Eine Reise durch die Wirklichkeit

 

Ich sitze in einem Zug zwischen den Welten. Und ich betrachte meine Umgebung und stelle fest, dass ich meine Aufmerksamkeit auf ganz verschiedene Dinge legen kann, ohne dabei den Blick abzuwenden.
Ich kann zum Beispiel auf die Fensterscheibe schauen und den Fokus meiner Betrachtung auf unterschiedliche Ebenen richten. Wenn mich die Menschen um mich herum anschauen, sehen sie mich nur, wie ich auf die Scheibe starre. Doch in mir durchlaufe ich verschiedenste Welten.

Ich kann nat├╝rlich zu erst einmal einfach aus dem Fenster schauen. Und dort kann ich auf den Horizont blicken, in die Ferne, in der alles nur sehr langsam ┬╗vorbei┬ź zieht. Oder ich kann die Dinge betrachten, die mir und dem Zug nah sind und in Windeseile ÔÇô in der Geschwindigkeit des Zuges ÔÇô an mir vorbei rauschen. Meine Augen ┬╗springen┬ź dabei und versuchen, immer wieder neue Dinge zu fokussieren, solange bis wir zu schnell sind und alles verschwimmt. Der Moment, in dem man zu schnell wird und alles verschwimmt, ist unangenehm und tut ein bisschen weh.
Das l├Ąsst sich wohl auch gut aufs Leben ├╝bertragen.
Und dann schaue ich etwas anderes an. Irgendwas beliebiges zwischen dem Zug und dem Horizont. Dort drau├čen ist eine ganze Welt. Und nach einer Weile abstrahiert sich das Bild und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich durch die Welt bewege oder an einer Welt vorbei oder ob die Welt sich an mir vorbei bewegt.
Es wird langsam dunkel drau├čen.

Je dunkler es wird, desto besser kann ich mein eigenes Spiegelbild sehen. Ich betrachte es lange. Ich betrachte es so, wie ich es noch nie betrachtet habe. Ich schaue mir in die Augen und stelle fest, dass es die Augen sind, mit denen ich es gerade ansehe. Ein verr├╝ckter Gedanke. Was w├Ąre, wenn ┬╗ich┬ź im Spiegelbild stecken w├╝rde, bzw. sich mein Bewusstsein auf das Spiegelbild ├╝bertragen w├╝rde? W├╝rde das f├╝r meine Wahrnehmung ├╝berhaupt einen Unterschied machen? Der Gedanke einer Bewusstseins-Spiegelung macht mich nach einer Zeit etwas unruhig und ich kehre zur├╝ck zu dem blo├čen Spiegelbild meines K├Ârpers.

Ich sehe neben meinem Spiegelbild auch noch das des Mannes, der mir gegen├╝ber sitzt. Er sitzt dort schon die ganze Zeit. Und er scheint neugierig zu sein, mich aber nicht direkt ansehen zu wollen. So starrt auch er auf die Scheibe. Und zwischendurch sieht er mich mal an. Jedoch nicht mich, die ich vor ihm sitze, sondern mein Spiegelbild. Und wenn ich sein Spiegelbild und seine Augen in der Scheibe anschaue, treffen sich unsere Blicke und wir haben ┬╗Augenkontakt┬ź ÔÇô in einer anderen Welt. Denn wir schauen uns nicht in die Augen. Wir schauen uns quasi ins Spiegelbild.

Dann l├Âse ich mich aus diesem Kontakt und wandere mit meinem Blick auf der Reflexion meiner Scheibe weiter in die Tiefe des Raumes. Dort sehe ich hinter mir die vier Sitze auf der anderen Seite des Ganges. Auf einem von ihnen sitzt ein Mann. Er arbeitet an seinem Laptop und ich kann erahnen, dass er etwas schreibt oder programmiert. Dann tippt er etwas in sein Handy, dann schreibt er weiter auf dem Laptop. Zu ihm haben sich zwei weitere Menschen gesetzt und sie reden in einer mir fremden Sprache miteinander und zeigen sich gegenseitig Dinge auf ihren Smartphones. Sie sitzen Knie an Knie mit dem Mann mit dem Laptop und seine platzsparende Haltung l├Ąsst in mir die Frage erwachsen, ob er wohl morgen R├╝ckenschmerzen haben wird.

