzungen oder Schatten, die ich aus meiner Kindheit mit in das »Erwachsenen-Leben« genommen habe. Hin und wieder arbeite ich mit diesem Bild und kann mir so durch Vorstellungskraft nĂ€her kommen.
Jene Bilder habe ich nun mit Hilfe von Fotobearbeitung sichtbar und real werden lassen. Auch wenn die Fotos fĂŒr Außenstehende vielleicht einfach wirken wie Bilder, auf denen ich mit einem beliebigen Kind abgebildet bin – fĂŒr mich persönlich sind sie sehr kraftvoll. Sie fĂŒhlen sich an wie eine Zeitreise, bei der ich mir selbst in die Augen sehen kann, das Kind, das ich mal war, fĂŒhlen und berĂŒhren kann. Und zugleich ist es nicht nur Zeitreise sondern auch Spiegel von dem, was gerade ist.

Denn sie, die kleine Swantje, ist immer noch in mir und genauso Teil meiner Persönlichkeit, wie die erwachsenen ZĂŒge, die sich hinzugesellt haben. Sie ist eine wunderschöne Seele – frei, frech, wild, bunt, neugierig, fröhlich, vertraut, clever und unfassbar hungrig. Sie kann ganz schön laut sein und will immer jede Menge Aufmerksamkeit und das letzte Wort haben.
Ich habe angefangen, ihr zuzuhören und mir ihr in Kontakt zu treten. Das mag leicht schizophren klingen, ist fĂŒr mich aber eine wertvolle Methode. Sie gibt mir die Möglichkeit, mich zurĂŒck zu besinnen, von ihr zu lernen, und hin und wieder auch, dieses Kind zu sein und auszuleben.

 

FĂŒhlen

 

Sie schaut unschuldig und mit großen Augen in die Welt, die sie umgibt – ohne Scham oder Schuld.
Und sie zeigt sich und ihre GefĂŒhle pur und ungezĂŒgelt. Da sind Schmerz, Traurigkeit, Wut, UnverstĂ€ndnis – aber auch Euphorie, endlose VergnĂŒglichkeit und Liebe. Sie fĂŒhlt sie alle ungefiltert und lĂ€sst sie da sein, lĂ€sst sie fließen. Sie offenbart sich. In vollstem Vertrauen.

FĂŒr sie ist es das SelbstverstĂ€ndlichste der Welt. Ich hingegen erinnere mich daran, wie es war, erlerne erst wieder, diese GefĂŒhle pur zuzulassen und dabei ehrlich mit mir zu sein. Den Kopf, die Zweifel, die Filme im Kopf mal zu pausieren und mir Stille, TrĂ€nen, Schreie – was auch immer da sein will –  zu erlauben, ohne es stark zu bewerten, beschwichtigen oder rechtfertigen zu mĂŒssen. Diese Erlaubnis kostet mich manchmal immer noch ganz schön Überwindung und Kraft. Jedes Mal wenn es mir gelingt, merke ich, dass »SchwĂ€che zeigen« eine große StĂ€rke in sich trĂ€gt. Doch jedes Mal, wenn sich ein geschĂŒtzter Raum auftut und ich es schaffe, meine Verletzlichkeit zuzulassen, findet eine Verbindung statt – mit mir selbst, mit anderen und mit ihr.

 

Wachsen

 

»Warum ist das so?« – »Weil das damals so ĂŒblich war.« – »Und warum?« – »Weil sich das jemand so mal ĂŒberlegt hat.« »Und warum?« – das kleine MĂ€dchen kann dieses Spiel endlos spielen. Sie ist durstig danach, alles zu verstehen. Sie ist »neu-gierig«. Alles, dem sie zum ersten Mal begegnet, ist faszinierend und magisch, wird mit großen Augen betrachtet, kritisch beĂ€ugt, berochen, mit den Fingern erfĂŒhlt oder in den Mund gesteckt. Sie will die Dinge verstehen – mit allen Sinnen und in einer tiefen Verbindung. Sie nĂ€hert sich den Dingen bis zum Kern. Und sie will mehr.

Was mir manchmal genau dabei hilft, ist, Dinge und Menschen mit den Augen der kleinen Swantje zu betrachten und mich daran zu erinnern, dass ich das Staunen ĂŒber die kleinen Dinge in mir trage und es jederzeit ausleben kann. Ich darf Dinge, von denen ich denke, sie zu wissen, oder vielleicht sogar, sie besser zu wissen als andere, wieder verwerfen oder ihnen Neues hinzufĂŒgen. Ich darf auch die Dinge, die alltĂ€glich oder »selbst-verstĂ€ndlich« scheinen, bewundern und neu entdecken.
Und ich darf das unbedarft und angstfrei tun. Sie hat keine Angst vor dem Unbekannten und keine Angst zu scheitern. Sie erinnert mich daran, dass es in Ordnung ist, Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen. Nach ihrer Ansicht gibt es keine Fehler sondern nur Raum zum Lernen. Sie ist wie sie ist. Ich bin wie ich bin. Ich bin hier um zu lernen, zu tanzen und zu glĂŒhen! Ich bin hier, um zu lieben, zu wachsen und zu blĂŒhen.

 

Lachen

 

Wild sein, frei sein, ungezĂŒgelt, ungefiltert, pur. An den Stellen, wo ich als Erwachsene darĂŒber nachdenke, wie ich aussehe, wenn ich dieses oder jenes mache, oder was andere vielleicht dabei ĂŒber mich denken könnten – hat sie schon lange den Sprung ins kalte Wasser gewagt, ihren Kommentar abgegeben oder die Zunge rausgestreckt. Sie macht einfach, setzt das um und durch, was sie will, geht einfach naiv vom besten aus und lĂ€sst wie selbstverstĂ€ndlich ihre inne wohnende VerrĂŒcktheit raus.
Sie ist eine Macherin.

Und manchmal geht es im Leben eben um Lachen und Blödsinn machen. Die kleine Swantje ist darin Meisterin. Sie spielt einfach. Und dabei meine ich kein Spiel, bei dem es ihr darum geht, einen Wettbewerb zu gewinnen oder ein Ziel zu erreichen, sondern ich meine dieses gedankenverlorene Verweilen in einer Zauberwelt, die keinen weiteren Sinn hat, als sich selbst – dieses Spielen, das sich »Sinn und Verstand« entzieht und mit ihrer Fantasie von dannen galoppiert. Sie tut die Dinge aus dem Inneren heraus und nur fĂŒr sich selbst, »weil es Spaß macht« oder nur um des Tuns Willen. Sie hinterfragt sie nicht und sie sind in dem Moment des Tuns einfach »richtig« und gut so. Etwas anderes existiert gar nicht.
Einfach sein – ohne Regeln, ohne GrĂŒbeln, ohne Ziel. Tanzen, toben, Faxen machen und die Welt anlachen!

 

 

Lieben

 

Dieses kleine Wesen besteht im Kern aus purer Liebe, da bin ich mir ziemlich sicher. Liebe, mit der sie geboren wurde und die sie auch Zuhause erfahren hat. Sie verteilt großzĂŒgig Umarmungen und freut sich genau so, welche zu bekommen. Sie liebt es, wenn ihr jemand liebevoll ĂŒber den Kopf streicht oder wenn sie behĂŒtet in einem Arm einschlĂ€ft. Sie streichelt Tiere, rettet kleine Insekten vor dem Ertrinken, spricht mit Pflanzen und streicht mit dem Finger vorsichtig ĂŒber die BlĂŒten der Blumen. Sie liebt die Welt.
Dieses Vertrauen, die Offenheit und eine Art, die ich fast als eine optimistische NaivitĂ€t bezeichnen wĂŒrde, sind Dinge, an die sie mich immer wieder erinnert. Sie fragt, wann es endlich genug ist, bittet mich um Geduld und mehr Pausen und sagt, wenn es ihr zu viel wird oder sie nicht mehr kann. Sie sagt mir auch, wenn sie Dinge vielleicht gar nicht machen möchte und fĂ€ngt dann an zu weinen.
Heute versuche ich, diesem Kind und somit mir selbst mit einem liebevollen Blick zu begegnen. Ich möchte ihr zuhören, geduldig mit ihr sein, ihr alles vergeben, bei dem sie sich noch schuldig fĂŒhlt, ihr erlauben, die Dinge zu tun, die ihr Herz will, und sie sehen, akzeptieren und lieben als den Menschen, der sie ist. Immer wenn mir das gelingt und ich sie sehe und spĂŒre, merke ich, dass sich etwas in mir öffnet – wie eine BlĂŒte, die die Strahlen der Sonne wĂ€hnt.

