Gedanken
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Gedanken

Einsamkeit zwischen den Zeilen

Zwei Menschen. Zwei Geschichten.

Sie saßen zusammen
vor den Bildschirmen
ihrer Telefone

Und unterhielten sich
online mit Menschen,
die ihnen fremd waren.

Er schaute sie an
doch war in Gedanken
bei all den Frauen aus seiner App.

Und sie schaute ihn an
und dachte an den Mann,
der gerade ihr Profil angesehen hatte.

Und so trafen sich ihre Blicke
nie, weil sie immer wieder abglitten
in die Welt hinter der Scheibe.

Für eine Ewigkeit
verblieben sie in ihrer Starre
und bemerkten es nicht.

Ihre Herzen waren erfüllt
von der Leere
externer Bestätigung.

Ihre Körper waren erregt
von jeder Notification
und jedem Like.

Und ihre Seelen verbunden sich für immer
mit der Unendlichkeit
des Internets.

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Menschen, die auf Bücher starren

Manchmal in der U-Bahn fühle ich mich etwas verloren. Ich stehe dann dort und suche nach einem Menschen, der meinen Blick erwidert. Ich finde oft zahlreiche gesenkte Köpfe, welche mit leeren Gesichtern an tippenden und swipenden Fingern vorbei auf einen hell erleuchteten Bildschirm blicken. Das macht mich dann teilweise traurig, teilweise nachdenklich. Und dann erblicke ich vielleicht eines der selteneren Exemplare: Zwischen ihnen sitzt eine Gestalt mit einem Buch. Es gibt sie noch! Doch auch dieser Mensch schaut mich nicht an. Sein Blick ist genau so an das Papier geheftet wie die Blicke der anderen an ihre Smartphones. Hat sich also gar nichts verändert? Wurde nur das Medium durch ein anderes ersetzt? Waren wir schon immer so?
Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Menschen – dem einen, welcher auf sein Handy starrt, und dem anderen, der auf sein Buch starrt? Ich möchte meinen, da gibt es nicht nur einen. Ich werde versuchen, mir das etwas genauer anzusehen. Und für’s Erste beginne ich mit dem Buch.

Körper & Sterblichkeit

Gehe ich dabei von einem klassischen Buch aus, so stehen da Worte schwarz auf weißem Papier. Ein mancher wird vielleicht direkt schnaubend zum »Aber..« ansetzen und mir ist natürlich durchaus bewusst, dass es eine Menge Menschen gibt, die ihre Lektüre über den E-Book-Reader konsumieren, aber diesen möchte ich für’s Erste und für den Vergleich aussparen. Eine Zeitung oder ähnliche Erscheinungsformen sind natürlich grundsätzlich auch denkbar – in meiner Vorstellung spreche ich aber über ein gebundenes Buch, gefüllt mit Wörtern. Es besteht aus Papier und riecht auch so und wurde aus einem Baum oder aus recycelten Altpapier hergestellt. Und auch wenn Ersteres der Fall ist, so ist dies immerhin ein Rohstoff, der nachwächst und recyclebar ist.
Auf seinen Seiten stehen Buchstaben, die dem ihm mit einem Stift oder der Druckerpresse verliehen wurden. Und diese verbleiben auch in ihm – eine sehr ehrliche Eigenschaft. Der Text fließt über seine Seiten vom Anfang bis zum Ende; und nur unser Geist mag ihn darüber hinaus vervollständigen. Es ist also – zumindest aus der physischen Betrachtung – endlich. Ich kann es zwar wiederholt lesen und neue Dinge in oder zwischen den Zeilen finden, die Zeilen selbst allerdings bleiben die gleichen.

Bücher bleiben lesbar, sofern ich ihre Sprache lesen kann und Licht auf sie fällt. Sie bleiben auf dieser Welt, und stehen uns zur Verfügung solange, bis sie sich auflösen – auf die ein oder die andere Art. Wasser macht ein Buch weich und bringt es zum Reißen, Feuer verschlingt es binnen Sekunden, und Zeit nagt an ihm, bis am Ende nichts mehr von ihm übrig ist. Es ist somit ganz schön anfällig – man möchte fast sagen sterblich. Und so lebt nicht bloß sein Körper, nein, auch sein Inhalt ist der Vergänglichkeit geweiht. Denn der physische Verfall reißt auch die Zeilen und ihren Inhalt mit in den Tod. Das Buch hat als Körper also eine organische Lebendigkeit. Es besteht aus einem Material, durch das Nährstoffe geflossen sind und welches durch die Kraft der Pflanze gewachsen ist. Im entfernten Sinne halten wir so ein Stück Natur in unseren Händen.
Und es liegt wortwörtlich in unserer Hand, was damit passiert. Ich kann Seiten herausreißen oder einknicken, beschriften, bemalen, kopieren oder verschicken. Das Buch ist mir ausgesetzt. Es ist ein Gegenstand, den ich (scheinbar) besitzen kann, mir ins Regal stellen oder umhertragen kann – auch wenn das bei einigen Büchern eine sportliche Angelegenheit werden kann. So werden manche Bücher zu Begleitern, leisten uns Gesellschaft beim Warten, auf Reisen, auf Nachttischen und beim Einschlafen. Doch was macht diese Begleiter aus?