Ich m├Âchte noch einen Schritt weiter gehen. Denn auch hinter ihnen befindet sich ein Fenster, das ich in der Spiegelung meines Fensters erkennen kann. Eine Scheibe, durch die ich einen weiteren Horizont sehen kann und ebenso Dinge, die dicht an ihr vorbei rauschen. Und auch in ihr sehe ich wieder Spiegelungen. Ich sehe in der Spiegelung meines Fensters die Spiegelung des Fensters hinter mir. Und die Spiegelung des Fensters hinter mir zeigt mich von hinten wie ich in die andere Richtung auf meine Scheibe blicke. Ich sehe mich also dabei an, wie ich mich ansehe. Es f├╝hlt sich ein bisschen an, wie im Kreis zu gucken.

Und dann kann ich nat├╝rlich auch noch die Scheibe selbst betrachten.
Sie ist dreckig und mit einigen Fingerabdr├╝cken versehen. Es sieht aus, als h├Ątte hier vor nicht allzu langer Zeit ein Kind gesessen und auf Dinge gezeigt, die am Fenster vorbeiziehen ÔÇô nur um dann festzustellen, dass es sie nicht anfassen kann, weil dort eine kalte durchsichtige Scheibe im Weg ist. Jede Ber├╝hrung dieser unsichtbaren Wand hat Spuren auf ihr hinterlassen. W├╝rde es wohl merken, wenn dort keine wirkliche Landschaft vorbeiziehen w├╝rde sondern ein Film von einer Landschaft? K├Ânnen wir den Unterschied wirklich ausmachen, solange dort eine Scheibe zwischen uns ist, die verhindert, dass wir die Dinge ber├╝hren?
Pl├Âtzlich l├Ąuft eine Fliege an den Fingerabdr├╝cken vorbei und l├Ąsst mich erkennen, dass die Scheibe f├╝r sie ungeachtet der Schwerkraft gerade der Boden ist, auf dem sie l├Ąuft. Ich versuche, gedanklich die Perspektive der Fliege einzunehmen. Wie verwirrend es sein muss, unter seinen eigenen F├╝├čen auf eine Welt zu blicken, die unter dem ┬╗Boden┬ź, der Glasscheibe, an einem vorbeirauscht. Man s├Ąhe den Horizont in der Tiefe unter sich. Mir vorzustellen, wie Himmel und Erde, ┬╗oben und unten┬ź aus dieser Perspektive wirken m├╝ssen, sprengt meine Vorstellungskraft. Je nach dem, in welche Richtung ich blicke, w├╝rde es wie ein landschaftliches Flie├čband von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne unter meinen F├╝├čen langlaufen. Ein schwindelerregendes Gef├╝hl. Doch die Fliege sieht das sehr wahrscheinlich so wie so ganz anders, weil ihre Augen andere sind und somit ihre Wahrnehmung eine andere ist und wahrscheinlich die geistige Verarbeitung dieser komplett anders abl├Ąuft.
Auch der Mann, der mir gegen├╝bersitzt, beobachtet die Fliege. Vielleicht denkt er das gleiche. Oder er ekelt sich. Oder er denkt ├╝ber ihre Sterblichkeit nach. Oder seine eigene. Oder er denkt gar nicht.

Nat├╝rlich kann ich nun auch noch alles betrachten, was sich zwischen mir und der Scheibe im inneren des Zuges befindet, bis hin zu meinem eigenen K├Ârper, meiner eigenen Hand ÔÇô bis hin zu meiner eigenen Nasenspitze.
Und das bringt mich zu einer weiteren physischen Ebene, die es zu betrachten gibt. Auf meiner Nase sitzt n├Ąmlich noch meine Brille. Und wenn ich mich gut anstrenge, kann ich in der Innenseite meines Brillenglases mein eigenes Auge sehen. Ich kann auch bei dieser Scheibe feststellen, dass sie Fingerabdr├╝cke besitzt oder dreckig ist. Und sie ist von einer besonderen Form und besitzt scheinbar magische Kr├Ąfte. Sie entscheidet n├Ąmlich dar├╝ber, ob ich den Horizont oder meine eigene Hand ├╝berhaupt sehen kann. Sie bef├Ąhigt meine Augen zu arbeiten. Sie ver├Ąndert, was ich sehe oder wie ich wahrnehme. Sie k├Ânnte die Welt um mich herum sch├Ąrfen und verunsch├Ąrfen, sie einf├Ąrben oder abdunkeln. Auch diese Beobachtung l├Ąsst sich aufs Leben ├╝bertragen, welches wir alle durch unsere ganz individuell eingestellten geistigen Brillen betrachten.
Der Gedanke des Brillenglases bringt mich zu meiner eigenen Linse, welche Licht durchl├Ąsst und ein Bild auf meine Netzhaut wirft, welches mein Gehirn dann verarbeiten kann. Ich kann diese Linse allerdings nicht sehen. Genau so, wie ich mein Auge nicht sehen kann. Und da passiert ein gro├čer Klick-Moment: Ich kann mein Auge nicht sehen, weil es das ist, was sieht. Und ich frage mich: Ist es so auch mit dem Selbst? Kann ich es nicht erkennen, weil es das ist, was erkennt? Und kann ich es deshalb ├Ąhnlich wie mein Auge nur als Spiegelung in anderen erkennen?