»Liebevoll« und das GefĂŒhl, das diesem Wort innewohnt, war und ist fĂŒr mich der SchlĂŒssel zu einer inneren Umarmung. Einer Umarmung, die ich pflege und zu der ich mich immer wieder zurĂŒck besinnen möchte.

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Was ist eine Reisende ohne das Reisen?

Als Mensch mit einem sehr privilegierten Pass, der mir fast unbegrenzte Möglichkeiten gibt, in der Welt umherzureisen, bin ich es wie viele andere aus meinen Wirkungskreisen gewohnt, Grenzen relativ reibungslos zu ĂŒbertreten, -fahren oder -fliegen. Ich kann theoretisch reisen, wohin mein Herz und meine finanziellen Möglichkeiten mich tragen, und werde in vielen LĂ€ndern und Kulturen mit offenen Armen empfangen. Und das nur, weil ich aus dem Land komme, aus dem ich komme. FĂŒr viele Menschen auf der Welt ist dies nicht möglich. Das kann bedeuten, dass sie ihr Land nicht verlassen können – sei es aus finanzieller EinschrĂ€nkung, Reisebestimmungen oder politischen Maßnahmen, die ihnen dieses Recht verwehren. Ich bin in diese Freiheit rein geboren und mit ihr aufgewachsen und lebe sie seither als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit.
Mit ReiseplĂ€nen vor einer verschlossenen Grenze zu stehen und mein Land nicht verlassen zu können, erinnert mich an diese Tatsache und lĂ€sst mich spĂŒren, dass dieses Recht genau so schnell verwirken kann, wie der gesellschaftliche und politische Wind gerade blĂ€st. UnabhĂ€ngig davon, aus welchen GrĂŒnden es mir verwehrt wird, LĂ€ndergrenzen zu ĂŒberschreiten, ist es grundsĂ€tzlich erst einmal ein beklemmendes GefĂŒhl. Es ist der Beschnitt meiner Bewegungsfreiheit.
Damit spreche ich von zwei Dingen, die beim Reisen fĂŒr mein VerstĂ€ndnis elementar sind: nĂ€mlich Bewegung und Freiheit.

Bewegung & Freiheit

Dass ich mich bewege, wenn ich reise, scheint im ersten Moment erst einmal offensichtlich. Egal wie weit oder schnell ich dabei vorgehe, ist Fortbewegung unabdinglich, wenn ich den Ort wechseln will. Bewegung bedeutet fĂŒr mich aber nicht nur das bloße physische ZurĂŒcklegen eines Weges. Es ist viel mehr noch der Inbegriff von VerĂ€nderung. So kann ein Ortswechsel zum Beispiel VerĂ€nderung der Umgebung, der Menschen, des Klimas, der Kultur, der ErnĂ€hrung und vieler anderer Faktoren bedeuten. Ohne VerĂ€nderung kann ich mich nicht bewegen. Und anders herum kann ohne Bewegung keine VerĂ€nderung stattfinden. Und Bewegung wie auch VerĂ€nderung haben gleichermaßen immer auch etwas mit Loslassen zu tun. So lasse ich den Ort los, den ich verlasse – oder dasjenige, was ich verĂ€ndern möchte. Und wie bei einem kurzzeitigen Vakuum, entsteht fĂŒr einen Moment Raum, den dann etwas Neues einnehmen kann.
Beim Reisen bewege ich allerdings nicht nur meinen Körper. Aus meiner persönlichen Erfahrung bewege ich dabei auch meinen Geist. Ich nehme Abstand zum Alltag und Abstand zu Routinen, die in einem gewohnten Umfeld schnell entstehen, Ich erhalte Abstand zu den Menschen, die mich normaler Weise umgeben, und somit auch Abstand zu dem Menschen, der ich in der jeweiligen Umgebung und in Gesellschaft der jeweiligen anderen Menschen bin. Ich bewege mich also in gewisser Weise einmal von mir selbst weg und kann mich aus der Ferne betrachten. Auch können meine Werte, meine Perspektive oder meine Wahrnehmung sich bewegen, wenn ich es ihnen erlaube. Das setzt voraus, dass ich mich öffne und Dinge und Gedanken durch mich hindurch bewegen lasse. In dem Falle bin ich zwar nicht in Bewegung, aber etwas in mir ist in Bewegung.
Das, was der Bewegung entgegengesetzt wird und was eintritt, wenn ich aufhöre, mich zu bewegen, ist Stillstand. Stillstand kann dabei bedeuten, dass ich meinen Körper nicht mehr durch die Welt bewege. Und genau so kann er auf geistiger Ebene bedeuten, dass mein Geist sich nicht mehr bewegt, weil ich beschließe, Ansichten, bestimmte Haltungen oder die Sicht auf mich selbst als endgĂŒltig oder gefestigt zu betrachten. Er ist dann geschlossen und lĂ€sst nichts durch. Wenn mein Geist still steht oder nicht offen ist, fĂŒr innere Bewegung, kann er sich nicht verĂ€ndern oder wachsen. Kann er aber nicht trotzdem »frei« sein, auch wenn er sich nicht bewegt?
Ohne zu weit zum Thema Freiheit auszuholen, bedeutet Freiheit fĂŒr mich herunter gebrochen vier Dinge: erstens, die Wahl zu haben, zweitens, mir ihrer bewusst zu sein, drittens, sie zu treffen und schließlich viertens, sie umzusetzen. Dass Freiheit Bewusstsein voraussetzt, ist natĂŒrlich erst mal eine These. Nach meinem VerstĂ€ndnis kann ich aber eben keine Wahl treffen, wenn ich mir nicht bewusst bin, dass ich sie habe. Bei der Bewegungsfreiheit wĂŒrde dies bedeuten, dass ich sowohl das Bewegen als auch das Nicht-Bewegen bewusst und aus mir selbst heraus wĂ€hlen kann. Anders herum kann ich genau so wĂ€hlen, mich körperlich oder geistig nicht zu bewegen. Ich wĂŒrde damit immer noch meine Freiheit ausleben, solange ich mir bewusst bin, dass ich jederzeit und immer wieder erneut eine Wahl treffen und mich wieder in Bewegung setzen kann.

Frei sein ohne Freiheit?

Was aber, wenn ich wĂ€hle, mich zu bewegen, und mir dann jemand sagt, dass dies »verboten« ist? Kann ich diese Bewegungsfreiheit auch leben, obwohl sie mir genommen oder von Ă€ußeren Faktoren eingeschrĂ€nkt wird? Bin ich nicht von Natur aus frei?
So lange ich mich in einem bestimmten System oder GefĂŒge aufhalte, gibt es eigentlich immer ein Wertekonstrukt oder Regeln, denen alles innerhalb dieses Systems unterliegt. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, das System zu verlassen beziehungsweise zu wechseln oder aber, es zu verĂ€ndern. Habe oder sehe ich diese nicht, unterliege auch ich ihm in irgendeiner Form oder werde wenigstens von ihm beeinflusst.

Ich sehe hier mindestens zwei Wege, trotzdem die Wahl zu haben und frei zu sein. Die erste besteht darin, sich ĂŒber die Regeln hinwegzusetzen und trotzdem zu tun und lassen, was ich will. Je nach Strenge und StĂ€rke des Systems hat dieser Weg dann im Umkehrschluss wahrscheinlich Konsequenzen zur Folge, bei denen ich abwĂ€gen kann, ob ich sie in Kauf nehmen möchte – ob also die Freiheit, die ich fĂŒr einen Moment auslebe, die Konsequenzen wert ist.
Die zweite Möglichkeit, die ich sehe, ist, das, was ist, als Ausgangssituation zu akzeptieren und den Rahmen meiner (Bewegungs-)Freiheit neu zu definieren. Dies könnte zum Beispiel bedeuten, dass diese fĂŒr mich nicht mehr darin besteht, LĂ€ndergrenzen zu ĂŒberschreiten, sondern darin – innerhalb der von außen gesetzten Grenzen – wenigstens den Ort zu wĂ€hlen, an dem ich sein will und an dem ich den Stillstand willentlich akzeptieren kann. Das ist natĂŒrlich leichter gesagt, als getan. Mir ist durchaus bewusst, dass viele Menschen an einen Ort gebunden sind oder sich selbst an ihn gebunden haben und somit nicht die Wahl haben oder die Wahl sehen, dies zu tun. Aber egal, ob ich diesen Ort an einem Punkt bewusst wĂ€hle oder ob ich mich fremdbestimmt und dem Stillstand ausgeliefert fĂŒhle – ich kann egal in welchem Zustand oder in welcher Situation meine Perspektive wĂ€hlen und Entscheidungen treffen. Wir treffen jeden Moment unseres Lebens Entscheidungen und die einzige Frage, die sich dabei stellt, ist, wie bewusst wir sie treffen. So gesehen habe ich immer eine Wahl.