Der geistige Raum & seine Magie

Funktional gesehen ist ein Buch in erster Linie ein Speicher, eine Form der Kommunikation – es enthält Erklärungen, Worte, Wissen, Gedanken, Geschichten. Ein Mensch schreibt seine Gedanken auf und holt sie in die physische Welt außerhalb seines Geistes. Er macht sie sichtbar und transferiert sie so auf ein Medium, von dem ein anderer Mensch sie aufgreifen kann. So entstehen bei den Lesenden neue Gedanken, Gefühle und Bilder im Kopf. Das Buch kann natürlich inhaltlich von einem romantischen Roman, über einen Thriller, eine Biografie bis hin zum Sachbuch alles sein. Aber die Art und Weise, wie es spricht, ist relativ eindeutig. Es spricht zumeist über Worte, die in Zeilen in den Augen des Lesers kurz verweilen und dann durch Augen, Hirn und Herz langsam tiefer eindringen. Sich verweben mit den eigenen Gedanken. Mal laden sie zum Tanz ein und und mal fliegen sie in flüchtiger Manier vorbei und winken nur freundlich zum Gruß. Sie stellen eine direkte Verbindung her zwischen dem Menschen, der sie mal verfasst hat, und dem Menschen, der sie nun liest. Diese Verbindung existiert jenseits von Zeit – ganz egal, ob der Autor es gestern geschrieben hat oder vor 10 Jahren, ob er noch lebt oder schon lange verblichen ist.

Das Buch ist also eine Zeitreise-Maschine für Gedanken, ein Gefährt für Ideen, um von einem Geistes-Hafen in den nächsten zu gelangen. Es ist eine Schatztruhe für jene, die sich ihr mit dem Schlüssel der Sprache und einem offenen Geist nähern.
Und manchmal packen die Gedanken den Menschen, der sie liest. Sie greifen durch seine Augen bis tief in ihn hinein und halten ihn gefesselt an ihren Fluss.
Und der Mensch, der sich diesem Gedankenstrom hingibt und sich von ihm mitreißen lässt, verliert darin seine Existenz in der realen Welt. Er sitzt, steht oder liegt zwar immer noch da, wo er es während des Lesens tut, doch sein Geist ist fern und in einer anderen Welt. Es kann eine Flucht sein – wenn ich mich lieber in den Gedanken eines anderen aufhalte als in den eigenen. Und es kann eine Sucht sein, wenn ich sie verzehre, wenn sie mich vereinnahmen und durchströmen. Sie können Besitz von mir ergreifen. Und irgendwie werden sie in dem Moment, da ich sie lese, für den Moment, da ich sie denke, die meinen. Sie werden ein Teil von mir – manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Und so können Bücher Gedanken in großen Menschenmassen verbreiten. Gedanken jeglicher Art – mit Folgen jeglicher Art.

Ein Buch ist aber nicht ausschließlich das, was ein Autor oder eine Autorin ihm anvertraut, sondern genau so sehr auch das, was ein jeder Leser oder eine jede Leserin daraus interpretiert, fühlt, verdreht, versteht, erkennt und fortsetzt.
Die Seiten eines Buches öffnen eine Tür. Und wenn ich sie durchschreite, betrete ich den Raum, den ein anderer Mensch errichtet hat. Dieser Raum ist ein Geschenk. Seine Beschaffenheit ist pur, denn er ist nur durch Worte errichtet – keine Stimme, kein bewegtes Bild, nichts, was ihn gestaltet, außer Sprache. Er reicht von der ersten Seite des Buches bis zur letzten. Alles, was darüber hinausgeht, wird dann von mir, der Lesenden, ergänzt.
Ich kann in ihm wandeln, ihn betrachten, ihn fühlen. Und mein Geist, meine Fantasie kann ihn verändern, ihm etwas hinzufügen. Oder aber der Raum fügt etwas zu meiner Fantasie hinzu. Er kann mich etwas lehren, mich inspirieren und mich zum Nachdenken anregen. Dieser Raum kann eine Welt eröffnen, in die ich mit ganzem Herzen eintauche.
Aber wie betrete ich diesen Raum? Und was passiert, wenn ich dort bin?

Starren & Lauschen

Die Zeit bleibt stehen, wenn ich lese. Ich verlasse die Zeit sogar irgendwie für einen Moment – ebenso wie den physischen Raum, in dem ich im körperlichem Autopilot sitze.
Mein Körper verbleibt in einem Schon-Zustand, übt sich in Stillstand. Vielleicht könnte man ein Buch auch als eine Entsagung von Multitasking in eine Art von Aktivitäts-Monogamie betrachten. Die Augen schlendern über die Zeilen, steigen Absatz für Absatz hinab und werden hin und wieder von der umblätternden Hand auf die nächste Seite befördert. Sie lesen. Und sonst passiert nichts. Ist das nicht eine wunderschöne Einfachheit? Egal wie komplex der Inhalt oder der Raum sein mag, den das Buch öffnet – der Schlüssel ist ein sehr einfacher Vorgang. Auch wenn ich bei genauerer Betrachtung feststelle, dass der Weg zum Lesen vielleicht gar nicht so simpel ist. Lesen zu lernen, eine Sprache zu lernen und auch das Thema und den jeweiligen Grad an Komplexität zu verstehen, ist ein Privileg, dass nicht allen Menschen zu Teil wird. Es ist also vielleicht ein schlicht aussehender Schlüssel – er ist jedoch aufwändig in der Herstellung, passt nicht in jedes Buch und ist als Teil von Bildung noch immer vielen Menschen vorenthalten.
Ich bin dankbar, dass ich ihn habe und er mir so viele Türen öffnet. Lesen ist für mich ein Geschenk und eine sehr achtsame Tätigkeit. Ich kenne aber auch ganz andere Leser und Leserinnen: gedanklich beschäftigte, die sich beim Lesen sehr konzentrieren, um nicht den Fokus zu verlieren, sprunghafte, die verschiedene Werke anlesen oder nur überfliegen, oder zielstrebige, die versuchen, ein Buch in höherer Geschwindigkeit und möglichst effektiv »zu absolvieren«.