Ich springe aus dieser abstrakten Gedankenebene zur├╝ck ins physische Hier und Jetzt. Ich schaue mich um und frage mich, welche Gedanken die anderen Menschen hier gerade haben m├Âgen, welche Ebenen sie wahrnehmen und welche Scheiben sie betrachten. Die meisten blicken offenbar auf die Scheibe ihres Smartphones und in die horizontlose Welt dahinter.
Und dann frage ich mich, was Scheiben ├╝berhaupt f├╝r uns bedeuten und wie faszinierend Glas doch ist. Es ist transparent, durchsichtig, fast so, als g├Ąbe es vor, gar nicht da zu sein. Es sch├╝tzt uns einerseits und ist uns zugleich eine Grenze, die uns trennt. Mal l├Ąsst es Licht und unseren Blick durch und mal wirft es ihn zu uns zur├╝ck. Und dann sehen wir Dinge, wie zum Beispiel unsere eigenen Augen oder uns selbst von hinten ÔÇô Dinge, die wir sonst nie im Stande w├Ąren zu betrachten. Und wenn wir uns dieser Wirkung von Glas und Reflexion bewusst sind, er├Âffnet es uns die M├Âglichkeit einer Abgrenzung von innen und au├čen und das Wahrnehmen einer Tiefe, die physisch eigentlich gar nicht da ist. Wir k├Ânnen die Reflexion nutzen als Multiplikator parallel existierender Ebenen oder Realit├Ąten. Und wenn wir dies bis zum Ende denken, macht es uns dieses Element so nicht auch m├Âglich, Unendlichkeit zu visualisieren? So wie man es zum Beispiel von zwei sich gegen├╝berliegenden Spiegeln kennt?

Ich bin fast ein wenig ersch├Âpft von den Spr├╝ngen zwischen all diesen Ebenen. Ich merke, dass meine Wahrnehmungs-Kapazit├Ąt eine Grenze hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass manche Menschen sich irgendwo zwischen diesen Wirklichkeiten verlieren.
Ich beschlie├če, zur├╝ck zum Anfang zu gehen und aus dem Fenster zu schauen.
Wir stehen mittlerweile an einem Bahnhof. Drau├čen auf dem anderen Gleis steht ein anderer Zug. In ihm auf meiner H├Âhe sitzt eine Frau, die aus dem Fenster sieht. Und in dem Vierer hinter ihr ein Mann, der auf der anderen Seite aus dem Fenster sieht beziehungsweise auf die Scheibe schaut. Und ich sehe sein Spiegelbild auf jener Scheibe. Und ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht schauen wir uns gerade in die Augen.
Mir kommt ein Gedanke. Ich drehe mich um und schaue auf die Fensterscheibe hinter mir. Ich h├Ątte es nicht f├╝r m├Âglich gehalten, aber ich kann sogar in der Spiegelung dieser Scheibe den anderen Zug sehen. Und, wenn ich genau hinsehe, erkenne ich auch jenen Mann und sein Spiegelbild, welches er betrachtet.
Ich bin fasziniert. Wenn er w├╝sste, was ich hier gerade tue, k├Ânnten wir uns ┬╗in die Augen┬ź schauen, obwohl wir einander abgewandt in zwei unterschiedlichen Z├╝gen sitzen.

Nichts ist unm├Âglich.

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