Eine weiterer Faktor fĂŒr den Erhalt meiner Bewegungsfreiheit ist auch die Entscheidung, in welchem rĂ€umlichen GefĂŒge und auf welcher Ebene ich meine Freiheit gerade ausleben will. Das kann ein geografischer Raum sein, ein physischer Raum, wie ein GebĂ€ude oder ein Zimmer oder der Raum meines Körpers. Ich kann mich aber auch zum Beispiel in einem virtuellen Raum wie dem Internet bewegen. Oder ich betrachte Ebenen außerhalb des materiellen Raumes – zum Beispiel emotionale, energetische oder feinstoffliche Ebenen, andere Dimensionen, innere Welten. Wenn mein Körper stillsteht, habe ich ganz andere KapazitĂ€ten frei fĂŒr diese Welten und die innere Bewegung. Auch wenn mein Körper keine LĂ€ndergrenzen mehr ĂŒberschreitet oder sich großrĂ€umig von A nach B bewegt – mein Geist kann es.
Mein Geist kennt keine Grenzen. Er ist so unendlich und frei, wie alles, das existiert. Das mag vielleicht erst einmal ĂŒberirdisch und abstrakt klingen, er ist aber nicht zu unterschĂ€tzen. Ich bin frei und meine Gedanken sind es auch. Und die einzige, die ĂŒber die Bewegungsfreiheit meines Geistes entscheidet, bin ich. Auch hier ist die Grundvoraussetzung dafĂŒr natĂŒrlich, dass ich mir dieser Freiheit bewusst bin. Ich könnte hier ausschweifend in das Thema Bewusstsein einsteigen oder eine Diskussion darĂŒber beginnen, ob und wie freier Wille existiert. Ich denke allerdings, fĂŒr die Frage, die ich mir beantworten wollte, ist dies gar nicht unbedingt nötig.

Reisebestimmungen fĂŒr den Geist

Was ist nun also am Ende eine Reisende ohne das Reisen? Ich denke, eine Reisende bleibt so lange eine Reisende, wie sie das Mindset einer Reisenden wĂ€hlt. Auch wenn Grenzen schließen oder Regeln sich mit verschrĂ€nkten Armen vor meine TĂŒr stellen, bleibe ich eine Reisende. Ich bleibe eine Seele auf dem Weg mit dem Potenzial fĂŒr bewusste Entscheidungen und freie Gedanken.

Es gibt sicherlich Menschen, die mir nun sagen wĂŒrden: »Aber du darfst dieses oder jenes nicht denken.« Oder aber: »Du solltest trotzdem Angst haben.« Oder aber: »Du bist nicht frei.« Und diesen Menschen zeige ich dann meinen Gedanken-Reise-Pass, auf dem steht: »Doch, bin ich.«
Die innere Reise kann jederzeit und ĂŒberall losgehen. Ich kann meinen Körper fĂŒhlen und beobachten. Ich kann gedankliche Prozesse durchlaufen oder -wandeln, ohne mich körperlich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ich kann einen Spaziergang mit meiner Fantasie unternehmen und entlang des Weges die verrĂŒcktesten und unglaublichsten Welten erschaffen. Ich kann mich in den GewĂ€ssern entlang meines gedanklichen Pfades betrachten und den Spiegelungen meiner Selbst dabei zusehen, wie sie sich verĂ€ndern, bewegen und verformen. Ich kann trĂ€umen, andere Leben leben oder zu anderen Planeten schweben. Ich kann in die Vergangenheit oder die Zukunft reisen, die Gedanken anderer durch mich fließen lassen, eigene Ideen entwickeln oder die Geschichte neu schreiben. Ich kann mich finden, erfinden, erkunden, den Duft der BlĂŒten meines geistigen Raumes einatmen oder in das Tal der Ängste eintauchen, mich dort der Dunkelheit und den Schatten stellen, die dort auf mich warten, und voller Strahlkraft auf der anderen Seite wieder herauskommen.
Ich kann reisen wohin ich will. Und mit der Liebe als Wegbegleiterin kann ich jeden einzelnen dieser Pfade mit einem LĂ€cheln beschreiten.

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Von Öko-Performern, Avocado Sandwich und dem Fancy CafĂ©

Hin und wieder bin ich in den großen StĂ€dten unserer heilen Welt unterwegs und fast immer treffe ich bei der Suche nach einem kurzzeitigen Arbeitsplatz auf ein fancy CafĂ©. FĂŒr all diejenigen von euch, die sich fragen, was ich mit »fancy Café« meine, möchte ich die Beschreibung dieses Ortes heute einmal ausfĂŒhren. Es ist die Sorte CafĂ©, die mir im ersten Moment das GefĂŒhl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Menschen, die mich umgeben, sind gestriegelt, die komplette Umgebung ist durchzogen von den aktuellsten Trends und die frisch zubereiteten Speisen riechen nach gesicherten finanziellen VerhĂ€ltnissen. Im Zweifelsfalle befinden wir uns in einem gerade gentrifizierten Viertel einer Großstadt.
Ich möchte vorweg einmal bemerken, dass auch ich in einem dieser Cafés mit löchriger Hose und meinem aufgeklappten Laptop sitze und dass die folgende kritische leicht zynische Betrachtung dieses Ortes und seiner Menschen kein Angriff sein soll, sondern vielmehr eine humorvolle Beobachtung und eine selbstironische Reflexion eines Lebensstils, der hin und wieder mal ein Teil meiner Welt ist.

Nun aber zum »fancy Café«. Woran erkennt man einen solchen Ort?
Den ersten Blick erhascht man durch die große Fensterscheibe, die mit einem weißen zarten oder handschriftlichen Logo verziert ist und den Blick freigibt auf die CremĂ© de la CremĂ© der Hipster-Szene des neuen Jahrzehnts. Ich betrete das CafĂ©.

Ein Blick auf die Karte und aufmerksames Zuhören bei den Bestellungen eröffnen ein Schlaraffenland fĂŒr Menschen mit Intoleranzen, Teilzeit-ErnĂ€hrungswissenschaftler:innen und Millenial-Food-Nerds.
Der Kaffee, den wir Menschen hier bestellen, ist voll von Extras und zugleich frei von allem: zum Hiertrinken oder Mitnehmen, klein, mittel, groß, extra groß, mit Kuhmilch, Hafermilch, Sojamilch, Kokosmilch, Mandelmilch oder Reismilch, mit Schaum, ohne Schaum, mit Karamell oder Zimt oder Kakao, mit SĂŒĂŸstoff, Xylit, Erytrit oder Stevia gesĂŒĂŸt, mit Glasstrohhalm, mit Kurkuma-Topping, mit einfachem oder doppeltem Espresso, first flush, second flush, zweimal geröstet, kaltgebrĂŒht, eisgekĂŒhlt, als Frappuchino, mit Bohnen aus Afrika, SĂŒdamerika, Indien oder Indonesien, bereits verdaut, leicht bekömmlich, koffeinfrei, zuckerfrei, glutenfrei, laktosefrei, sinnfrei.