Vielleicht ist Lesen da ein bisschen wie Zuhören. So als hörte ich dem Autor oder der Autorin mit meinen Augen zu. Und es ist eine schöne Art des Zuhörens – denn ich erwidere nichts. Es ist kein Dialog.
Ich halte dies für etwas, das wir vom Lesen mitnehmen können: Zuzuhören, um zu verstehen, nicht, um zu antworten.
Das Buch bringt dabei eine gewisse Stille und Reglosigkeit mit sich. Es begegnet uns Reiz arm. Ich meine damit nicht, dass es kein sinnliches Erlebnis ist. Schließlich sind es ja gerade Geruch, Haptik und das Geräusch des Umblätterns, welche es von anderen Medien unterscheiden. Aber sein Wesen scheint unaufdringlich, ruhig und geduldig.
Und gehen wir davon aus, dass wir beim Lesen zuhören und auch davon, dass wir dabei einem Menschen oder seinen Gedanken aus der Vergangenheit zuhören, so ist das Buch oder Papier im alltäglichen Gebrauch und in unserer heutigen Zeit das einzige Medium, auf dem dies offline und ohne eine Maschine oder Strom möglich ist. Das scheint erst mal ein banaler Faktor zu sein. Ich werde mich ihm aber noch in aller Ausführlichkeit widmen. Zu erst jedoch endet meine Betrachtung des Buches an dieser Stelle.

*

Ich danke dir, dass du mir mit deinen Augen bis zum Ende zugehört hast. Dieser Text ist fern von einer objektiven Analyse. Er ist aus Liebe entstanden. Aus Liebe zu einem Medium, das viele Themen und Menschen an mich herangetragen und mich in diesem Leben bisher sehr bereichert hat.
Und es mag sein, dass ein Tag kommen wird, an dem auch ich meine Zeilen auf Papier betten werde. Meine Gedanken würden jauchzen, wenn ihnen diese Ehre zu Teil würde. Ihre Seele bekäme einen Körper, und ihre Reise auf dieser Welt würde real.
Und es würde Menschen die Möglichkeit geben, diese Zeilen zu lesen, indem sie auf Papier blicken, statt auf einen Bildschirm. Ich würde es tun für all die Menschen, die auf Bücher starren.

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Was ist, wenn morgen alles vorbei ist?

Habe ich all die Dinge getan, die mir am Herzen liegen?
Habe ich genug Zeit mit denen verbracht, die mir nahe stehen und die ich liebe?
War ich wild genug?
War ich frei genug?
Habe ich genügend Zeit mit mir selbst verbracht?
Bin ich mit mir im Reinen?
War ich an den Orten, an denen ich sein wollte?
Bin ich an dem Ort, an dem ich sein will?
Habe ich genug geteilt?
Habe ich genug gegeben?
Habe ich gut genug zugehört?
Habe ich die Menschen um mich gesehen?
War ich offen genug?
War ich tolerant genug?
War ich dankbar genug?
Habe ich die Arbeit vollbracht, die mir Spaß macht?
Die mich erfüllt?
Habe ich ein erfülltes Leben gelebt?
Habe ich auf mich geachtet?
Habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte?
Habe ich mich genügend selbstverwirklicht?
Habe ich genug getan, was mir einfach nur Spaß macht – ohne weiteren Grund?
Habe ich genug getanzt, gelacht, geliebt?
Habe ich genug vertraut?
War ich immer so ehrlich, wie ich es sein wollte?
War ich verletzlich genug?
Habe ich die Spuren hinterlassen, die ich hinterlassen wollte?
War ich für andere der Mensch, der ich sein wollte?
War ich das gleiche für mich selbst?
Habe ich gut für mich gesorgt?
Habe ich meine Zeit gut genutzt?
War ich mir ihrer bewusst?
Habe ich genug diskutiert?
Habe ich genug gekämpft?
Habe ich genügend »richtige« Entscheidungen getroffen?
Und genügend »falsche«?
Habe ich genug gewagt?
Habe ich genug gefragt?
Habe ich mich selbst geliebt?
Weiß ich, wer ich bin?
Bin ich frei?

Kann ich all das mit Ja beantworten?
Und was bedeutet es, wenn nicht?

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Die Reise ins Land der Geduld

Warten hat für mich etwas Magisches an sich. Es versetzte mich schon oft in einen Zustand, den ich früher als sehr unangenehm empfand, gab mir das Gefühl, in der Schwebe zu hängen, mich in den Fängen der Ungewissheit zu befinden, und ließ mich herbei sehnen, dass es vorüber geht.

Wenn ich an Situationen denke, in denen ich in meinem Leben warten musste, passierte dies nicht nur unfreiwillig sondern oft auch unerwartet oder ungeplant. Ob an der Kasse, auf den Bus oder Zug, aufs Essen, auf ein Paket, auf Geld, Verabredungen oder Feedback – es waren Situationen, in denen sich Menschen, Dinge oder zeitliche Abläufe verspäteten oder vielleicht generell eine zeitliche Erwartungshaltung gestört wurde.
Ich fühlte mich dabei irgendwie fremdbestimmt. Statt einer Situation, in der ich warten musste, hätte ich immer eine gewählt, in der ich es nicht müsste. Im Normalfall hatte ich also keine andere Wahl, als zu warten oder aber von dem Erwarteten abzulassen. Machtlosigkeit oder Frustration – beides scheint kein angenehmer Umgang mit der Thematik. Wie kann ich also warten, ohne mich dabei schlecht zu fühlen?

Manchmal suchte ich mir einen »Zeitvertreib«, etwas, dass die Zeit vertreibt, etwas, durch das ich nicht merkte, wie die Zeit vergeht, das mich vergessen ließ, dass ich eigentlich wartete. Das ist eine Möglichkeit des Umgangs.
Aber warte ich dann wirklich noch? Wenn ich nicht mehr »aktiv warte« sondern mir eine andere Beschäftigung suche, als das Warten selbst, dann übe ich ja diese Beschäftigung aus und nicht mehr das Warten. Wir sagen zwar »wir tun etwas, während wir warten«, eigentlich müsste es aber vielleicht korrekter Weise heißen »wir tun etwas, statt zu warten«. Ich denke, man könnte das wirkliche Warten definieren als das bewusste Ertragen eines Zeitraumes, in dem nichts weiter passiert, als dass Zeit verstreicht. Eines Zeitraumes, in dem ich keine Handlung ergreife, um dieses Ertragen erträglicher zu gestalten. Eines Zeitraumes, in dem ich nichts tue, außer in einer Erwartungshaltung zu verharren, und eine Art Stillstand akzeptiere.