Wir Menschen, die diesen Kaffee trinken, sind genau so voll von Extras und genauso frei von allem. Gekleidet in den hippesten Marken und löchrigen Jeans, die massig Geld gekostet haben und den Anschein erwecken, als fielen wir regelmĂ€ĂŸig hin. In ErgĂ€nzung dazu weiße Sneaker. Diese bestechen hauptsĂ€chlich durch ihren mangelnden Pragmatismus bei Schietwetter und durch mangelnde Isolierung bei kalten Temperaturen. Sie ersetzen in unserer Gesellschaft vielleicht den sĂŒdostasiatischen Brauch, sich einen Fingernagel lang wachsen zu lassen, um zu reprĂ€sentieren, dass man einen hippen BĂŒro-Job hat, statt auf dem Feld zu arbeiten. Wenn das klargestellt ist, sind auch die kaputten Jeans in ihrer Wirkung kompensiert.
Die Gesichter der Frauen neben mir wirken makellos – leicht gebrĂ€unt, geschminkt und weichgezeichnet, aber nicht zu doll und ganz unaufdringlich, denn es soll ja natĂŒrlich aussehen, auch wenn es das nicht ist. Sie sehen perfekt aus, ganz unangestrengt. Sie sprechen mit einer Aneinanderreihung von Anglizismen ĂŒber Detox, ihren neuen aryuvedischen Lebensstil, ihre nĂ€chsten fernen Reiseziele auf der Bucketlist oder bestĂ€tigen einander, wie schwierig es ist, das richtige Yoga-Studio auszuwĂ€hlen. Sie stellen fest, dass das ja eigentlich auch Jammern auf hohem Niveau ist – hören dann aber trotzdem nicht damit auf. TĂ€towierungen sind fĂŒr sie Souvenirs des Lebens, Ayahuasca können sie zwar nicht richtig aussprechen, aber es ist DER effektivste Weg zum nĂ€chsten Bewusstseins erweiternden Lebenswendepunkt und den neuen konstruierten Lebensmittelpunkt bilden Persönlichkeitsentwicklung, Clean Eating, und Minimalismus.

Ich schaue mich noch einmal um. Die Wand hinter der Theke ist gefliest, das Geschirr sieht aus wie handgemacht und aus Omas Zeit – auch wenn weder das eine noch das andere zutrifft –, die Speisekarte gibt’s auf einem Klemmbrett oder an ein StĂŒck Holz gebunden. Die Lampen hĂ€ngen an ihren Kabeln aus der Decke (mein Opa wĂŒrde die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlagen ĂŒber so einen »Pfusch«) und die StĂŒhle passen alle nicht zusammen – mit Absicht. Es ist so erzwungen ungezwungen, dass ich mich zwischen dem GefĂŒhl von lockerem Ambiete und dem von Ă€sthetischer Zwangsstörung nicht entscheiden kann. Das durchdachte systemische Colour Coding und ein stylisches Corporate Design vereinen sich mit einer intensiv ausgelebten Pinterest-Sucht, die in den aktuellsten Interior Trends zum Ausdruck kommt. Die Einrichtung vermittelt all die Romantik, Besinnlichkeit und den Charme der alten Zeit und ist dabei trotzdem unfassbar neumodisch und convenient.
»Back to the Roots«, »Used Look« und »Industrial Flair« – die Menschen suchen und finden hier oberflĂ€chlich die BodenstĂ€ndigkeit, die in der Tiefe ihres komplexen schnelllebigen Alltags verloren gegangen ist. Diese Orte wecken in mir den paradoxen Anschein einer Art »gefakten AuthentizitĂ€t«. Sie bedienen einen Status, sie werden als Teil der Markenwolke konsumiert und sie stehen den Ästheten unserer Gesellschaft wie ein ĂŒberteuertes weißes Basic T-Shirt. Sich in dieses CafĂ© zu setzen, ist ein Statement und das Bekenntnis zum urbanen scheinbar achtsamen und kosmetisch nachhaltigen Lifestyle.

Die Strohhalme sind aus Glas, die Take-Away Becher sind kompostierbar und die zwei Servietten, die ich zu meiner Bestellung bekomme, sind 100% recycled. Nichts davon ist unbedingt nötig, aber wenigstens die Label sind auf Nachhaltigkeit gestellt. Auf der Speisekarte nur natĂŒrliche frische Zutaten: Avocado-Sandwich mit Sesampaste, Chia-Samen Bowl mit Mango, Mandeln und Guarana und einige weitere Exoten, die man googlen muss, um zu verstehen, was man isst. Ach du schöne nachhaltige neue Welt!
Alles hier hat eine Tagline – doch die RealitĂ€t dahinter scheint auf den zweiten Blick weniger schillernd. Das gilt sicher auch fĂŒr einige der GĂ€ste. Sie essen ihren Kuchen von Retro-Geschirr aber nicht bei Oma, tragen die Fensterglas-Brille, weil sie in ist, und nicht weil sie blind sind, und ihr Pullover ist zwar aus Bio-Baumwolle, wurde aber in China produziert.

Das Essen, welches hier ĂŒberall um mich auf den Tellern thront, ist kunstvoll angerichtet, sodass es den euphorischen Konsument:innen ein Leichtes ist, den perfekten Instagram-Shot davon zu posten. Zu schade zum Essen eigentlich – allerdings auch zu teuer, um es nicht zu tun. FĂŒr eine Avocado-Stulle 8€ zu bezahlen und danach immer noch hungrig zu sein, hĂ€lt ungefĂ€hr die Waage mit dem kleinen Glas gefiltertem Leitungswasser, fĂŒr das ich 1€ bezahlen soll, und nachdem ich immer noch durstig bin.

Der Mann am Tresen gibt großzĂŒgig 10 Cent Trinkgeld auf seine 15€ Rechnung. Der Barista ruft in angenehmer LautstĂ€rke in den Raum, dass der Doppel Choc Vanilla Macciato fĂŒr Martin fertig sei und das Windspiel an der TĂŒr klingt erneut, als sich ein weiteres GrĂŒppchen glĂŒcklich strahlend in die Behaglichkeit begibt.
Ein Mann setzt sich mir gegenĂŒber und grĂŒĂŸt nett. Er sieht so aus, als hĂ€tte er Muße im GepĂ€ck und ich tausche meinen Laptop gegen ein Notizbuch ein, um uns beiden die Möglichkeit zu eröffnen, eine Unterhaltung zu fĂŒhren. Einen Moment spĂ€ter holt er sein Handy aus der Tasche, synchronisiert seine Smartwatch und verschwindet dann mit geschĂ€ftigem Getippe und Geswipe aus der Gegenwart. Hm, na gut, vielleicht auch mal an der Zeit zu gehen.
Ich trinke den letzten Schluck meines wirklich gut bezahlbaren Cappuccinos, packe meine Sachen und ĂŒberlasse den gemĂŒtlichen Platz auf der Fensterbank den im Eingang wartenden Menschen. Und dann verlasse ich dieses heimelige Nest der healthy Superfoods und individualistischen Öko-Performer.

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Einsamkeit zwischen den Zeilen

Zwei Menschen. Zwei Geschichten.

Sie saßen zusammen
vor den Bildschirmen
ihrer Telefone

Und unterhielten sich
online mit Menschen,
die ihnen fremd waren.

Er schaute sie an
doch war in Gedanken
bei all den Frauen aus seiner App.

Und sie schaute ihn an
und dachte an den Mann,
der gerade ihr Profil angesehen hatte.

Und so trafen sich ihre Blicke
nie, weil sie immer wieder abglitten
in die Welt hinter der Scheibe.

FĂŒr eine Ewigkeit
verblieben sie in ihrer Starre
und bemerkten es nicht.

Ihre Herzen waren erfĂŒllt
von der Leere
externer BestÀtigung.

Ihre Körper waren erregt
von jeder Notification
und jedem Like.

Und ihre Seelen verbunden sich fĂŒr immer
mit der Unendlichkeit
des Internets.

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Menschen, die auf BĂŒcher starren

Manchmal in der U-Bahn fĂŒhle ich mich etwas verloren. Ich stehe dann dort und suche nach einem Menschen, der meinen Blick erwidert. Ich finde oft zahlreiche gesenkte Köpfe, welche mit leeren Gesichtern an tippenden und swipenden Fingern vorbei auf einen hell erleuchteten Bildschirm blicken. Das macht mich dann teilweise traurig, teilweise nachdenklich. Und dann erblicke ich vielleicht eines der selteneren Exemplare: Zwischen ihnen sitzt eine Gestalt mit einem Buch. Es gibt sie noch! Doch auch dieser Mensch schaut mich nicht an. Sein Blick ist genau so an das Papier geheftet wie die Blicke der anderen an ihre Smartphones. Hat sich also gar nichts verĂ€ndert? Wurde nur das Medium durch ein anderes ersetzt? Waren wir schon immer so?
Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Menschen – dem einen, welcher auf sein Handy starrt, und dem anderen, der auf sein Buch starrt? Ich möchte meinen, da gibt es nicht nur einen. Ich werde versuchen, mir das etwas genauer anzusehen. Und fĂŒr’s Erste beginne ich mit dem Buch.

Körper & Sterblichkeit

Gehe ich dabei von einem klassischen Buch aus, so stehen da Worte schwarz auf weißem Papier. Ein mancher wird vielleicht direkt schnaubend zum »Aber..« ansetzen und mir ist natĂŒrlich durchaus bewusst, dass es eine Menge Menschen gibt, die ihre LektĂŒre ĂŒber den E-Book-Reader konsumieren, aber diesen möchte ich fĂŒr’s Erste und fĂŒr den Vergleich aussparen. Eine Zeitung oder Ă€hnliche Erscheinungsformen sind natĂŒrlich grundsĂ€tzlich auch denkbar – in meiner Vorstellung spreche ich aber ĂŒber ein gebundenes Buch, gefĂŒllt mit Wörtern. Es besteht aus Papier und riecht auch so und wurde aus einem Baum oder aus recycelten Altpapier hergestellt. Und auch wenn Ersteres der Fall ist, so ist dies immerhin ein Rohstoff, der nachwĂ€chst und recyclebar ist.
Auf seinen Seiten stehen Buchstaben, die dem ihm mit einem Stift oder der Druckerpresse verliehen wurden. Und diese verbleiben auch in ihm – eine sehr ehrliche Eigenschaft. Der Text fließt ĂŒber seine Seiten vom Anfang bis zum Ende; und nur unser Geist mag ihn darĂŒber hinaus vervollstĂ€ndigen. Es ist also – zumindest aus der physischen Betrachtung – endlich. Ich kann es zwar wiederholt lesen und neue Dinge in oder zwischen den Zeilen finden, die Zeilen selbst allerdings bleiben die gleichen.

BĂŒcher bleiben lesbar, sofern ich ihre Sprache lesen kann und Licht auf sie fĂ€llt. Sie bleiben auf dieser Welt, und stehen uns zur VerfĂŒgung solange, bis sie sich auflösen – auf die ein oder die andere Art. Wasser macht ein Buch weich und bringt es zum Reißen, Feuer verschlingt es binnen Sekunden, und Zeit nagt an ihm, bis am Ende nichts mehr von ihm ĂŒbrig ist. Es ist somit ganz schön anfĂ€llig – man möchte fast sagen sterblich. Und so lebt nicht bloß sein Körper, nein, auch sein Inhalt ist der VergĂ€nglichkeit geweiht. Denn der physische Verfall reißt auch die Zeilen und ihren Inhalt mit in den Tod. Das Buch hat als Körper also eine organische Lebendigkeit. Es besteht aus einem Material, durch das NĂ€hrstoffe geflossen sind und welches durch die Kraft der Pflanze gewachsen ist. Im entfernten Sinne halten wir so ein StĂŒck Natur in unseren HĂ€nden.
Und es liegt wortwörtlich in unserer Hand, was damit passiert. Ich kann Seiten herausreißen oder einknicken, beschriften, bemalen, kopieren oder verschicken. Das Buch ist mir ausgesetzt. Es ist ein Gegenstand, den ich (scheinbar) besitzen kann, mir ins Regal stellen oder umhertragen kann – auch wenn das bei einigen BĂŒchern eine sportliche Angelegenheit werden kann. So werden manche BĂŒcher zu Begleitern, leisten uns Gesellschaft beim Warten, auf Reisen, auf Nachttischen und beim Einschlafen. Doch was macht diese Begleiter aus?

Der geistige Raum & seine Magie

Funktional gesehen ist ein Buch in erster Linie ein Speicher, eine Form der Kommunikation – es enthĂ€lt ErklĂ€rungen, Worte, Wissen, Gedanken, Geschichten. Ein Mensch schreibt seine Gedanken auf und holt sie in die physische Welt außerhalb seines Geistes. Er macht sie sichtbar und transferiert sie so auf ein Medium, von dem ein anderer Mensch sie aufgreifen kann. So entstehen bei den Lesenden neue Gedanken, GefĂŒhle und Bilder im Kopf. Das Buch kann natĂŒrlich inhaltlich von einem romantischen Roman, ĂŒber einen Thriller, eine Biografie bis hin zum Sachbuch alles sein. Aber die Art und Weise, wie es spricht, ist relativ eindeutig. Es spricht zumeist ĂŒber Worte, die in Zeilen in den Augen des Lesers kurz verweilen und dann durch Augen, Hirn und Herz langsam tiefer eindringen. Sich verweben mit den eigenen Gedanken. Mal laden sie zum Tanz ein und und mal fliegen sie in flĂŒchtiger Manier vorbei und winken nur freundlich zum Gruß. Sie stellen eine direkte Verbindung her zwischen dem Menschen, der sie mal verfasst hat, und dem Menschen, der sie nun liest. Diese Verbindung existiert jenseits von Zeit – ganz egal, ob der Autor es gestern geschrieben hat oder vor 10 Jahren, ob er noch lebt oder schon lange verblichen ist.

Das Buch ist also eine Zeitreise-Maschine fĂŒr Gedanken, ein GefĂ€hrt fĂŒr Ideen, um von einem Geistes-Hafen in den nĂ€chsten zu gelangen. Es ist eine Schatztruhe fĂŒr jene, die sich ihr mit dem SchlĂŒssel der Sprache und einem offenen Geist nĂ€hern.
Und manchmal packen die Gedanken den Menschen, der sie liest. Sie greifen durch seine Augen bis tief in ihn hinein und halten ihn gefesselt an ihren Fluss.
Und der Mensch, der sich diesem Gedankenstrom hingibt und sich von ihm mitreißen lĂ€sst, verliert darin seine Existenz in der realen Welt. Er sitzt, steht oder liegt zwar immer noch da, wo er es wĂ€hrend des Lesens tut, doch sein Geist ist fern und in einer anderen Welt. Es kann eine Flucht sein – wenn ich mich lieber in den Gedanken eines anderen aufhalte als in den eigenen. Und es kann eine Sucht sein, wenn ich sie verzehre, wenn sie mich vereinnahmen und durchströmen. Sie können Besitz von mir ergreifen. Und irgendwie werden sie in dem Moment, da ich sie lese, fĂŒr den Moment, da ich sie denke, die meinen. Sie werden ein Teil von mir – manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Und so können BĂŒcher Gedanken in großen Menschenmassen verbreiten. Gedanken jeglicher Art – mit Folgen jeglicher Art.

Ein Buch ist aber nicht ausschließlich das, was ein Autor oder eine Autorin ihm anvertraut, sondern genau so sehr auch das, was ein jeder Leser oder eine jede Leserin daraus interpretiert, fĂŒhlt, verdreht, versteht, erkennt und fortsetzt.
Die Seiten eines Buches öffnen eine TĂŒr. Und wenn ich sie durchschreite, betrete ich den Raum, den ein anderer Mensch errichtet hat. Dieser Raum ist ein Geschenk. Seine Beschaffenheit ist pur, denn er ist nur durch Worte errichtet – keine Stimme, kein bewegtes Bild, nichts, was ihn gestaltet, außer Sprache. Er reicht von der ersten Seite des Buches bis zur letzten. Alles, was darĂŒber hinausgeht, wird dann von mir, der Lesenden, ergĂ€nzt.
Ich kann in ihm wandeln, ihn betrachten, ihn fĂŒhlen. Und mein Geist, meine Fantasie kann ihn verĂ€ndern, ihm etwas hinzufĂŒgen. Oder aber der Raum fĂŒgt etwas zu meiner Fantasie hinzu. Er kann mich etwas lehren, mich inspirieren und mich zum Nachdenken anregen. Dieser Raum kann eine Welt eröffnen, in die ich mit ganzem Herzen eintauche.
Aber wie betrete ich diesen Raum? Und was passiert, wenn ich dort bin?