Ich glaube, das könnte auch der Grund sein, warum es vielen Menschen – und das besonders in unserer Gesellschaft – widerstrebt zu warten: es verstreicht Zeit, ohne das etwas passiert. Ich kenne sie aus der Vergangenheit nur zu gut: Zeit, in der ich weder produktiv oder effektiv, ja noch nicht mal mit irgendwas beschäftigt war. Es ist eine Zeit, die mir sinnlos erschien oder vergeudet. Und von sinnloser vergeudeter Zeit wollte ich so wenig wie möglich in meinem Leben haben. Immerhin hatte ich eh schon das Gefühl, als hätte ich für nichts Zeit.

Wenn ich diese Tatsache so betrachte und in den Zusammenhang unseres Zeitwandels setze, sieht es so aus, als genieße Warten, je weiter wir uns entwickeln, einen stetig abfallenden Stellenwert. Die Welt »dreht sich schneller«, Wartezeiten werden durch Prozessoptimierungen und Digitalisierung verkürzt und wir lernen, dass alles immer sofort und auf Abruf verfügbar ist. Ich vermute, wir verlernen sogar fortwährend die Fähigkeit zu warten. Ob es dabei um Transport, Liefer- und Öffnungszeiten oder um das Warten auf eine Antwort auf die letzte Whats-App-Nachricht geht, ist egal. Ungeduld wird zur Tugend. Geschwindigkeit und Wachstum zeugen von Strebsamkeit.

Das gilt nicht nur für das Warten auf Input oder die Bewegung von außen, sondern überträgt sich auch auf das Warten mit der eigenen Reaktion. Ich verfiel bei jedwedem Reiz in Aktionismus und unmittelbares Reagieren. Das klingt erst einmal effizient, lässt aber einen wichtigen Aspekt auf der Strecke zurück: das Ab-Warten. Und Abwarten meint dabei, mir Raum zum Reflektieren, Abwägen, Nachdenken und Hinterfragen zu gewähren. Raum, der mir eine Zeitspanne zwischen Input und Output gibt, in der ich den Input verarbeiten, filtern, fühlen und re-kreieren kann. Wenn ich mir diesen Raum nicht gebe hat der Schöpfungsmoment, den ich sonst erfahre und an dem wahrscheinlich auch meine Inspiration ihre Wurzel findet, kaum die Möglichkeit, aus mir selbst herauszukommen, sondern ist viel öfter ein direktes Spiegeln von dem, was ich aufgenommen habe. Die Auseinandersetzung bleibt aus oder oberflächlich und hat kaum eine Chance auf Tiefe. Was auch immer mich eigentlich erreichen will oder soll, streift mich und verlässt mich dann hastig wieder. Oder ich schicke es weg, noch bevor es mich erreicht. Und so verschließe und verliere ich den Raum, in dem eine Auseinandersetzung hätte stattfinden können. Ich verliere die Möglichkeit, mich mit dem Input oder dem, was ist, zu verbinden. Ich verliere die Magie.

Worin aber besteht diese Magie?
Ich denke – und das schlägt auch eine Brücke zurück zum Warten – die Magie ist in diesem Falle das bewusste Erleben der Gegenwart. Den Blick nicht zum erwarteten Ereignis in die Zukunft schweifen zu lassen oder zu einem direkten Output zu streben, sondern vielmehr das Aushalten und Akzeptieren von »leerer Zeit«. Und damit meine ich nicht bloß »Verstreichen-Lassen von Zeit«, sondern genau so die Abwesenheit von Aktion und die Beobachtung des Momentes.
Es kostet mich immer noch manchmal große Überwindung, mir dies zuzugestehen. Ohne Aktion, Ziel oder Sinn einfach für eine Weile zu sein. Und um diese Weile zu ertragen, braucht es Ausdauer und Gelassenheit. Es braucht Geduld.

Über die Geduld selbst könnte ich jetzt noch einmal ausschweifend sinnieren und das mag zu einem anderen Zeitpunkt auch noch mal passieren. An dieser Stelle möchte ich aber nur einmal anerkennen, dass Geduld mich nicht nur beim Warten unterstützt. Geduld bedeutet nicht ausschließlich, geduldig mit äußeren Einflüssen oder anderen zu sein, sondern auch mit mir selbst. Mit mir geduldig zu sein, mir selbst Zeit zuzugestehen und einen eigenen Rhythmus zu finden und zu leben, ist, nachdem ich auch Phasen in meinem Leben hatte, in denen mir nichts schnell genug gehen konnte, für mich zu einer wahren Superkraft geworden.

Und Warten unterstützt mich dabei: Es ist eine Ausbildung meiner Geduld. Ein Trainieren meiner Superkraft. Ein unfreiwilliges Geschenk des Inne-Haltens. Es ist die Eröffnung eines Raumes für die Magie des Moments.

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Ein schöner Sonnenuntergang

Ein schöner Sonnenuntergang
ist nichts mehr wert, wenn ich ihn fang.
Er will durch meine Augen treten,
tief in mich hinein
und nicht nur Inhaftierter
von einem Foto sein.

Ich schau' ihn an und lad ihn ein,
in meiner Seele Gast zu sein.
Er dankt und gibt mir einen Kuss.
Und wenn man es so sehen mag.
ist dies der letzte Gruß
am Sterbebett vom Tag.

In dem Moment sagt er zu mir,
dass alles und wir alle mal vergeh'n,
und wir uns in Kürze wieder seh'n.
Und nach dem Abschied und in diesem Wissen,
solle ich ihn nicht betrauern, nicht vermissen.

Und dann erlischt sein letzter Schein.
Und ich bin mit der Nacht allein.
Wach und blind und ohne Zeit.
Bleib ich zurück in Einsamkeit.