Starren & Lauschen

Die Zeit bleibt stehen, wenn ich lese. Ich verlasse die Zeit sogar irgendwie fĂŒr einen Moment – ebenso wie den physischen Raum, in dem ich im körperlichem Autopilot sitze.
Mein Körper verbleibt in einem Schon-Zustand, ĂŒbt sich in Stillstand. Vielleicht könnte man ein Buch auch als eine Entsagung von Multitasking in eine Art von AktivitĂ€ts-Monogamie betrachten. Die Augen schlendern ĂŒber die Zeilen, steigen Absatz fĂŒr Absatz hinab und werden hin und wieder von der umblĂ€tternden Hand auf die nĂ€chste Seite befördert. Sie lesen. Und sonst passiert nichts. Ist das nicht eine wunderschöne Einfachheit? Egal wie komplex der Inhalt oder der Raum sein mag, den das Buch öffnet – der SchlĂŒssel ist ein sehr einfacher Vorgang. Auch wenn ich bei genauerer Betrachtung feststelle, dass der Weg zum Lesen vielleicht gar nicht so simpel ist. Lesen zu lernen, eine Sprache zu lernen und auch das Thema und den jeweiligen Grad an KomplexitĂ€t zu verstehen, ist ein Privileg, dass nicht allen Menschen zu Teil wird. Es ist also vielleicht ein schlicht aussehender SchlĂŒssel – er ist jedoch aufwĂ€ndig in der Herstellung, passt nicht in jedes Buch und ist als Teil von Bildung noch immer vielen Menschen vorenthalten.
Ich bin dankbar, dass ich ihn habe und er mir so viele TĂŒren öffnet. Lesen ist fĂŒr mich ein Geschenk und eine sehr achtsame TĂ€tigkeit. Ich kenne aber auch ganz andere Leser und Leserinnen: gedanklich beschĂ€ftigte, die sich beim Lesen sehr konzentrieren, um nicht den Fokus zu verlieren, sprunghafte, die verschiedene Werke anlesen oder nur ĂŒberfliegen, oder zielstrebige, die versuchen, ein Buch in höherer Geschwindigkeit und möglichst effektiv »zu absolvieren«.

Vielleicht ist Lesen da ein bisschen wie Zuhören. So als hörte ich dem Autor oder der Autorin mit meinen Augen zu. Und es ist eine schöne Art des Zuhörens – denn ich erwidere nichts. Es ist kein Dialog.
Ich halte dies fĂŒr etwas, das wir vom Lesen mitnehmen können: Zuzuhören, um zu verstehen, nicht, um zu antworten.
Das Buch bringt dabei eine gewisse Stille und Reglosigkeit mit sich. Es begegnet uns Reiz arm. Ich meine damit nicht, dass es kein sinnliches Erlebnis ist. Schließlich sind es ja gerade Geruch, Haptik und das GerĂ€usch des UmblĂ€tterns, welche es von anderen Medien unterscheiden. Aber sein Wesen scheint unaufdringlich, ruhig und geduldig.
Und gehen wir davon aus, dass wir beim Lesen zuhören und auch davon, dass wir dabei einem Menschen oder seinen Gedanken aus der Vergangenheit zuhören, so ist das Buch oder Papier im alltĂ€glichen Gebrauch und in unserer heutigen Zeit das einzige Medium, auf dem dies offline und ohne eine Maschine oder Strom möglich ist. Das scheint erst mal ein banaler Faktor zu sein. Ich werde mich ihm aber noch in aller AusfĂŒhrlichkeit widmen. Zu erst jedoch endet meine Betrachtung des Buches an dieser Stelle.

*

Ich danke dir, dass du mir mit deinen Augen bis zum Ende zugehört hast. Dieser Text ist fern von einer objektiven Analyse. Er ist aus Liebe entstanden. Aus Liebe zu einem Medium, das viele Themen und Menschen an mich herangetragen und mich in diesem Leben bisher sehr bereichert hat.
Und es mag sein, dass ein Tag kommen wird, an dem auch ich meine Zeilen auf Papier betten werde. Meine Gedanken wĂŒrden jauchzen, wenn ihnen diese Ehre zu Teil wĂŒrde. Ihre Seele bekĂ€me einen Körper, und ihre Reise auf dieser Welt wĂŒrde real.
Und es wĂŒrde Menschen die Möglichkeit geben, diese Zeilen zu lesen, indem sie auf Papier blicken, statt auf einen Bildschirm. Ich wĂŒrde es tun fĂŒr all die Menschen, die auf BĂŒcher starren.

1

Was ist, wenn morgen alles vorbei ist?

Habe ich all die Dinge getan, die mir am Herzen liegen?
Habe ich genug Zeit mit denen verbracht, die mir nahe stehen und die ich liebe?
War ich wild genug?
War ich frei genug?
Habe ich genĂŒgend Zeit mit mir selbst verbracht?
Bin ich mit mir im Reinen?
War ich an den Orten, an denen ich sein wollte?
Bin ich an dem Ort, an dem ich sein will?
Habe ich genug geteilt?
Habe ich genug gegeben?
Habe ich gut genug zugehört?
Habe ich die Menschen um mich gesehen?
War ich offen genug?
War ich tolerant genug?
War ich dankbar genug?
Habe ich die Arbeit vollbracht, die mir Spaß macht?
Die mich erfĂŒllt?
Habe ich ein erfĂŒlltes Leben gelebt?
Habe ich auf mich geachtet?
Habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte?
Habe ich mich genĂŒgend selbstverwirklicht?
Habe ich genug getan, was mir einfach nur Spaß macht – ohne weiteren Grund?
Habe ich genug getanzt, gelacht, geliebt?
Habe ich genug vertraut?
War ich immer so ehrlich, wie ich es sein wollte?
War ich verletzlich genug?
Habe ich die Spuren hinterlassen, die ich hinterlassen wollte?
War ich fĂŒr andere der Mensch, der ich sein wollte?
War ich das gleiche fĂŒr mich selbst?
Habe ich gut fĂŒr mich gesorgt?
Habe ich meine Zeit gut genutzt?
War ich mir ihrer bewusst?
Habe ich genug diskutiert?
Habe ich genug gekÀmpft?
Habe ich genĂŒgend »richtige« Entscheidungen getroffen?
Und genĂŒgend »falsche«?
Habe ich genug gewagt?
Habe ich genug gefragt?
Habe ich mich selbst geliebt?
Weiß ich, wer ich bin?
Bin ich frei?

Kann ich all das mit Ja beantworten?
Und was bedeutet es, wenn nicht?

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Die Reise ins Land der Geduld

Warten hat fĂŒr mich etwas Magisches an sich. Es versetzte mich schon oft in einen Zustand, den ich frĂŒher als sehr unangenehm empfand, gab mir das GefĂŒhl, in der Schwebe zu hĂ€ngen, mich in den FĂ€ngen der Ungewissheit zu befinden, und ließ mich herbei sehnen, dass es vorĂŒber geht.

Wenn ich an Situationen denke, in denen ich in meinem Leben warten musste, passierte dies nicht nur unfreiwillig sondern oft auch unerwartet oder ungeplant. Ob an der Kasse, auf den Bus oder Zug, aufs Essen, auf ein Paket, auf Geld, Verabredungen oder Feedback – es waren Situationen, in denen sich Menschen, Dinge oder zeitliche AblĂ€ufe verspĂ€teten oder vielleicht generell eine zeitliche Erwartungshaltung gestört wurde.
Ich fĂŒhlte mich dabei irgendwie fremdbestimmt. Statt einer Situation, in der ich warten musste, hĂ€tte ich immer eine gewĂ€hlt, in der ich es nicht mĂŒsste. Im Normalfall hatte ich also keine andere Wahl, als zu warten oder aber von dem Erwarteten abzulassen. Machtlosigkeit oder Frustration – beides scheint kein angenehmer Umgang mit der Thematik. Wie kann ich also warten, ohne mich dabei schlecht zu fĂŒhlen?

Manchmal suchte ich mir einen »Zeitvertreib«, etwas, dass die Zeit vertreibt, etwas, durch das ich nicht merkte, wie die Zeit vergeht, das mich vergessen ließ, dass ich eigentlich wartete. Das ist eine Möglichkeit des Umgangs.
Aber warte ich dann wirklich noch? Wenn ich nicht mehr »aktiv warte« sondern mir eine andere BeschĂ€ftigung suche, als das Warten selbst, dann ĂŒbe ich ja diese BeschĂ€ftigung aus und nicht mehr das Warten. Wir sagen zwar »wir tun etwas, wĂ€hrend wir warten«, eigentlich mĂŒsste es aber vielleicht korrekter Weise heißen »wir tun etwas, statt zu warten«. Ich denke, man könnte das wirkliche Warten definieren als das bewusste Ertragen eines Zeitraumes, in dem nichts weiter passiert, als dass Zeit verstreicht. Eines Zeitraumes, in dem ich keine Handlung ergreife, um dieses Ertragen ertrĂ€glicher zu gestalten. Eines Zeitraumes, in dem ich nichts tue, außer in einer Erwartungshaltung zu verharren, und eine Art Stillstand akzeptiere.

Ich glaube, das könnte auch der Grund sein, warum es vielen Menschen – und das besonders in unserer Gesellschaft – widerstrebt zu warten: es verstreicht Zeit, ohne das etwas passiert. Ich kenne sie aus der Vergangenheit nur zu gut: Zeit, in der ich weder produktiv oder effektiv, ja noch nicht mal mit irgendwas beschĂ€ftigt war. Es ist eine Zeit, die mir sinnlos erschien oder vergeudet. Und von sinnloser vergeudeter Zeit wollte ich so wenig wie möglich in meinem Leben haben. Immerhin hatte ich eh schon das GefĂŒhl, als hĂ€tte ich fĂŒr nichts Zeit.

Wenn ich diese Tatsache so betrachte und in den Zusammenhang unseres Zeitwandels setze, sieht es so aus, als genieße Warten, je weiter wir uns entwickeln, einen stetig abfallenden Stellenwert. Die Welt »dreht sich schneller«, Wartezeiten werden durch Prozessoptimierungen und Digitalisierung verkĂŒrzt und wir lernen, dass alles immer sofort und auf Abruf verfĂŒgbar ist. Ich vermute, wir verlernen sogar fortwĂ€hrend die FĂ€higkeit zu warten. Ob es dabei um Transport, Liefer- und Öffnungszeiten oder um das Warten auf eine Antwort auf die letzte Whats-App-Nachricht geht, ist egal. Ungeduld wird zur Tugend. Geschwindigkeit und Wachstum zeugen von Strebsamkeit.

Das gilt nicht nur fĂŒr das Warten auf Input oder die Bewegung von außen, sondern ĂŒbertrĂ€gt sich auch auf das Warten mit der eigenen Reaktion. Ich verfiel bei jedwedem Reiz in Aktionismus und unmittelbares Reagieren. Das klingt erst einmal effizient, lĂ€sst aber einen wichtigen Aspekt auf der Strecke zurĂŒck: das Ab-Warten. Und Abwarten meint dabei, mir Raum zum Reflektieren, AbwĂ€gen, Nachdenken und Hinterfragen zu gewĂ€hren. Raum, der mir eine Zeitspanne zwischen Input und Output gibt, in der ich den Input verarbeiten, filtern, fĂŒhlen und re-kreieren kann. Wenn ich mir diesen Raum nicht gebe hat der Schöpfungsmoment, den ich sonst erfahre und an dem wahrscheinlich auch meine Inspiration ihre Wurzel findet, kaum die Möglichkeit, aus mir selbst herauszukommen, sondern ist viel öfter ein direktes Spiegeln von dem, was ich aufgenommen habe. Die Auseinandersetzung bleibt aus oder oberflĂ€chlich und hat kaum eine Chance auf Tiefe. Was auch immer mich eigentlich erreichen will oder soll, streift mich und verlĂ€sst mich dann hastig wieder. Oder ich schicke es weg, noch bevor es mich erreicht. Und so verschließe und verliere ich den Raum, in dem eine Auseinandersetzung hĂ€tte stattfinden können. Ich verliere die Möglichkeit, mich mit dem Input oder dem, was ist, zu verbinden. Ich verliere die Magie.

Worin aber besteht diese Magie?
Ich denke – und das schlĂ€gt auch eine BrĂŒcke zurĂŒck zum Warten – die Magie ist in diesem Falle das bewusste Erleben der Gegenwart. Den Blick nicht zum erwarteten Ereignis in die Zukunft schweifen zu lassen oder zu einem direkten Output zu streben, sondern vielmehr das Aushalten und Akzeptieren von »leerer Zeit«. Und damit meine ich nicht bloß »Verstreichen-Lassen von Zeit«, sondern genau so die Abwesenheit von Aktion und die Beobachtung des Momentes.
Es kostet mich immer noch manchmal große Überwindung, mir dies zuzugestehen. Ohne Aktion, Ziel oder Sinn einfach fĂŒr eine Weile zu sein. Und um diese Weile zu ertragen, braucht es Ausdauer und Gelassenheit. Es braucht Geduld.

Über die Geduld selbst könnte ich jetzt noch einmal ausschweifend sinnieren und das mag zu einem anderen Zeitpunkt auch noch mal passieren. An dieser Stelle möchte ich aber nur einmal anerkennen, dass Geduld mich nicht nur beim Warten unterstĂŒtzt. Geduld bedeutet nicht ausschließlich, geduldig mit Ă€ußeren EinflĂŒssen oder anderen zu sein, sondern auch mit mir selbst. Mit mir geduldig zu sein, mir selbst Zeit zuzugestehen und einen eigenen Rhythmus zu finden und zu leben, ist, nachdem ich auch Phasen in meinem Leben hatte, in denen mir nichts schnell genug gehen konnte, fĂŒr mich zu einer wahren Superkraft geworden.

Und Warten unterstĂŒtzt mich dabei: Es ist eine Ausbildung meiner Geduld. Ein Trainieren meiner Superkraft. Ein unfreiwilliges Geschenk des Inne-Haltens. Es ist die Eröffnung eines Raumes fĂŒr die Magie des Moments.

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Ein schöner Sonnenuntergang

Ein schöner Sonnenuntergang
ist nichts mehr wert, wenn ich ihn fang.
Er will durch meine Augen treten,
tief in mich hinein
und nicht nur Inhaftierter
von einem Foto sein.

Ich schau' ihn an und lad ihn ein,
in meiner Seele Gast zu sein.
Er dankt und gibt mir einen Kuss.
Und wenn man es so sehen mag.
ist dies der letzte Gruß
am Sterbebett vom Tag.

In dem Moment sagt er zu mir,
dass alles und wir alle mal vergeh'n,
und wir uns in KĂŒrze wieder seh'n.
Und nach dem Abschied und in diesem Wissen,
solle ich ihn nicht betrauern, nicht vermissen.

Und dann erlischt sein letzter Schein.
Und ich bin mit der Nacht allein.
Wach und blind und ohne Zeit.
Bleib ich zurĂŒck in Einsamkeit.

Ich weine.
Und mein Licht geht aus.
Und dann plötzlich,
sehe ich das seine.

Sein Licht erhellt des Mondes Blick.
Und dieser reicht es weiter.
Der Sonnenschein kommt nachts zurĂŒck.
Und begrĂŒĂŸt mich hell und heiter.

Ich merke nun, er ist nie fort.
Er ist nur viel auf Reise.
Und dank des Mondes Reflektion,
BerĂŒhrt er mich ganz leise.

Er tritt in meine Augen,
nimmt in meiner Seele Platz.
Und ich verwahre seine Strahlen,
wie einen lang ersehnten Schatz.

Ich lausche seiner WĂ€rme,
in meinem Herzen schwingt sein Klang.
Und so liebe ich den Mondschein
wie einen Sonnenuntergang.
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Die Entdeckung des Universums unterm Apfelbaum

Auf der Suche nach Schatten und einer Pause von den scharfen Strahlen der gleißenden Sonne fand ich einen Baum. Sie stand dort einfach so, voller Ruhe und Gelassenheit, ihre Äste ĂŒber Jahre in alle Richtungen streckend. Ihre Zweige, schwer von den neugeborenen FrĂŒchten, hingen herab und bildeten einen schĂŒtzenden Schirm, ein Zelt, einen neuen Himmel rund um mich herum. Wie ein Vorhang, der den Rest der Welt verbirgt. Wie eine Grenze, die dieser Baum zieht, als wĂŒrde sie sagen: »Dies ist alles, was du an Welt gerade brauchst.«
Und so akzeptiere ich ihre Welt fĂŒr diesen Moment als meine und setze mich nieder. Sie lĂ€sst gerade so viel Licht durch, wie ich es brauche – genug Helligkeit und WĂ€rme, ohne zu verbrennen oder zu schwitzen.