Ich weine.
Und mein Licht geht aus.
Und dann plötzlich,
sehe ich das seine.

Sein Licht erhellt des Mondes Blick.
Und dieser reicht es weiter.
Der Sonnenschein kommt nachts zurück.
Und begrüßt mich hell und heiter.

Ich merke nun, er ist nie fort.
Er ist nur viel auf Reise.
Und dank des Mondes Reflektion,
Berührt er mich ganz leise.

Er tritt in meine Augen,
nimmt in meiner Seele Platz.
Und ich verwahre seine Strahlen,
wie einen lang ersehnten Schatz.

Ich lausche seiner Wärme,
in meinem Herzen schwingt sein Klang.
Und so liebe ich den Mondschein
wie einen Sonnenuntergang.
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Die Entdeckung des Universums unterm Apfelbaum

Auf der Suche nach Schatten und einer Pause von den scharfen Strahlen der gleißenden Sonne fand ich einen Baum. Sie stand dort einfach so, voller Ruhe und Gelassenheit, ihre Äste über Jahre in alle Richtungen streckend. Ihre Zweige, schwer von den neugeborenen Früchten, hingen herab und bildeten einen schützenden Schirm, ein Zelt, einen neuen Himmel rund um mich herum. Wie ein Vorhang, der den Rest der Welt verbirgt. Wie eine Grenze, die dieser Baum zieht, als würde sie sagen: »Dies ist alles, was du an Welt gerade brauchst.«
Und so akzeptiere ich ihre Welt für diesen Moment als meine und setze mich nieder. Sie lässt gerade so viel Licht durch, wie ich es brauche – genug Helligkeit und Wärme, ohne zu verbrennen oder zu schwitzen.

Ich bin am Boden – in einem wunderbaren Sinne. Ich sitze auf dem Boden, auf dem Gras, dem Moos, all den kleinen Pflanzen und Wesen.
Ich fange an, genauer hinzusehen. So viele verschiedene Arten von Gewächsen.
Dann, während ich jeden Halm und jedes Blatt für sich betrachte, finde ich auf einmal eine unfassbare Weite. Es sind so viele. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich, während ich hier sitze, wahrscheinlich eine ganze Menge von ihnen zerdrücken muss. Ich setze mich ein Stück zur Seite und sehe, dass mein Körper einen Abdruck hinterlassen hat. Oh weh. Eben war diese Wiese für mich noch ein Boden, jetzt scheint sie mir wie ein Wald – den ich zerdrückt habe.
Ich beobachte, wie jeder einzelne Grashalm sich wieder aufrichtet. Einer nach dem anderen zurückspringt in seiner ursprüngliche Form. Mir wird bewusst, wie viel Kraft es sie kosten muss. Und dann wird mir bewusst, dass jeder dieser Halme und Moos-Stränge und jedes kleine Pflänzchen die Kraft aufgewendet hat, aus einem Samen in der Erde an die Oberfläche zu stoßen und heranzuwachsen, um sich dann auszubreiten und zu vermehren. Ich betrachte die Gewächse noch etwas näher und sehe die vielen kleinen liebevollen Details, mit denen sie versehen sind. Da sind einige Blätter, die Härchen haben, einige mit winzig kleinen Stacheln und manche stehen da mit einer Blüte und tragen so einen kleinen Farbklecks. Ich sehe sattes Grün genau so wie einige vertrocknete Halme. Und dann sehe ich eine Ameise. Und eine kleine Spinne. Und daneben eine Assel. Und dann eine Spinne, die nur noch den Bruchteil der Größe der anderen Spinne hat. Um diese wirklich in ihrer Gestalt zu erkennen, bräuchte ich ein Vergrößerungsglas. Und plötzlich sehe ich, dass sich alles in meinem Sichtfeld bewegt.

Überall krabbelt und wuselt es. Da sind minuziöse Spinnennetze und eine Straße von Ameisen, die an meinem Bein vorbeiläuft. Eine der Ameisen überwindet mein Bein – als sei es nur ein Zweig, der zufällig im Weg liegt, fast so, als wäre mein Bein dort schon immer gewesen. Eine weitere Ameise tut es ihr nach. Ich merke ein Kribbeln an meinem Arm. Ein winziger Käfer kämpft sich durch meine Arm-Behaarung und hat dabei sichtbare Schwierigkeiten, voran zu kommen. An meinem Oberschenkel schaut ein weiteres kleines Getier um die Ecke. Dann eine weitere Ameise. Und dann scheinen sie überall.
Mein Körper und meine Kleidung sind hier und da mit kleinen Lebewesen bedeckt. Sie sind bei mir, weil ich bei ihnen bin. Ich habe mich hier in oder besser auf ihren Wald gesetzt. Habe mich in ihre Welt gesetzt. Bin ein Teil von ihr geworden. Wie ein Ast oder ein Stein oder Stamm oder Tier oder sonstiges, das in der Natur einen Teil ihrer Welt bildet und erkundet und erklommen wird.
Manche krabbeln über mich, manche landen auf mir und fliegen dann wieder fort. Ich frage mich, ob es sie wohl interessiert, dass ich da bin bzw. ob es für sie einen Unterschied macht, ob sie sich durch die Grashalme kämpfen oder durch meine Armbehaarung. Und dann wird mir bewusst, dass dies für viele größere Tiere, die in der Natur leben, ganz normal ist. Anderes kleines Getier lebt auf ihnen und mit ihnen. Sie sind quasi dauerhaft besetzt und Lebensraum für andere Tiere.

Während ich eine unfassbar kleine Spinne dabei beobachte, wie sie über meine Haut krabbelt, stelle ich fest, dass es wahrscheinlich irgendwie ähnlich unter meiner Haut aussieht und in mir drin. Denn dort fließt mein Blut und dort sitzen Zellen und Bakterien. Und alles bewegt sich und arbeitet und es laufen Prozesse ab, die mich so funktionieren lassen, wie ich es tue. Alles fließt und krabbelt und wächst.
Und meine Haaren scheinen mir plötzlich wie das Gras, auf dem ich sitze, und meine Arme und Beine wie die Äste, die der Baum über mir ausstreckt.