Ich bin am Boden – in einem wunderbaren Sinne. Ich sitze auf dem Boden, auf dem Gras, dem Moos, all den kleinen Pflanzen und Wesen.
Ich fange an, genauer hinzusehen. So viele verschiedene Arten von GewÀchsen.
Dann, wĂ€hrend ich jeden Halm und jedes Blatt fĂŒr sich betrachte, finde ich auf einmal eine unfassbare Weite. Es sind so viele. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich, wĂ€hrend ich hier sitze, wahrscheinlich eine ganze Menge von ihnen zerdrĂŒcken muss. Ich setze mich ein StĂŒck zur Seite und sehe, dass mein Körper einen Abdruck hinterlassen hat. Oh weh. Eben war diese Wiese fĂŒr mich noch ein Boden, jetzt scheint sie mir wie ein Wald – den ich zerdrĂŒckt habe.
Ich beobachte, wie jeder einzelne Grashalm sich wieder aufrichtet. Einer nach dem anderen zurĂŒckspringt in seiner ursprĂŒngliche Form. Mir wird bewusst, wie viel Kraft es sie kosten muss. Und dann wird mir bewusst, dass jeder dieser Halme und Moos-StrĂ€nge und jedes kleine PflĂ€nzchen die Kraft aufgewendet hat, aus einem Samen in der Erde an die OberflĂ€che zu stoßen und heranzuwachsen, um sich dann auszubreiten und zu vermehren. Ich betrachte die GewĂ€chse noch etwas nĂ€her und sehe die vielen kleinen liebevollen Details, mit denen sie versehen sind. Da sind einige BlĂ€tter, die HĂ€rchen haben, einige mit winzig kleinen Stacheln und manche stehen da mit einer BlĂŒte und tragen so einen kleinen Farbklecks. Ich sehe sattes GrĂŒn genau so wie einige vertrocknete Halme. Und dann sehe ich eine Ameise. Und eine kleine Spinne. Und daneben eine Assel. Und dann eine Spinne, die nur noch den Bruchteil der GrĂ¶ĂŸe der anderen Spinne hat. Um diese wirklich in ihrer Gestalt zu erkennen, brĂ€uchte ich ein VergrĂ¶ĂŸerungsglas. Und plötzlich sehe ich, dass sich alles in meinem Sichtfeld bewegt.

Überall krabbelt und wuselt es. Da sind minuziöse Spinnennetze und eine Straße von Ameisen, die an meinem Bein vorbeilĂ€uft. Eine der Ameisen ĂŒberwindet mein Bein – als sei es nur ein Zweig, der zufĂ€llig im Weg liegt, fast so, als wĂ€re mein Bein dort schon immer gewesen. Eine weitere Ameise tut es ihr nach. Ich merke ein Kribbeln an meinem Arm. Ein winziger KĂ€fer kĂ€mpft sich durch meine Arm-Behaarung und hat dabei sichtbare Schwierigkeiten, voran zu kommen. An meinem Oberschenkel schaut ein weiteres kleines Getier um die Ecke. Dann eine weitere Ameise. Und dann scheinen sie ĂŒberall.
Mein Körper und meine Kleidung sind hier und da mit kleinen Lebewesen bedeckt. Sie sind bei mir, weil ich bei ihnen bin. Ich habe mich hier in oder besser auf ihren Wald gesetzt. Habe mich in ihre Welt gesetzt. Bin ein Teil von ihr geworden. Wie ein Ast oder ein Stein oder Stamm oder Tier oder sonstiges, das in der Natur einen Teil ihrer Welt bildet und erkundet und erklommen wird.
Manche krabbeln ĂŒber mich, manche landen auf mir und fliegen dann wieder fort. Ich frage mich, ob es sie wohl interessiert, dass ich da bin bzw. ob es fĂŒr sie einen Unterschied macht, ob sie sich durch die Grashalme kĂ€mpfen oder durch meine Armbehaarung. Und dann wird mir bewusst, dass dies fĂŒr viele grĂ¶ĂŸere Tiere, die in der Natur leben, ganz normal ist. Anderes kleines Getier lebt auf ihnen und mit ihnen. Sie sind quasi dauerhaft besetzt und Lebensraum fĂŒr andere Tiere.

WĂ€hrend ich eine unfassbar kleine Spinne dabei beobachte, wie sie ĂŒber meine Haut krabbelt, stelle ich fest, dass es wahrscheinlich irgendwie Ă€hnlich unter meiner Haut aussieht und in mir drin. Denn dort fließt mein Blut und dort sitzen Zellen und Bakterien. Und alles bewegt sich und arbeitet und es laufen Prozesse ab, die mich so funktionieren lassen, wie ich es tue. Alles fließt und krabbelt und wĂ€chst.
Und meine Haaren scheinen mir plötzlich wie das Gras, auf dem ich sitze, und meine Arme und Beine wie die Äste, die der Baum ĂŒber mir ausstreckt.

Ich rette eine kleine Fliege aus meinem Tee und beobachte sie dabei, wie sie ihre Beine sortiert und versucht, such von der FlĂŒssigkeit zu befreien.

Ich lege mich hin. Und mir ist so bewusst, wie viel FlĂ€che mein Körper gerade einnehmen muss, wie viel Welt ich gerade unter mir zerdrĂŒcke. Aber diese Welt wird damit klarkommen. Ich bin ein Teil von ihr und ich kann nicht auf dieser Welt sein, ohne auf ihr zu sein. Jeder natĂŒrliche Untergrund ist voller Leben. Und solange mir keine FlĂŒgel wachsen (und selbst dann mĂŒsste ich irgendwann landen) komme ich da nicht drum herum. Wahrscheinlich ist vieles von diesem Leben unter mir so klein, dass es von mir gar nicht gestört wird sondern einfach so weiterlebt.

Und unter der OberflĂ€che geht es dann ja auch noch weiter: die Wurzeln von all dem Gras und den PflĂ€nzchen und die Wurzeln von grĂ¶ĂŸeren Pflanzen, kleine KĂ€fer, Spinnen, RegenwĂŒrmer, »große Kolosse« wie WĂŒhlmĂ€use oder MaulwĂŒrfe. Und wie tief es erst unter mir weitergeht. All diese Erdschichten. Mein Geist kann diese Vorstellung gar nicht vollziehen oder greifen.
Es ist eine merkwĂŒrdige Vorstellung, hier zu liegen und von »Tiefe unter mir« zu sprechen. Ich schwimme schließlich nicht auf dem Meer, sondern liege auf festem Boden. Und doch scheint es mir, so weit, wie ich mich von GrĂ¶ĂŸe und Relation getrennt habe, unter mir liege ein Raum, weit, groß, unendlich und sich meiner Vorstellungskraft entziehend. Ein Universum. Ein Universum unterm Apfelbaum.

Ach ja, der Apfelbaum. Ich habe sie fĂŒr einen Moment fast vergessen. Wie weit in die Tiefe ihre Wurzeln wohl ragen? Sie steht so fest und sicher im Erdreich und sie sieht aus, als wenn es ihr gut ginge. Als sei sie zufrieden. Und dann lege ich eine Hand an ihren Stamm.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es passiert erst mal nichts. Ich spĂŒre ihre Rinde. Und irgendwann spĂŒre ich meinen eigenen Puls. Mein Blut, wie es durch mich strömt. Und ich stelle mir vor, was unter ihrer Rinde ist, Ă€hnlich wie ich mir vorgestellt habe, was unter oder in meiner Haut passiert. Und ich stelle mir die gleichen Zell-Prozesse vor, ganz viele kleine sich bewegende Teilchen.
Die Prozesse, die in ihr ablaufen und sie wachsen lassen, sie BlĂ€tter, BlĂŒten und FrĂŒchte tragen lassen. Und je mehr und lĂ€nger ich ĂŒber diese kleinen Teilchen und die Teilchen in den Teilchen nachdenke, desto grĂ¶ĂŸer, weiter, tiefer wird der Raum, den ich mir unter der Rinde vorstelle.
Und dann wird mir bewusst, dass der Baum und auch ich das gleiche Universum in uns haben, das ich unter dem Gras erahnt habe, das sich unter mir im Meer auftun wĂŒrde und ĂŒber mir im Himmel. Es ist genauso in mir und nach innen wie um mich herum und in allem, was mich umgibt.

Ich habe ein bisschen das GefĂŒhl, innen und außen lösten sich auf. Als gĂ€be es kein Innen und Außen mehr sondern nur noch eins und den Abstand oder den Fokus, mit dem ich es betrachte. Die Perspektive, aus der ich beobachte. Und vor allem aber das Bewusstsein, mit dem ich es tue.

Denn wenn ich mir all diese Dinge nicht bewusst mache, dann sitze ich einfach nur im Schatten und schreibe einen Text.
Und genau damit werde ich jetzt aufhören.

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