Ich rette eine kleine Fliege aus meinem Tee und beobachte sie dabei, wie sie ihre Beine sortiert und versucht, such von der Flüssigkeit zu befreien.

Ich lege mich hin. Und mir ist so bewusst, wie viel Fläche mein Körper gerade einnehmen muss, wie viel Welt ich gerade unter mir zerdrücke. Aber diese Welt wird damit klarkommen. Ich bin ein Teil von ihr und ich kann nicht auf dieser Welt sein, ohne auf ihr zu sein. Jeder natürliche Untergrund ist voller Leben. Und solange mir keine Flügel wachsen (und selbst dann müsste ich irgendwann landen) komme ich da nicht drum herum. Wahrscheinlich ist vieles von diesem Leben unter mir so klein, dass es von mir gar nicht gestört wird sondern einfach so weiterlebt.

Und unter der Oberfläche geht es dann ja auch noch weiter: die Wurzeln von all dem Gras und den Pflänzchen und die Wurzeln von größeren Pflanzen, kleine Käfer, Spinnen, Regenwürmer, »große Kolosse« wie Wühlmäuse oder Maulwürfe. Und wie tief es erst unter mir weitergeht. All diese Erdschichten. Mein Geist kann diese Vorstellung gar nicht vollziehen oder greifen.
Es ist eine merkwürdige Vorstellung, hier zu liegen und von »Tiefe unter mir« zu sprechen. Ich schwimme schließlich nicht auf dem Meer, sondern liege auf festem Boden. Und doch scheint es mir, so weit, wie ich mich von Größe und Relation getrennt habe, unter mir liege ein Raum, weit, groß, unendlich und sich meiner Vorstellungskraft entziehend. Ein Universum. Ein Universum unterm Apfelbaum.

Ach ja, der Apfelbaum. Ich habe sie für einen Moment fast vergessen. Wie weit in die Tiefe ihre Wurzeln wohl ragen? Sie steht so fest und sicher im Erdreich und sie sieht aus, als wenn es ihr gut ginge. Als sei sie zufrieden. Und dann lege ich eine Hand an ihren Stamm.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es passiert erst mal nichts. Ich spüre ihre Rinde. Und irgendwann spüre ich meinen eigenen Puls. Mein Blut, wie es durch mich strömt. Und ich stelle mir vor, was unter ihrer Rinde ist, ähnlich wie ich mir vorgestellt habe, was unter oder in meiner Haut passiert. Und ich stelle mir die gleichen Zell-Prozesse vor, ganz viele kleine sich bewegende Teilchen.
Die Prozesse, die in ihr ablaufen und sie wachsen lassen, sie Blätter, Blüten und Früchte tragen lassen. Und je mehr und länger ich über diese kleinen Teilchen und die Teilchen in den Teilchen nachdenke, desto größer, weiter, tiefer wird der Raum, den ich mir unter der Rinde vorstelle.
Und dann wird mir bewusst, dass der Baum und auch ich das gleiche Universum in uns haben, das ich unter dem Gras erahnt habe, das sich unter mir im Meer auftun würde und über mir im Himmel. Es ist genauso in mir und nach innen wie um mich herum und in allem, was mich umgibt.

Ich habe ein bisschen das Gefühl, innen und außen lösten sich auf. Als gäbe es kein Innen und Außen mehr sondern nur noch eins und den Abstand oder den Fokus, mit dem ich es betrachte. Die Perspektive, aus der ich beobachte. Und vor allem aber das Bewusstsein, mit dem ich es tue.

Denn wenn ich mir all diese Dinge nicht bewusst mache, dann sitze ich einfach nur im Schatten und schreibe einen Text.
Und genau damit werde ich jetzt aufhören.

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Reflection

When your inside is out,
And your head full of clouds,
When you’re feeling in pain,
And your tears are like rain,
When you’re far from the light,
And the distance feels tight,
When you don’t know your way,
When your vision is gray,
You feel empty and lone,
And you can’t find your home,

Stay calm, breathe in and see:

There is no light without the dark.
You cannot loose, what’s in your heart.
There’ll always be the up and down.
And a time when those will turn around.

Feel, observe and be.
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Voyage

Meeting the light on the way.
Fearless flowing around.
Lighting up the dark spots,
Leaving blind ones behind.

Telling you stories and what it has seen.
About deepest darkness and where it has been.
Telling you to see the truth.
About the world, about yourself.

You travel together.
The light is your guide.
You wake up together, you rest together.
The light is always at your side.

Days pass and then weeks.
And then time passes and disappears.
Light becomes your compass.
Light takes of all your fears.

It meets your eye.
And then the second and the third.
And then it shines through and through.
And you finally see. And you let go.

Open yourself and let it enter.
The sun warming heart and soul.
The moon cooling down thoughts and mind.
The light within you growing rich and bright.

And then slowly slowly begin to shine.
Become the light yourself.
Share and give whatever you can.
Lighting up the world on your way.

See, share and give.
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Freie Vögel

Draußen ist es dunkel-kalt,
finstere Gesichter,
Menschen flüchten, suchen Wärme,
erfinden neue Lichter.
Leere Geister in den Häusern,
erquickt in Überfluss.
Sehnsucht wird betäubt mit Pflichten,
Zwängen und Verdruss.

Schrei'nde Herzen bitten Sonne,
Liebe ist ihr Licht.
Die Seele sucht Weite, um zu grasen,
und Fahrtwind in ihrem Gesicht.

Lass los, spann deine Flügel
und nimm den Mut zum Springen.
Vertrau dir, leb' die Freiheit,
statt nur von ihr zu singen.

Mit Leichtgepäck und frischem Geist
Angst bleibt zu Haus' zurück
bin ich alles, was ich brauch.
Mein Gefährte wird das Glück.

Gemeinsam fahr'n wir ohne Hast,
uns liegt die Zeit zu Füßen.
Durchs Fenster sehn wir wilde Zeiten
und Gedanken, die uns grüßen.

Von Wut zu Liebe, von Schnee zu Licht,
zu Menschen ohne Geld.
Über den Dächern und unter den Sternen,
regieren wir die Welt.

Zwei Menschen, vier Beine,
vier Räder, ein Ziel:
Neue Ufer immer wieder.
Kein Weg ist je zu viel.

Wir schlagen wie Wellen
an Felsen und Strände.
Wir tanzen und singen
und finden kein Ende.
Wir grübeln und lernen
und reden und lachen.
Wir schmausen und schwelgen
und träumen und machen.
Wir sind.
Für immer Kind.

So bleiben wir so jung,
wie hoch der Wind uns trägt
und gehen mit dem Menschen,
der uns grad versteht.

Und schließlich geh'n wir weiter.
Und manchmal auch allein.
So lass' uns bis zum Wiedersehen
freie Vögel sein.
Wild und bunt und liebend
und in der Welt daheim.

Muchas Gracias,
Dennis & Hedwig.
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3 Gründe warum wir manchmal schweigen sollten, obwohl es so viel zu sagen gibt

Es ist so still hier. Die Welt lauscht, das Blog schweigt. Warum sagt es denn nichts?
Es ist eine der längsten Funkstillen, die ich in diesem Rahmen je eingelegt habe. Meine Website zeigt Arbeiten von vor zwei Jahren, ist unangerührt seit Monaten, und erzählt von dem Mensch, der ich damals war. Und das, obwohl quasi Gedankenmassen ähnlich der Niagarafälle von dem Rand meines Horizontes hinunterstürzen. Gedanken, die sich, noch während sie gedacht werden, selbst überholen.

Warum also teile ich sie bis jetzt nicht mit der Welt? Ich habe bisher gut drei Texte vorbereitet, in denen ich versuchte zu ergründen und/oder zu erklären, warum ich so lange keinen Blogartikel mehr veröffentlicht habe. Keiner von ihnen bringt ausreichend zum Ausdruck, worum es dabei geht. Ich stecke wahrscheinlich selbst noch bis über beide Ohren in einem Prozess, der mir Klarheit darüber verschafft. Ich möchte mich hier trotzdem an einer Zusammenfassung der verschiedenen Baustellen versuchen.
Meine erste Vermutung – eine sehr simple Erklärung – war, dass ich dem Schreiben derzeit keine Priorität einräume, dass kein Platz dafür ist in meiner pulsierenden Woche. Aber das kann man so nicht sagen. Ich hüpfe und tanze und schlendere durch meinen Alltag und meine Gedanken formen bereits ganze ausformulierte Sätze fast so als würde jemand parallel jedes Grübeln, jede Idee und jede Erkenntnis in Worte kleiden, die in Gedanken-Bänden direkt abgedruckt werden könnten. Ich hätte diese also nur ergreifen und zu Papier bringen müssen. Machte ich aber nicht.

1. Der Schulterklopfer
Der erste Grund ist also ein anderer. Und zwar wahrscheinlich, dass ich mich bei vielen meiner Handlungen derzeitig frage, wofür ich sie tue. Warum und für wen?
Warum. Eine häufige Antwort auf die Frage, warum wir Dinge tun, ist, weil wir gefallen wollen oder Anerkennung suchen. Wir alle suchen nach Bestätigung. Wir wollen Bestätigung für die Kleidung, die wir tragen, die Marken, mit denen wir uns umgeben, den Lifestyle, den wir haben, den Ort, an dem wir leben, die Arbeit, die wir verrichten, die Dinge, die wir lieben.. – ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Für die meisten Dinge in unserem Leben wollen wir Anerkennung. Ob durch Likes, einen Schulterklopfer, Blicke, Kommentare, einen Status, eine Gruppe oder durch den eigenen Stolz. Das ist grundlegend auch in Ordnung und ich selbst nehme mich da nicht aus. Und trotzdem widerstrebt mir der Gedanke, dass wir Menschen nichts mehr tun können, ohne darüber zu reden. Und gelobt zu werden.

Und für wen? Wir leben in einem andauerndem Vergleich mit unserem Umfeld und dem Rest der Welt und vergessen bei all dem Miteinander-Messen und Idealen-hinterher-Gelaufe ganz, was wir selbst tief in unserem Inneren wirklich wollen. Will ich das, was ich gerade kaufe, besitze, plane oder tue, wirklich oder ist es etwas, dass ich von meinen Eltern, Freunden, der Schule, dem System, der Werbung oder der Gesellschaft, in der ich lebe, gelernt habe und als meine Realität angenommen habe? Uns einzugestehen, dass wir einigen wenigen Dingen, vielen oder vielleicht auch einem Großteil der Aspekte in unserem Leben blind und fremdbestimmt hinterherlaufen, tut weh. Ich erfahre diesen Schmerz gerade an jeder Ecke. Etwas nur für uns selbst zu tun oder etwas nur zu tun um des Tuns willen – ohne Zweck, Gewinn, Vergütung, Anerkennung, dem Streben, an ein Ideal heran zu reichen, oder eben einfach ohne es zu teilen – das offenbart sich für mich derzeit als sehr wertvoll und wunderbar.

Ich komme trotzdem zu dem Schluss, dass ich einen Schulterklopfer als Nebeneffekt akzeptieren kann, wenn ich ihn verdient habe, auch wenn das Augenmerk für mich nicht auf der Bestätigung und somit dem Nehmen liegt sondern auf dem Teilen im Sinne von bedingungslosem Geben. Das Teilen und Weiterreichen von Gedanken ähnlich einem Getränk, von dem ich einen Schluck nehme und es dir gebe, damit du sehen kannst, wie es dir schmeckt. Oder viel eher noch wie ein Bild, das ich beginne zu malen und an dich weitergebe, damit du deine Linien hinzufügen kannst, ihm eine neue Schicht verpassen kannst, mit ihm machen kannst, was du willst.

2. Das Hamsterrad des Teilens
Der zweite von mir identifizierte Grund für meine ausgebliebene Kommunikation ist, dass das Teilen von Bildern, Informationen und Momenten immer Zeit benötigt. Wenn wir etwas aufbereiten, findet die eigentliche Aktion in einer bestimmten Zeit x statt. Es kommt im Anschluss eine weitere meistens nicht unerhebliche Zeitspanne dazu, die wir nur damit verbringen, die erste verbrachte Zeit aufzuarbeiten. Ich erinnere mich, an ewige Portfolio-Arbeit und Projektdarstellungen, die zwar zum Job gehören, die aber meistens fast ein eigenes Projekt darstellen. Ich erinnere mich an Instagram-Posts, mit denen ich so viel Zeit verbracht habe, dass ich das zu teilende Erlebnis in der Zeit wahrscheinlich noch drei Mal hätte erleben können. Teilen wird zu einem Hobby, zu einer Freizeitbeschäftigung, nimmt ganze Stunden unseres Tages ein.

Und wenn wir dann erst zum Echtzeit-Teilen kommen, beschneiden wir sogar die Aktion selbst. Wenn ich an einem Wasserfall stehe und dabei eine Life-Übertragung schalte, wie ich vorm Wasserfall stehe, zeige ich dabei eigentlich nicht mich, wie ich vor einem Wasserfall stehe, sondern mich, wie ich teile, dass ich vor einem Wasserfall stehe. Das hat nicht nur zur Folge, dass ich weder den Wasserfall sehen kann, noch wirklich gedanklich am Ort bin, sondern auch, dass ich ja mindestens die Hälfte der Zeit und Aufmerksamkeit mit dem Teilen verbringe statt mit dem Erleben. Unsere Aktionen bekommen durch das Teilen also nicht nur manchmal einen anderen Zweck sondern verlieren sogar an Qualität. Wenn ich also meine Gedanken teile, während ich sie habe, oder im Verhältnis mehr teile, als ich eigentlich denke, habe ich weniger Zeit zum Denken und weniger Qualität der Gedanken. Eine sehr einfache Gleichung und ein klassisches Beispiel dafür, dass  Qualität vor Quantität Sinn macht.
Vielleicht brauchen wir bei der Flut der Gedanken und Erlebnisse einen Damm. Wir brauchen einen Staudamm, der uns vor Überflutungen und ungebremsten Massen schützt und schließlich nur ein kleines hübsch anzusehendes Rinnsal hindurch lässt – konzentriert, essenziell und wunderschön.

3. Gedanken auf der Überholspur
Und der dritte, letzte und damit zusammenhängende Grund ist das Verhältnis von Input zu Output bzw. der zeitliche Abstand dazwischen. Es ist fast so als sagte eine Stimme in meinem Kopf: »Bitte warten Sie einen Moment, Ihre Gedanken werden gerade verarbeitet. Dies kann einige Zeit dauern.« Darunter ein Ladebalken, der von 90% auch gerne mal zurück auf 40 springt.
Die Welt prasselt geradezu mit neuen Ideen, Werten, Lebenskonzepten und möglichen Türen, die einladend zur Auswahl stehen, auf einen ein. Ich persönlich merke, dass ich gerade sehr viel mit dem Input beschäftigt bin und vieles noch nicht ausreichend verarbeitet habe, um es mit anderen zu teilen. Was machen diese Gedanken mit mir? Wie verändern sie mich und wie verändere ich wiederum sie? Kann ich sie greifen und will ich das? Kann und will ich sie bewerten? Man kann schlecht lauschen, wenn man im gleichen Moment schreit – man würde ja eh nur sein eigenes Gebrüll hören. Also lausche ich und schweige. Mal schauen, was von draußen kommt, mal sehen was im Inneren passiert.

Was ich hier teile sind also diesmal Gedanken zu meinen Gedanken. Es ist ein bisschen wie mit jemandem darüber zu reden, dass man mal miteinander reden muss. Oder mit Leuten darüber abzustimmen, ob man über etwas abstimmt. Vielleicht ist es aber auch wie jemand anderem in die Augen zu sehen und ihm zu sagen: »Ich sehe dich.«, und damit viel mehr zu meinen als bloß, dass man ihn sieht. Vielleicht ein bisschen, wie in einen Spiegel zu schauen, der sich nicht vor dir befindet sondern in dir. Ein bisschen so fühlt es sich an.

Die Quintessenz: Warum ich trotzdem weiter teilen werde
Man sagt über Liebe, dass, wenn man sie teilt, sie sich verdoppelt. Und ich glaube, das gleiche trifft auf Gedanken zu. So wäre es doch eine Verschwendung, wenn ich Gedankengänge für mich behalte, die sich in exponentiellem Wachstum vervielfältigen und weiterentwickeln könnten. Ich gebe sie dir und du gibst sie zwei anderen und die wiederum zwei anderen.
Natürlich ist es auch ein bisschen wie mit der stillen Post und ein Gedanke kann sich auf dem Weg Gehirn–Mund–Ohr–Gehirn allein durch Interpretation und Horizont schon stark wandeln, aber genau darum geht es ja. Eine schillernde phosphorisierende Gedankenmasse, die ständig Farbe und Form ändert um mal angeregt tanzend, mal träge dahinfließend von Wirt zu Wirt wandert und sich wie eine Zelle teilt. Ein ungreifbarer wundersamer Organismus. Der umtriebige Organismus, der uns als Individuum und als Menschheit am Leben hält.
Dich, mich und uns alle. Und ich lausche und glaube, er tanzt und wabert und schillert gerade ein wenig…

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